Eine Weile lang trieb ich mich auf Threads herum, dem neuen Mikrobloggingdienst von Meta. Einfach, weil es sich anbot, und zweitens, weil es für ein paar Tage tatsächlich so aussah, als würden sich dort hauptsächlich Leute treffen, die wirklich über Kunst reden wollten. Über Fotografie, Malerei, digitale Kunst, Schriftstellerei. Das war nichts. Die unter dem #bookthreads gesammelten Einträge stammten in erster Linie von Selfpublishern und Einmannbetrieben, die den Selfpublishern zuarbeiten: Lektorate, Coverdesigner, Buchsatz, Korrektorate.

Der Tenor dort war: Eigentlich sei man Selfpublisher, weil man als Literaturrevolutionär die Alternativen zu den herkömmlichen Verlagen unterstützen wolle und weil man bei den großen Verlagen viel eher eine Chance hat, wenn man als Selfpublisher bemerkenswerte Verkaufszahlen vorweisen kann. Und dafür scheint jedes Werbemittel recht. Die Strategie der hauptsächlich jungen User auf Threads unter dem #bookthreads war scheinbar, zuerst einmal einen Missstand zu beklagen und in die Menge zu fragen, ob das andere auch so sehen. Zum Beispiel die Marginalisierung von Randgruppen durch etablierte Verlagshäuser. Oder Ausgrenzung älterer User durch jüngere. Seht Ihr die Verlagsautoren auch als so arrogant wie ich?, fragen manche.

In einer Diskussion, die sich auf Threads ergab, meinte eine junge Frau, die von sich behauptete, Literatur zu studieren, ich sei auch nur ein Vasalle der etablierten Verlage, die Randgruppen stigmatisieren und marginalisieren. In herkömmlichen Publikumsverlagen zu veröffentlichen, gelänge nur alten, weißen Männern, weil die herkömmlichen Publikumsverlage ausschließlich von alten, weißen Männern kontrolliert würden.

Auf meine Frage, was denn die Alternative wäre, antwortete sie, natürlich Selfpublishing. Meine Widerrede machte sie wütend: Was ist mit all den Menschen, die schreiben wollen und es vielleicht sogar können, die sich aber den Weg als Selfpublisher einfach nicht leisten können? Denn nicht jeder kann sich – neben der eigentlichen Arbeitszeit am Roman – die Kosten für Covergestaltung, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz leisten. Abgesehen von den Marketingkosten und der Zeit, die auch dafür draufgeht. Eigentlich, sagte ich in dieser Debatte, sei Selfpublishing eine sehr elitäre Angelegenheit, die alle marginalisiert, die sich diesen Weg nicht leisten können.

Das war die Diskussion, ich denke aber einen Schritt weiter, und zwar ganz unzimperlich: Die Mär von den alten weißen Männern, die die herkömmlichen Verlage steuern und verhindern, dass junge, marginalisierte Autoren „seriös“ veröffentlicht werden, ist eine Mystifikation. Gute Schriftsteller werden nach wie vor in herkömmlichen Verlagen veröffentlicht, und die, die es auch nach zig Einsendungen nicht schaffen, in einem Standard- oder Kleinverlag veröffentlicht zu werden, tröstet sich eben mit der Geschichte von der hermetischen Literaturszene, die PoC, LGBTQ+, Frauen, Ausländer ganz allgemein, an erfolgreichen Publikationen hindert. Klingt auch irgendwie besser als: Die nehmen meine Manuskripte nicht, weil ich keinen blassen Dunst davon habe, eine erzählenswerte Geschichte zu verfassen. Natürlich verteidigen die Selfpublisher ihre Herangehensweise mit Zähnen und Klauen. Selbst solchen Stuss wie den mit den „Bullysexfantasien „Dark School Bully Romance“ von Penelope Douglas. Ich habe die Leseproben der Autorin auf Amazon gelsen und kann mich nicht erinnern, jemals zuvor derart hölzerne, unbeholfene und marktschreierische Texte gelesen zu haben.

Und statt sich darüber auszutauschen, wie man denn nun einen guten Roman schreibt, geht es dort um Triggerwarnungen, Sensitivity Reader und Sub-Sub-Subgengres, um dem Leser in spe ganz, ganz genau sagen zu können, was ihn in diesem oder jenem Roman erwarten wird. Und das alles in einem passiv-aggressiven Ton, der an Giftspuckerei grenzt, maßlos überheblich, gleichzeitig aber gespielt kindhaft und verletzlich: Stussfabrikanten im Dauereinsatz. Die Marginalität, die eigene Verletzlichkeit als Rammbock gegen jede Art der Kritik. Sie alle wollen nur über ihren Schmerz reden. Ununterbrochen, 24/7. Und das ist, mit Verlaub, totlangweilig.