Ein Schriftsteller & Herumtreiber

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Das Kreuz der Dünen

Tief in der Nacht, ans Kreuz der Dünen geschlagen, steht ein betrunkener Mann und wirft mit beiden Händen Flüche in die Brandung.
Er ist tätowiert und gepierced und die Ringe in den Brustwarzen kämpfen mit dem Mond um die Reste von Licht und Zeit

Ich frage ihn, warum er Flüche und händevoll Sand in die Brandung wirft und er antwortet mit erstickter Stimme: Es ist mein letzter Tag und es ist die Liebe, die ich hierlassen muss. Da kann ich ebensogut auch meine Wut ins Meer schleudern, findest du nicht?

Ich nicke und erinnere mich an all die Liebe, die ich hier schon zurücklassen musste und nimmermehr fand.
Die Trauer im Meer zu begraben, am Tag vor dem Flug, das erscheint mir sinnvoll, und heute bin ich der Mann, geschlagen ans Kreuz der Dünen

Zwischenstand und neue Tools

Mit meinem neuen Roman komme ich gut weiter und die Korrekturarbeiten an meinem fertigen Manuskript, das im Juni unter dem Titel Du warst der Plan im Juni 2024 veröffentlicht wird, sind abgeschlossen. Vielen Dank an SuSe vom Papyrus Autor Forum.

Der Roman, an dem ich gerade arbeite, ist die direkte und unmittelbare Fortsetzung zu Du warst der Plan und die Arbeit am Konzept für den dritten Band kommt auch voran. Apropos Planung: Ich schmeiße ja meinen Toolstack regelmäßig und oft um, wenn ich mich in die Idee verbeiße, ein neues Werkzeug auszuprobieren. Am häufigsten wechsle ich die Notiztools und aktuell reißt es mich zwischen Zoho Notebooks, Evernote und Upnotes herum. Wieso gerade die drei? Erzähle ich Euch:

Evernote

Evernote hat vor rund einem Jahr den Besitzer gewechselt und gehört nun einem in Italien ansässigen, europäischen Unternehmen namens Bending Spoons, und nach einer Stabilisierungsphase und einigen Justierungen bei der Performance macht Evernote gerade eine interessante Transformation des UI durch – es wird, heller, freundlicher und angenehmer zu arbeiten. Das macht Evernote für mich attraktiv – die Preisgestaltung von Evernote relativiert den guten Eindruck allerdings. Der Personal Plan kommt auf 100€ im Jahr.

Zoho Notebook

Mit Zoho Notebook hatte ich schon vor Jahren geliebäugelt, denn das Tool gibt es schon seit einigen Jahren auf dem Markt. Es ist mehr oder weniger ein Nebenprodukt des indischen Softwareherstellers Zoho, die auf CRM-Produkte spezialiert sind und seit einiger Zeit auch eine sehr kostengünstige, hochprofessionelle E-Mail-Lösung anbieten, die ich nun seit Jänner 2024 für Mail., Kontalke und Termin nutze. Die Preise hierfür sind sehr charmant. Die Notebook-Solution allein kostet rund 17€ im Jahr. Zoho Notebook bietet nicht den Funktionsumfamg von Evernote und ist in manchen Funktionen noch nicht so ausgereift, aber das Tool hat seine ganz eigene, verspielte Eleganz, und in Zusammenarbeit mit Zoho Mail, in das man das Notebook friktionsfrei einbinden kann, ist es sehr überzeugend. Noch überzeugender für Freunde des Datenschutzes: Zoho betreibt weltweit mehrere Datencenter und Produkte von Kunden in der EU werden automatisch im EU-Datencenter angelegt und gehostet. DSGVO-garantiert.

Upnote

Mein Herz schlägt jedoch für Upnote, dem Produkt einer handvoll vietnamesischer Programmierer. Upnote kann, wenn man will, rein lokal betrieben werden. Dazu braucht man nicht einmal einen Benutzernamen und ein Passwort, kann aber sehr wohl das ganze Notizbuch oder einzeöne Notizen passwortschützen. Synchronisiert man Upnote, braucht man klarerweise Benutzername und Passwort. 2FA wird derzeit noch nicht angeboten, aber ich denke, ein 35-stelliges Passwort tut es auch. Man kann sich über die eigene Mailadresse authentifizieren oder über iCloud und Google Profile. Beides kommt bei mir nicht infrage.

Upnote ist sehr leicht, extrem schnell, verfügt über ausgereifte Funktionen und ist bedienfreundlich, hell und angenehm. Eine Lifetime-Lizenz kostet einmalig rund 30€, was ich mehr als nur wohlfeil finde.

Abschließende Gedanken

Evernote ist sehr gut, wenn man damit sein ganzes Leben managen will, Dokumente reinscannen und diese durchsuchen können will, Pläne macht, Aufgaben abarbeitet, Evernote ist die eierlegende Wollmilchsau, ein wenig eitel und preislich im oberen Teil des oberen Drittels angesiedelt. Hat etwas von der geilen Bitch im Club, die jeder will, sich aber nicht alle leisten können – oder wollen.

ZOHO Notebook glänzt mit einem sehr fairen Preis, einem eigenwilligen Design und einer sehr guten Verzahnung mit den anderen Tools von ZOHO. Für mic ist es noch um einen Deut zu verspielt und es mangelt an einigen Funktionen, wie zB Notebookstacking, Books in Books und an Performance.

Upnote ist schnell, hell und freundlich. Für Datensicherheitsfreunde ist es irritierend, dass Upnote kein 2FA anbietet und das die Daten werden, wenn man sich dazu entscheidet, sie synchrom halten zu wollen, auf einem Firebase Server gespeichert, der wiederum ein Produkt von Google ist. Diese Tatsache ist für mich wie ein Hauch von Zahnweh, aber ich denke, dass die Entwickler gesprächsbereit sind, die Datenbank, die lokal angelegt wird, in Zukunft auch in einem Cloudverzeichnis ablegbar zu machen.

Für meine Zwecke reicht Upnote vollkommen aus. Wofür verwende ich es? Ideensammlung für Urlaub, Ideensammlung für Bücher, Reiseplanung, private Notizen, Clippings von Zeitungsartikeln.

Das alles kann Evernote noch besser, ist aber eben auch wesentlich teurer.

Mystifikationen

Eine Weile lang trieb ich mich auf Threads herum, dem neuen Mikrobloggingdienst von Meta. Einfach, weil es sich anbot, und zweitens, weil es für ein paar Tage tatsächlich so aussah, als würden sich dort hauptsächlich Leute treffen, die wirklich über Kunst reden wollten. Über Fotografie, Malerei, digitale Kunst, Schriftstellerei. Das war nichts. Die unter dem #bookthreads gesammelten Einträge stammten in erster Linie von Selfpublishern und Einmannbetrieben, die den Selfpublishern zuarbeiten: Lektorate, Coverdesigner, Buchsatz, Korrektorate.

Der Tenor dort war: Eigentlich sei man Selfpublisher, weil man als Literaturrevolutionär die Alternativen zu den herkömmlichen Verlagen unterstützen wolle und weil man bei den großen Verlagen viel eher eine Chance hat, wenn man als Selfpublisher bemerkenswerte Verkaufszahlen vorweisen kann. Und dafür scheint jedes Werbemittel recht. Die Strategie der hauptsächlich jungen User auf Threads unter dem #bookthreads war scheinbar, zuerst einmal einen Missstand zu beklagen und in die Menge zu fragen, ob das andere auch so sehen. Zum Beispiel die Marginalisierung von Randgruppen durch etablierte Verlagshäuser. Oder Ausgrenzung älterer User durch jüngere. Seht Ihr die Verlagsautoren auch als so arrogant wie ich?, fragen manche.

In einer Diskussion, die sich auf Threads ergab, meinte eine junge Frau, die von sich behauptete, Literatur zu studieren, ich sei auch nur ein Vasalle der etablierten Verlage, die Randgruppen stigmatisieren und marginalisieren. In herkömmlichen Publikumsverlagen zu veröffentlichen, gelänge nur alten, weißen Männern, weil die herkömmlichen Publikumsverlage ausschließlich von alten, weißen Männern kontrolliert würden.

Auf meine Frage, was denn die Alternative wäre, antwortete sie, natürlich Selfpublishing. Meine Widerrede machte sie wütend: Was ist mit all den Menschen, die schreiben wollen und es vielleicht sogar können, die sich aber den Weg als Selfpublisher einfach nicht leisten können? Denn nicht jeder kann sich – neben der eigentlichen Arbeitszeit am Roman – die Kosten für Covergestaltung, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz leisten. Abgesehen von den Marketingkosten und der Zeit, die auch dafür draufgeht. Eigentlich, sagte ich in dieser Debatte, sei Selfpublishing eine sehr elitäre Angelegenheit, die alle marginalisiert, die sich diesen Weg nicht leisten können.

Das war die Diskussion, ich denke aber einen Schritt weiter, und zwar ganz unzimperlich: Die Mär von den alten weißen Männern, die die herkömmlichen Verlage steuern und verhindern, dass junge, marginalisierte Autoren „seriös“ veröffentlicht werden, ist eine Mystifikation. Gute Schriftsteller werden nach wie vor in herkömmlichen Verlagen veröffentlicht, und die, die es auch nach zig Einsendungen nicht schaffen, in einem Standard- oder Kleinverlag veröffentlicht zu werden, tröstet sich eben mit der Geschichte von der hermetischen Literaturszene, die PoC, LGBTQ+, Frauen, Ausländer ganz allgemein, an erfolgreichen Publikationen hindert. Klingt auch irgendwie besser als: Die nehmen meine Manuskripte nicht, weil ich keinen blassen Dunst davon habe, eine erzählenswerte Geschichte zu verfassen. Natürlich verteidigen die Selfpublisher ihre Herangehensweise mit Zähnen und Klauen. Selbst solchen Stuss wie den mit den „Bullysexfantasien „Dark School Bully Romance“ von Penelope Douglas. Ich habe die Leseproben der Autorin auf Amazon gelsen und kann mich nicht erinnern, jemals zuvor derart hölzerne, unbeholfene und marktschreierische Texte gelesen zu haben.

Und statt sich darüber auszutauschen, wie man denn nun einen guten Roman schreibt, geht es dort um Triggerwarnungen, Sensitivity Reader und Sub-Sub-Subgengres, um dem Leser in spe ganz, ganz genau sagen zu können, was ihn in diesem oder jenem Roman erwarten wird. Und das alles in einem passiv-aggressiven Ton, der an Giftspuckerei grenzt, maßlos überheblich, gleichzeitig aber gespielt kindhaft und verletzlich: Stussfabrikanten im Dauereinsatz. Die Marginalität, die eigene Verletzlichkeit als Rammbock gegen jede Art der Kritik. Sie alle wollen nur über ihren Schmerz reden. Ununterbrochen, 24/7. Und das ist, mit Verlaub, totlangweilig.

Warum ich mit Socialmedia hadere

Einer der Hauptgründe, warum ich so eine elend dynamische Beziehung zu SoMe habe, ist, dass ich einerseits schon gerne lese, was los ist oder das Gefühl habe, beteiligt zu sein – auch, wenn das, woran ich beteiligt bin, eigentlich völlig unwichtig ist. In einem anderen Beitrag habe ich geschrieben, dass ich mich von Threads schon nach zwei Wochen zurückgezogen habe, und in dem Aufwischen habe ich heute, am 25.12.2023 auch gleich wieder Facebook gecancelt.

Das Auf & Ab und Hin & Her resultiert aus Neugierde (Gravitation) und Befremden über die Inhalte (Schwungkraft). In derstandard.at wurde in einem Artikel gefragt, ob Bluesky der Twitterkiller ist, und allein das Kampfgetöse in den Artikeln stößt mich ab. Im Artikel schrieb der Redakteur auch sinngemäß, dass das eher erratische Verhalten von Elon Musk, die Leute, die ihre Meinung äußern wollen, von Twitter wegtreibt. Und da hatte ich den Dolch, den ich für den meuchelnden Dolchstoß brauchte: Will ich wirklich einer von denen sein, die immer ihre Meinung äußern müssen, deren Bedarf, sich zu äußern, so dringend ist, dass sie einer SoMe-Plattform private Daten überantworten, sich um Follower bemühen, weil es ja nur wenig Sinn hat, eine Meinung zu haben und sie zu äußern, wenn einem niemand zuhört. Der ständige Balanceakt, provokant genug zu sein, um bemerkt zu werden, aber nicht zu sehr, um nicht gewonnene Follower zu vertreiben – außer man lebt und werkelt schon völlig schambefreit wie zum Beispiel die Redakteure vom Exxpress auf Twitter. Da ist schon alles wurscht. Ehrlich, ich habe nicht viel mitzuteilen – das ist der letzte Grund, der mir auf Anhieb einfällt. Ich will und kann nicht 24/7 witzig und originell, spannend und aufregend sein. Niemand kann das. Viele glauben, dass sie es können. Ich bin diesbezüglich voller Zweifel.

Threads

Nach nur zwei Wochen gebe ich mein Profil bei Threads wieder auf. Selten – noch nicht einmal bei Twitter – habe ich eine solche Ansammlung von Menschen erlebt, die bei dem Versuch, das Toxische, vor dem sie fliehen, auszuschließen, selbst im Höchstmaß giftig und zerstörerisch werden. Snowflakes mit Stacheln sozusagen, blutrünstige Einhörner.

Threads kommt mir vor wie eine Holzplanke im eisigen Atlantik, und von einem sinkenden Schiff paddeln nassfellige Ratten hinüber und krabbeln übereinander, um sich die beste Position auf der schaukelnden Planke zu sichern. Die Gehässigkeit ist widerlich, das Auf- und Abgehüpfe um Aufmerksamkeit abstoßend. Like4Like, Follow4Follow, das Generieren von Aufmerksamkeit durch das Hochjazzen vollkommen banaler Alltagsthemen, hyperwoke Selfpublisher, die eigentlich nur talentlos Selbstdarsteller sind, Hochstapler, Wichtigmacher und Poser. In ihrem Bemühen, sich eine besser Bleibe zu schaffen als bei Twitter, vergiften die Leute die Plattform und sie ist bereits imprägniert von Meinungsscheiße und seelischem Erbrochenem.

Zeit zu gehen.

Die Notizbücher

Die Moleskine-Jahre

Mein erstes Notizbuch war ein unliniertes A6 Büchlein von Moleskine mit Softcover, der Klassiker. Die Marke nutzte ich dann über neun Jahre und füllte etwa zehn Bücher. Zwischendurch kaufte ich die A5-Version liniert, einmal versuchte ich, einen Kalnder zu führen, ließ das aber, weil ich zu der Zeit, also rund um 2016-2017 intensiv den Google Kalender nutzte.

Der Gedanke, das Motiv dahinter, meine Gedanken in Notizbücher zu schreiben, hatte schon etwas mit dem Wunsch zu tun, etwas mit Stil zu tun. Dachte ich zumindest. Das Gefühl wurzelte jedoch auf einer wesentlich tieferen Ebene, wo ich dachte, dass es Gedanken und Ideen gibt, die nur mir gehören sollen. Nur für mich zu schreiben, nicht, um mich später an dies oder das zu erinnern, sondern um mich im Moment des Schreibens zu erinnern.

Ich kaufte meine Notizbücher im stationären Handel. Das heißt nicht, dass ich in ein geheimes Papierwarengeschäft in der Innenstadt ging, wo ein alter Mann, wie der in der Buchhandlung in dem Film Die unendliche Geschichte, in der Ecke sitzt und grantig über den Rand seiner Brillen blickt – nein, ich kaufte die Notizbücher bei Thalia und nutzte die Gelegenheit und trank dort dann auch mal Kaffee und gustierte, was es sonst noch an Notizbüchern gibt.

Leuchtturm und Bulletjournal

Etwa ein Jahr lang versuchte ich, mit dem Bulletjournal warmzuwerden, das von Leuchtturm1917 nach dem Entwurf von Ryder Carroll produziert wird. An und für sich gefiel mir das Herumgepussel mit den Vorgaben, stellte aber fest, dass ich nicht vorhatte, mein Leben damit zu organisieren. Für Kritzelei, Sticker aufkleben und Absätze reinschmeißen, war mir das Bulletjournal dann doch zu konzeptionell. Ich bevorzuge Canvas, die leere Leinwand.
Ich führte das Buch nicht zu Ende und kaufte mir stattdessen zwei sehr schöne Notizbücher von …

Beechmore

Die Notizbücher von Beechmore sind edel. Ganz einfach. Sie haben dickes Papier, auf dem man gut schreiben kann, sie liegen gut in der Hand und der weiche Ledereinband fühlt sich wertig an. Ich habe zwei davon gekauft, einen für die Arbeit und einen für private Angelegenheiten. Ich hatte mich für die Edition in kastanienbraun, Größe A5 entschieden. Das private Buch habe ich vollgeschrieben, das für die Arbeit … nun ja, da habe ich noch Platz. Mir würde eine A6-Variante der Beechmorebooks gefallen, die scheint aber derzeit nicht verfügbar zu sein.

Auf der Suche nach etwas anderem, etwas Neuem, fand ich durch einen Kollegen, der so ziemlich alles, was er tut, mit Stil tut –

Paper Republic

Paper Republic hat seine Manufaktur in Wien, kauft aber Produktteile aus Frankreich und Belgien hinzu. Bei den Notizbüchern von Paper Republic geht es weniger um Notizbücher, als vielmehr um ein Konzept, wie man die Dinge, die man schriftlich festhalten will, bündeln und zusammehalten kann. Das Konzept sieht vor, einen Ledereinband zu haben, in den man austauschbare, beziehungsweise immer neue Notizbücher mit Gummiband hineinfixiert. Sowohl die Qualität des Leders wie auch des Papiers sind unschlagbar gut. Der Preis ist nobel; für ein Paper Republic Grand Voyageur XL legt man schon 60€ hin. Das ist nicht ganz ohne. Tröstlich, dass man zumindest den Umschlag nur einmal kaufen muss. Alles andere kann man dann als Subscriber mit 20% Nachlass recht kostengünstig nachkaufen. Vielleicht kaufe ich auch ein zweites Set für Reisenotizen, also die Pocket-Version

Als Schreibwerkzeug nutze ich jetzt einen Caran d’Ache 849 mit blauer Mine. Das Ding kostet wohlfeile 22€ und schreibt schöner als mein Waterman Hémisphere oder der schwarze Parker Tintenroller. Die Moleskine Kugelschreiber würde an und für sich ganz gut schreiben und ich würde sie öfter nutzen, aber sie liegen sehr ungut in der Hand und machen einen alles andere als wertigen Gesamteindruck; so als würden sie beim nächsten mal Mine rausdrücken, auseinanderfallen.

Mit der Hand

Mit der Hand zu schreiben – glaube ich – erfordert mehr Hingabe und Fokussierung, als irgendetwas in eine Notizapp zu tippen. Schreibt man mit der Hand auf Papier, widmet man sich der Sache, die man festhalten will, mit mehr Ernsthaftigkeit. Notizapps machen den User zu Informationsmessies. Quantität vor Qualität. Mit der Hand zu schreiben bedeutet auch, genauer darüber nachzudenken, was es wert ist, notiert zu werden und was weggelassen werden kann. Man trifft die Entscheidung intuitiv, während man kritzelt. Das Hirn arbeitet freudiger, kommt mir vor. Und schlussendlich ist es auch Zeit, die man sich für sich selbst nimmt.

Dass jetzt, in der vermeintlichen Endrunde der Coronakrise, die Menschen sich vermehr alternativen Lösungsansätzen zuwenden und oft nach Lösungen jenseits von Internet, PC und Smartphone suchen, zeigt mir, dass das Dauergedröhn der Informationskrieger nicht mehr beeindruckt sondern ermüdet. Dass der Zwang, präsent zu sein, zunehmend als Belastung wahrgenommen wird, und dass die Menschen den Begriffen „privat“, „autonom“ und „souverän“ mehr Bedeutung beimessen.

Dreht den ganz Social Media Krempel ab, geht raus, nehmt ein Notizbuch mit und schreibt, um Euch im Moment des Schreibens zu erinnern. Nein, nicht Fotos machen. Schreiben. Mit der Hand auf Papier. Nur für Euch selbst – als Privatpersonen.

Das Private

Der Motor der Zerstörungsmaschine des Privaten ist die Sehnsucht des Menschen nach Anerkennung. Für Leistung, Besitz, für die Familie, für die Lebensweise. Die sozialen Medien machten aus diesem Bedürfnis eine Travestie, in dem sie Anerkennung von einer möglichen, vorangegangenen Leistung entkoppelten. Du zeigst im Internet Babyfotos, mit schicken Filtern bearbeitete Stills von der Urlaubsreise oder unzählige Bilder von Dir selbst, und wirst dafür geliked. Du musst nichts Besonderes sein oder leisten, um geliked zu werden. Du musst nur das Private aufgeben und Dein Leben in den Schaukasten stellen, um gemocht zu werden. Das ist verführerisch, denn überall lauert die Belohnung und die Belohnung ist an keine besondere Qualität mehr gebunden. Sei Du selbst, ganz natürlich wie Du bist (ein paar Filter hie und da betonen doch nur die Natürlichkeit, oder?), und schon wirst Du gemocht.

Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie es wäre, wenn Du vormittags zum Hofer einkaufen gehst, und die Leute, die dort gerade Einkaufswagen an sich nehmen oder zurückgeben, die gerade aus ihren Autos steigen oder die Einkäufe verladen, unterbrechen, was sie gerade tun, sehen Dich voller Hochachtung an und klatschen und zeigen Daumen hoch und Du hast keine Ahnung, warum …

Das verallgemeinerte Gemochtwerden zerstört das Fundament tiefer, innerer Zufriedenheit mit sich selbst. Du musst Dich nicht mehr vor Dir selbst rechtfertigen, Dich für erbrachte Leistungen loben und mit Dir selbst ringen, um vor Deinen eigenen Augen Anerkennung zu finden. Du musst nur Facebook aufmachen, ein Foto von Dir posten mit einem halbklugen Satz vom Wandkalender, und Du wirst geliked, geherzt und von allen geliebt. Weil Du einer von ihnen bist, zur Schar gehörst und den neuen Status Quo bestätigst, in dem Du mitmachst.

Dass das alles hohl ist, nicht trve, spürst Du wie ein fernes Säuseln. Du kennst den Unterschied zwischen einer Plastikbrille von Wish und einer Ray Ban, Du kennst den Unterschied zwischen 12€ Schuhen und Bugatti. Dein Verstand kennt den Unterschied zwischen echter Resonanz und sozialen Medien. Und trotzdem wählst Du Plastik, Ramsch und Tineff. Weil Dir der Wert der Sache gar nicht mehr so wichtig ist wie die Quantität. Um den Preis einer Ray Ban bekommst Du 70 Plastkbrillen bei Wish und damit 70 x das Gefühl der Belohnung. Du spürst, dass das Leben hohl geworden ist und an geschmack verloren hat. An Echtheit und Resonanz. Da hilft nur eins: Die Ablenkung lauter drehen. Noch mehr Bilder, noch mehr vollmundige Postings, noch mehr Videos. Likes sind die Zigaretten von heute und die Social Media Manager sind die Drogendealer unserer Zeit. Und in der Welt, die sie Dir zur Verfügung stellen, hat das Private keinen Platz. Es ist egoistisch, kontraproduktiv und schädlich.

Das Private ist keine Verschlüsselung oder eine Sicherheitseinstellung, und es ist mehr als nur ein Konzept. Es ist eine Lebenseinstellung.
Natürlich kann man Verschlüsselungstechnologien verwenden und Mailserviceprovider, die großen Wert auf Datensicherheit und Privacy legen – die Frage, die man sich zuerst stellt, sollte aber immer sein: Brauche ich das wirklich Oder will ich es nur, weil es chic ist? Weil es sich so schön anbietet und professionell rüberkommt?

Privatheit bedeutet in diesem Zusammenhang auch: Ausräumen und entrümpeln. Weg, was man nicht wirklich braucht, Platz machen, die scheinbare Verpflichtung, Apps zu nutzen, weil sie so fancy sind, so produktiv zu machen scheinen – weg damit. Privatheit bedeutet auch, sich auf das Besinnen, was einem wirklich wichtig und wertvoll scheint und darin etwas entdecken, das man durch Privacy schützen will.

Am Sommerberg

Heute war ich bei meinen Eltern auf Besuch, um Mama mit dem Mailprogramm zu helfen und um gemeinsam den alten Kühlschrank zu verschieben.

Das war eine Nachwehe vom gestrigen Familienbesuch, als wir uns alle in Biedermannsdorf trafen, um ein Familienfoto zu schießen. Richard wollte nach dem Essen beim Fahrradheurigen Holzgruber nach Hause, weil ihm der Fuß wehtat. Deshalb fuhr ich heute allein raus, tankte bei der Gelegenheit das Auto, wusch es und saugte den Innenraum. Das ist alles nur Geplänkel, die Vorgeschichte. Auf dem Weg nach Hause beschloss ich, beim Gemeindeteich von Biedermannsdorf einen Zwischenstopp einzulegen und auf dem Feldweg nach hinten zu gehen, am Teich vorbei, in der stillen Hitze des Tages, im Geruch des trockenen Grases. Ich versuchte nach Echos zu lauschen. Die Erinnerungen sind angestaubt, aber sie sind da. Als ich vor 40 Jahren hier entlang ging.

Von zu Hause gegen 10:00 am Birkenweg zum Teich, der damals noch zum Wildbaden war – kein Zaun, keine Uferbegrünung, keine Kantine. Fritz Kling, Peter und Franz Jägersberger, Michael Zraly, Reinhold Atlas, ich und seufz Walter Kroboth. Mir fiel heute ein, dass wir damals an einem Sommertag ein Foto da oben gemacht haben: von links nach rechts: Reinhold, Fritz, Michael, Peter. Vielleicht war es auch im Herbst, doch es war vor 40 Jahren. Damals lag die Welt vor mir, frisch und glitzernd wie das Ejakulat aus dem ersten feuchten Traum eines Jungen.

Ich konnte beinahe durch die Jahre hindurchgreifen und denselben Tag spüren. Ich roch ihn, ich war ihm nahe, nur durch eine Membrane getrennt, die Leben heißt. Die rotzige Obszönität von Michael, die engelhafte und ernste Schönheit von Fritz. Walter tragische, ungarische Eleganz und Schönheit, Reinholds Erwachsensein. Die Freunde meiner wirren Teenagerjahre. Der Geruch von Sonnenmilch und Seewasser, wie wir uns gegenseitig mit Wichsbewegungen jagten und mit Sonnenmilch anschweinten, von der Zukunft träumten und schwadronierten, wenn wir nass und schwer atmend auf den Badetüchern lagen.

Ich stand da oben eine Weile. Die schräg geschlichteten Stahlbetonplatten, auf denen sie gesessen hatten, als ich das Foto geschossen hatte, damals im Sommer 1982, die sind weg. Die Hitze und die Stille sind noch da, die Felder und Sträucher auch. Ich ging zurück über den Feldweg zum Parkplatz, wo ich das Auto abgestellt hatte, hörte den Wind in den trockenen Blättern der Bäume rascheln.

Meine Güte, waren wir lebendig!

Cyborg me – Zukunftsvisonen in Moll

Der Roman Cyborg me war als alleinstehendes, kurzes Werk gedacht, in dem ich auf literarische Weise die Filmmusik von Vangelis zum Film Blade Runner darstellen wollte, ohne direkt auf den Film zu referenzieren. Es geht wieder um eine Liebe zwischen Mensch und … nicht ganz Mensch. Um eine Zukunft, die ebenso berauschend ist wie beängstigend. Aber noch mehr: Die Geschichte eröffnet mir eine Möglichkeit, die Vorvorgeschichte zu meinem Roman Die Inseln im Westen zu erzählen. Und auch zu Coda – der letzte Tanz. In nicht all zu naher Zukunft werde ich mich daran machen, die nächste Geschichte schreiben, die in diesem Universum spielt: Wie die Welt, wie wir sie kennen, zerstört wird durch einen Tortur Doll, der in seinem Leben als Mensch ein Elitesoldat der sibirischen Befreiungsarmee war. Samson und Max werden zu einer Art Moses-Gespann, das mit Menschen, die ihnen glauben, zu einem Weltraumschrottplatz in Mittelamerika gehen, um dort aus den Trümmern alter Frachter ein Arche zu bauen. Das Ende wäre die Erklärung, wie die Planeten Nib und Amid entstanden und das planetare Trümmerfeld, das diese Welten umfasst, so wie der Kojpergürtel unser Sonnensystem umfasst …

Damit bestünde die gesamte Geschichte folgende Romane – geschrieben, in Planung und/oder in weiter Ferne:

  • Cyborg me (veröffentlicht)
  • Trümmerwelt (Der Nachfolgeroman, noch nicht in Planung)
  • Die Inseln im Westen (veröffentlicht)
  • Coda – der letzte Tanz (veröffentlicht)
  • Nibis Amida (Rohmanuskript unter dem Arbeitstitel „Sphere“ fertig)
  • Das kalte Universum (letzter Teil, Rohmanuskript begonnen, ca 30%)

Gerüche, die das Leben begleiten

Weil es mir gerade durch den Kopf geht: ich habe Euch noch nie davon erzählt, wie sehr ich gute Gerüche mag. Tatsächlich habe ich mein sehr laienhaftes Interesse an Parfums mit einundzwanzig Jahren entdeckt, als ich mich aus einem sehr unerfreulichen Abschnitt meines Lebens befreite und neu anfing (nicht, dass dieser Neuanfang von Erfolg gekrönt war. Das dauerte noch sehr lange …)

Das erste Parfum, das ich bewusst als Parfum, als Herrenduft wahrnahm, war Cacharel Pour L´Homme. Der Mann, Franz, der mich seinerzeit 1988 aufnahm, als ich mehr oder weniger obdachlos war, hatte einen Freund, Schiel genannt, der in einer Drogerie arbeitete und immer wieder Testflaschen mitbringen konnte. Cacharel also. Das war, soweit ich mich erinnern kann, ein zitronig-herber Geruch, den ich wirklich mochte. Bis dahin hatte ich mit solchen Düften nichts zu tun, Ich kannte nichts Intensiveres als Axe Duschgel.

Im März 1990 war ich das erste Mal in meinem Leben mit dem Flugzeug unterwegs. Das Ziel war Gran Canaria. Der Besitzer des schwulen Lokals „Alfis Goldener Spiegel“, Alfi himself, hatte mich eingeladen, eine Woche in Las Palmas zu verbringen.

Das war mein erster echter Urlaub als Erwachsener, also als junger Erwachsener. Ich war auf einer Insel im Atlantik und berauscht von den Gerüchen: Der Geruch des Meeres, des Schwemmholzes, Sonnenöl, gebratener Fisch, gekochte Kartoffel, weiter drin im Landesinneren, der Geruch von Nadelhölzern und Eukalyptusbäumen, in der Gegend um Tejeda, der Duft von Mandeln, und dieser bezaubernd, irritierend hübsche Canario namens Sergio (weißes Hemd, bis zum Brustbein offen, braun gebrannt, schwarze Locken, hellbraune Augen – ich war fix und fertig) Und er roch berauschend. Wir trafen uns einige Male am Strand, abends in den von Leben durchfluteten Gassen von Las Palmas, ein paar Mal in der Disco Trebol. Sein Duft wurde für mich zu einem integralen Bestandteil seiner Person, und als wir dann einmal an einem gewittrigen Tag in seiner kleinen Wohnung in Las Palmas intim waren, wirkte sein Parfum auf mich wie Poppers. Es handelte sich dabei um Dior Fahrenheit.

Dieses Parfum liebte ich jahrelang. Gleichzeitig mochte ich Lagerfeld Classik – es riecht, wenn ich mich richtig erinnere, nach Mandeln. Ein anderes Parfum, das ich immer mochte, war Issey Miyake pour homme, das auch sehr zitronig und würzig riecht.

Ein Parfum, das ich zwei oder drei Jahre lange nutzte, so um 2015 – 2019, war Totem Orange von Kenzo. Eine limitierte Serie, die dann mal aufgelassen wurde und nie wieder nachproduziert wurde.

Das hatte eine ganz eigene, erdige Frische und für eine Zeit lang war das für mich der Geruch von Kuba. Der Geruch ist für mich verbunden mit der vor Lebendigkeit zitternden, feuchten Natur des kubanischen Landes, es riecht nach einem Strand im Sommerregen, nach Regen, der auf Palmen fällt. Es riecht nach dem Malecon in Havanna, nach Gesprächen nach Mitternacht unter dem Mond, der über dem Golf von Mexiko steht wie hingemalt.

Ein anderes Parfum, das ich von 2014 bis etwa 2015 nutzte, war Nuit D‘ Issey

Das mochte ich, weil der Duft für mich fast nicht einzuordnen war. Vielmehr vermittelte es mir eine Art Lebensgefühl, das ich mochte. Jemand, der Übung darin hat, Parfums zu beschreiben, könnte das wohl besser auf den Punkt bringen – ich kanns nur so weitergeben:

Dabei ist der Duft recht dezent. Ich denke, er hat ähnlich wie BPH die Fähigkeit, bei einem passenden Träger mit dessen Eigengeruch zu verschmelzen, sodass man gut, aber eben nicht parfümiert riecht

https://www.parfumo.de/Parfums/Issey_Miyake/Nuit_d_Issey

Jetzt, 2022/23, haben Richard und ich unsere Regale im Badezimmer ein wenig bereinigt und wir verwenden n erster Linie drei Parfums, die allesamt eher holzig/fruchtig/erdig wirken: Tom Ford Oud Wood, Tom Ford Tobacco Vanille und Xerjoff Naxos. Obwohl ich Richard das Tobacco Vanille geschenkt habe und das nun in unserer Familientradition seines ist, benutze ich es hin und wieder gerne, weil ich dem Geruch einfach baden kann. Xerjoff Naxos habe ich zum Geburtstag bekommen und das ist jetzt quasi mein Geruch. Das Parfum umfasst so ziemlich alle Düfte, die ich mag und kombiniert sie sehr harmonisch (Tabak, dunkler Honig, Kardamom, Tonkabohne …), aber es hat noch keine Geschichte in meinem Leben, mit dem ich es verknüpfe. Das kommt erst. Es passt für mich gut zur Adriaküste, hat etwas von Abenden an der slowenischen Felsenküste, der Triestiner Bundesstraße, dem Limski Fjord im istrischen Kroatien. Orte, die ich jetzt mit Urlaub, Freizeit und Lebensfreude verbinde.

Wenn ich mich mit der Geschichte meiner Vorlieben für Gerüche befasse, stelle ich schon fest, dass sich mein Geschmack diesbezüglich einerseits aus Begeisterung für einen bestimmten Menschen (Sergio zum Beispiel, Juany Sanchez auch, oder Richard, der immer irgendwie gut riecht) entstand, oder aus Vorliebe für Material und Orte. Ich mag den Geruch von Gras nach einem Sommerregen, den Geruch von Holz, wenn man Holz sägt, ich mag den Geruch von tiefen Wäldern, von vegan gegerbten Leder. Ich mag aber auch den Geruch von Kaffeebohnen, von süßem Holz, und ich mag Minze, den Geruch von Grapefruit, Orangen und Limetten. Ein Mojito ist für mich quasi ein Parfum, das man trinken kann 🙂

Gerüche erinnern mich auch an meine Kindheit. An die Campingplätze, auf denen wir Sommerurlaube verbrachten, an nächtliche Abenteuer. An Wanderungen im Gebirge, Moose auf Felsen, Wildbäche und im Frühherbst überreife Beeren in stacheligen Gebüschen. Gerüche sind wie Anker, die mein vorwärtsstrebendes Jetzt mit meiner eigenen Geschichte verbinden.

Als Nächstes brauche ich wieder etwas Minziges. Ich denke da an Kobe Gardens von The nose behind. Für den Sommer …