thepnadigital

Änderung der Domain

Liebe Besucher! Ich habe eine neue Domain eingerichtet, um meine Werke ansprechender zu präsentieren. Damit möchte ich auch eine Trennung von Privat- und Berufsleben unterstützen.

Alles, was mit Literatur und Schriftstellerei zu tun hat, findet Ihr nun unter der Adresse:

Web: thepna.digital

Mail: peter@thepna.digital


Geleitwort zum Roman: Cyborg me

Als ich im Dezember 2021 mit der Arbeit an diesem Roman anfing, hatte ich den Blues. Also keine echte Lebenskrise oder so, sondern eine winterlich-nostalgische Stimmung. Nach vielen Jahren hörte ich mir wieder den Soundtrack zum Film Blade Runner an, den Originalsoundtrack von Vangelis aus dem Jahr 1981. Ein Meilenstein der Filmmusik, vollkommen neue Klangwelten.

Ich hatte Bilder im Kopf von einem Film, den ich kürzlich gesehen hatte: Die sehr stimmige Neuverfilmung von DREDD. Diese Gebäude und Nebel und Regen und Mitternachtsjazz. Das war eine Stimmung, in der ich nicht nur schreiben konnte, sondern es wirklich wollte.

Also begann ich mit der Arbeit an Cyborg me ohne eine Handlung zu haben. Da war nur ein Gefühl, dass es hinter dem Regen, dem Gewitter, hinter der Jazzimprovisation des Saxophons eine Geschichte gab. Ich musste nur in diesem Szenario spazierengehen und die Augen offen halten.
Ich eröffnete den Roman mit der Szene eines Mannes, der mitten in der Nacht aufwacht, allein in einer riesigen Wohnung, irgendwo im hundertsten Stock eines alten Wohnblocks - in Mexico City. Ich schwöre, das fiel mir in dem Moment ein, als ich es schrieb, und als ich es geschrieben hatte, wusste ich auf einmal sehr genau, wie ich das Setting haben wollte: Eine Geschichte wie Blade Runner, nur in Lateinamerika statt in den USA. Eine Welt nach dem Klimawandel, modern und doch auch konservativ, mit neuen Konflikten, Idealen und Verwerfungen.

Ich schrieb in zwei Sitzungen weiter bis zu dem Moment, als mein Protagonist das erste Mal das fahle rote Licht aus dem Auge des Jungen sieht, in einer Hauseinfahrt in der Zone Rosas. Dann unterbrach ich die Arbeit für zwei oder drei Tage, surfte im Internet und stolperte über dieses Foto:

Genau dieses Portrait löste in mir eine Reihe von Fragen aus, und weil ich nun mal ich bin, ging es bei diesen Fragen auch wieder einmal um Sex & Moral. Und aus diesen Fragen filterte ich eine einzige Frage heraus: Was macht es mit Dir, wenn Du als gerade mal zwanzigjähriger Bursche bei einem Unfall Deinen Körper verlierst, einen Maschinenkörper erhältst, der perfekt funktioniert, der aber keine wie auch immer geartete sexuelle Lust wahrnehen kann, Du aber nach wie vor ein Zwanzigjähriger bist, der bis vor dem Unfall ein sehr liquides Sexualleben geführt hat? Was macht es mit Dir, wenn Dein Körper zu einem Käfig wird, der Deine Sexualität, Deine natürliche Geiheit hermetisch abriegelt, weil da nunmal kein Penis mehr ist, keine Eier und auch kein Arsch?

Und der Junge auf dem Foto hat ja dann auch dieses rote Leuchten im Auge.

Cyborg me ist meiner Meinung nach ein sehr visueller Roman und auch, hoffe ich, sehr sinnlich.

Ich habe zwar auch versucht, das Leben im Jahr 2125 einzufangen, in einem verregneten, nebeligen Mexiko, konzentrierte mich aber auf das Spannungsfeld zwischen Samson Aguilar und Max Osmin, zwei Verlorene, die sich im Regen finden und zur Welt des anderen werden.


Ich habe die Playlist ausgegraben, auf der ich Musikstücke sammelte, während ich den Roman schrieb. Die Musik trifft sehr gut die Stimmung der Stadt, der Nacht, Samsons Einsamkeit im Wohnblock MECOL III, Max Osmins Bemühungen, einen Funken Menschlichkeit überspringen zu lassen: https://deezer.page.link/RPRircF3Pi112M3D8

Walter Kroboth

Im Sommer 1981 verliebte ich mich in den schönsten Jungen von Biedermannsdorf. Walter Kroboth war von einer geradezu tragischen, ungarischen Wildheit und Eleganz, ohne sich dessen bewusst zu sein. Vielleicht war er sich dieser Qualitäten doch bewusst, auf einer abstrakten Ebene.

Ich taumelte in diesen Tagen nach dem Tod meines Bruders wie ein angeschlagener Boxer durchs Leben, war im zweiten Lehrjahr in den Dekorationswerkstätten der Bundestheater und die aufwändigen Routinen gaben mir Halt und Orientierung. Jeden Wochentag stand ich um 04:45 auf, wusch mich, putzte mir die Zähne, trank kalten Kakao und fuhr mit dem Postbus um 05:19 von Biedermannsdorf nach Wien, zum Südtirolerplatz. Die Dekorationswerkstätten befanden sich im Arsenal (wo sie auch heute noch sind, glaube ich). Wirkliche Freunde, wie ich sie am Arbeitsplatz fand (Grüße an Roman, Alexander, Karl und Max) taten mir gut und halfen mir, den Umstieg vom Wiener Jungen, der einen Bruder verloren hatte,  zum “Neuen” in der Dorfjugend einer kleinen Gemeinde im Süden Wiens zu vollziehen.

Walter hatte ich schon im Sommer 1980 gesehen, konnte ihn aber nicht zuordnen. Meine Seelenfreunde in Biedermannsdorf wurden die beiden Außenseiter Fritz und Ilmaz. Fritz wohnte bei seiner Mutter in einem alten, heruntergekommenen Kutscherhof auf der Ortsstraße, Ilmaz wohnte mit seiner Familie in einem Anbau des verlassenen Borromäums, das später, ich glaube 1983 oder 1984, zu einer Mädchenschule wurde.

Mein Halt war also durch Freundschaften gegeben, die sich nicht berührten. Da die Jungs, mit denen ich gemeinsam in die Lehre ging, und in Biedermannsdorf, das in der Sommerhitze dunstete und schwieg, Fritz und Ilmaz.

Dann, im Mai oder im Juni, als wir anfingen, jeden Tag, an dem es warm genug war, im Gemeindeteich von Biedermannsdorf zu schwimmen (und heimlich Zigaretten zu rauchen), erschien Walter. Es gab damals so eine Art Lieblingsplatz an diesem wilden Teich, wo sich die Jugendlichen trafen. Ilmaz und Fritz waren locker in die Dorfjugend eingebunden, aber eben nur locker. Walter war anders verankert; er wollte nicht nur der Fußballer sein, der er war, mit all seinem sportlichen und schauspielerischen Können (niemand konnte sich so dramatisch fallen lassen und sich das Schienbein halten wie Walter, wenn er im Spiel gefoult wurde. Da staubte es und er sank mit einem wehen Seufzer zu Boden, und starb vor den zusehenden Mädchen und ich stand neben den Mädchen und war eifersüchtig darauf, wie sehr er sich um deren Interesse bemühte, wo ich es doch war, der ihm aufhelfen und ihn küssen wollte, bis die Sonne unterging), er wollte zu der “gehobenen” Ortsjugend gehören.

Walter kam zum Teich und ich sah ihn zum ersten Mal in der schwarzen, knapp geschnittenen Badehose. Mir gefiel Walter ja schon in seinem Straßenoutfit: Er trug im Sommer ziemlich enge, ausgewaschene Jeans von Wrangler, High Tops von Adidas, weiße Tanktops und Jeansjacken. Walter war schon Anfang Mai brauner als wir anderen und sein abenteuerliches Lächeln zeigte perfekte, weiße Zähne. Er war biegsam und schnell in allem, was er tat und er war … sexy.

Ich war sechzehn und meine intimen Vorstellungen in jenen Tagen gingen nicht über ernste, tiefe und glückliche Blicke hinaus. Und ich wollte Walter küssen, ich wollte, dass er mich küsst und dass er mich ungeschickt umarmt und dass sein schiefes Grinsen nur mir gehört, ich wollte in seinem Geruch sein und ihn in meiner Hitze einfangen; sexuelle Wunschvorstellungen hatte ich noch nicht. Ich wollte einfach, dass wir uns beide in einem Glücksrausch auflösen und neu zusammensetzen, wild lachend vor Glück. Zwei Jungen, die rennen, schwitzen und schwimmen, sich umarmen und irgendwie miteinander zum Orgasmus kommen, ohne dabei den dunklen Wald der Unanständigkeit zu betreten.

Ich war furchtbar idealistisch, was das betraf, und Walter wusste nichts von meiner Schwärmerei für ihn. Vielleicht spürte er es, vielleicht auch nicht. Aus seiner Sicht war ich nicht mehr, als ein anderer Junge aus Biedermannsdorf, ein Neuer, der sich mit zwei Außenseitern herumtrieb, während er darum bemüht war, Zugang zu den besseren Kids zu finden, vor allem, weil dort die Mädchen waren, die ihm gefielen. Walter war durch und durch hetero. Ich denke, er war so hetero, der wäre sogar vor Wut an die Decke gegangen, wenn ihm ein Bursche nach dem Fußballspiel in der Umkleide ein feuchtes Badetuch auf den Arsch geklatscht hätte. Er war nicht nur an Mädchen interessiert, und zwar sehr, es war ihm auch wichtig, dass alle das sahen und wussten.

Walter liebte hymnische Musik; der Musikgeschmack der Biedermannsdorfer Jugend Anfang der Achtziger wurde intensiv von den Gebrüdern Lugerbauer geprägt. Vor allem vom ältesten der Brüder, von Alfred: Yes, Mike Oldfield, Tangerine Dream, Rick Wakeman, Vangelis …

Walter mochte Hymn von Rick Wakeman aus dem Album 1984 und tanzte dazu wie ein wildgewordener Indianer

Und Hymn von Ultravox

Ein trauriges Lied, das uns beiden gut gefiel, war Be my friend von No bros. Der einzige Hit, den diese Gruppe aus Wien je hatte:

Und wenn wir trunken mit den anderen aus dem Ort nachts am Seeufer saßen, sangen wir Take the long way home von Supetramp

Dann kam der August, die Tage heißer und so schwer wie Steine. Die Dekorationswerkstätten, in denen ich in die Lehre ging, hatten über die Sommermonate Juli und August geschlossen, ich lebte im ewigen Sommerurlaub, ging jeden Tag schwimmen, fuhr mit dem Fahrrad gemeinsam mit Ilmaz und Fritz zur Shopping City Süd, wo wir uns treiben ließen und, wenn wir genug Geld mit hatten, Cola kauften und uns wie die Herren der Welt fühlten.

An einem Samstag trafen Walter und ich uns eher zufällig in der Jubiläumshalle von Biedermannsdorf, setzten uns an einen Tisch und tranken Bier. Meine Sehnsucht dampfte mir aus allen Poren. Wir tranken noch mehr Bier und ich zerfloss vor Begierde, ihm zwischen die Beine zu greifen, eine intime und verbindliche Nähe herzustellen, die für alle Zeit Gültigkeit hatte. Natürlich griff ich ihn nicht an, aber er fragte, mich, warum ich ihn so ansehe, und er fragte das so freundlich und kumpelhaft, dass ich den Mut fand und sagte, ganz leise, ein Hauch mehr als ein Flüstern: “Ich würde dich einfach gerne küssen, Walter! Ich würde gern mit dir schlafen.” Etwas Originelleres fiel mir nicht ein. Ich war sechzehn, leicht betrunken und voll nervös, okay?

Er sah mich irritiert an, keineswegs feindselig, legte den Kopf schief und sagte in etwa: “Pfau Oida, über des muass i erst nochdenken!”

Er sagte nicht: Geh scheißen, du warme Sau. Er sagte nicht: Bist deppert, Schwuler! Er sah mich nur durchs Bier milde gestimmt mit seinen schweren ungarischen Augen an und meinte, darüber müsse er erst nachdenken. Jedenfalls war damit das Thema vom Tisch, wir tranken noch ein Bier und als wir in der sternenklaren Dunkelheit über die Ortstraße gingen, sangen wir laut, falsch und mit Begeisterung “Shadow on the wall” von Mike Oldfield.

Die ganze nächste Woche ging ich wie auf Wolken, war ganz und gar glücklich. Mein Schwarm wusste von meinen Gefühlen. Er hatte sich nicht abgewandt und gewürgt, so als ob er kotzen müsste, und er lief nicht im Ort herum und schrie: Der Piero (das war mein Spitzname) ist eine Homo, der mir an den Schwanz will. Er behielt es für sich, und am Freitag bat er mich, ihn in der Halle zu treffen. Am selben Tisch wie vorige Woche. Ich duschte und benutzte teures Duschgel und rasierte meinen Bartflaum und verwendete etwa von Papas Irish Moos Aftershave, ich gurgelte und spülte den Mund mit Odol, gab Gel in meine halblangen Haare und zupfte daran herum, bis ich meiner Meinung nach wie ein verwegener, wilder Junge aussah. Dann stolzierte ich in meiner engsten Jeans in die Jubiläumshalle und da war Walter. Tanktop, enge, ausgewaschene Jeans, seine pechschwarzen, wuscheligen Haare fielen ihm über die Augenbrauen. Er war auf eine Art und Weise niedlich wie ich es später nur noch bei einer anderen Person gesehen hatte, bei Thomas Haustein als Detlev im Film Wir Kinder vom Bahnhof Zoo:

Jedenfalls war Walter voll nervös und alles, seine langen Wimpern zitterten, seine Lider flatterten und wir tranken Bier und rauchten und redeten über den Sommer und die Party, die für das übernachste Wochenende, das letzte im August, auf der Lichtung bei den Bächen geplant war.

Und dann, so nach drei Bier und einer Handvoll Zigaretten, sagte er leise zu mir: “Du, wegen dem, was wir vorige Woche geredet haben,, was du mich gefragt hast, ja? Ich kann das nicht, ich kann das wegen meiner Erziehung nicht. Reden wir nicht mehr drüber, okay?”

Er sagte nicht, dass er das nicht will, oder dass er eben kein Schwuler ist, oder wenn er einer wäre, dass ich einfach nicht schön genug für ihn sei. Er sagte, er könne es nicht wegen seiner Erziehung, so, als hätte er über eine Antwort nachgedacht, mit der er mein Ansinnen ausschlagen konnte, ohne das Gesicht zu verlieren und ohne mich zu verletzen. Mir war in dem Moment zum Heulen zumute und alles was ich sagen wollte, zerfiel mir im Mund zu Asche. Ich glaube, er legte sogar ganz kurz seine Hand auf meinen Unterarm. Dann tranken wir weiter und Walter redete über etwas anderes, aber ich war taub, so als ob neben mir eine Granate explodiert wäre.

An diesem Abend gingen wir wieder gemeinsam über die Ortsstraße, wir sangen nicht und ich verbrannte neben Walter, der nach grünen Äpfeln roch, nach den Zigaretten, die er geraucht hatte und nach Bier. Ich brannte lichterloh, ging heim, legte mich ins Bett, holte mir einen runter und als es mir kam, weinte ich.

Die ganze Woche wich ich ihm aus und trieb mich mir Fritz und Ilmaz herum, denen meine mürrische Art auch irgendwie den Tag versaute. Dann kam dieser Freitag, es wurde Abend und ich ging nach einigem Überlegen auf diese Party auf der Lichtung, wo der Ort endete, die Wildnis begann und zwei Bäche zusammenflossen. Irgendjemand hatte eine Gitarre dabei und jemand anderes hatte Tablas und Bongos und als es dunkel wurde, sang jemand “The house of rising sun” und “morning has broken” und Fredl spielte Cavatina.

Cavatina - John Williams - YouTube

Walter tanzte trunken mit einer Flasche Bier in der Hand, der Mond schien und alles schien okay zu sein. Ich meine, angesichts der Tatsache dass ich eine Abfuhr bekommen hatte und meine Teenagerschwärmerei in sich zusammengebrochen war wie ein Sack voller Knochen.

Walter war in Susanne K. verliebt. Ja, die war auch dort. Ein wunderschönes Mädchen mit goldenen Haaren und einer Hauttönung, wie ich sie noch nie gesehen hatte, irgendwie olivgold oder so. Er wollte sie und er wollte sie mit all der Ungeschicklichkeit eines fünfzehnjährigen Burschen, der angesäuselt war.

Werner Stadlmann war da und Hans Adam, die beide betrunken herumsteifbeinten, und Alfred Lugerbauer, der die Gitarre spielte wie ein Gott, Mädchen waren da, für die ich mich nicht besonders interessierte, Walter wollte Susanne küssen und irgendwie (das erfuhr ich erst später), spuckte er ihr in den Mund und sie stieß ihn weg und er war fuchsteufelswild, kam zu mir, sah mich mit Wuttränen in den Augen an und schrie: “Kann einen denn niemand vor diesen Drecksschwuchteln schützen?” und donnerte mir die Faust ins Gesicht. Ich sackte zusammen wie vom Blitz getroffen und wollte sterben und im Boden versinken. Mir war übel, ich war taub, blind und verwirrt und Walter storchstakte davon und wälzte seine Schuldgefühle Susanne gegenüber auf mich ab, krächzte bittere Flüche und kämpfte mit sich un den Tränen. Ich war niemand, der je im Mittelpunkt stehen wollte, und jetzt sammelte ich den Rest meiner Würde auf, kämpfte mich auf die Beine zurück und zwei Jungs halfen mir, rein aus Solidarität mit dem Besiegten, und ich stand auf einmal ganz allein zwischen all den anderen und brannte wie auf dem Scheiterhaufen. Niemand fand ein tröstendes Wort, ein paar Mädchen kümmerten sich um Walter und ich ging allein und verdroschen durch das Wäldchen und die dunklen Gassen von Biedermannsdorf nach Hause.

Ich trug nicht einmal ein blaues Auge davon. Ich nehme an, das Walter mich nicht wirklich in Grund und Boden prügeln wollte, sondern dass er seine persönliche Enttäuschung in Bezug auf Susi an mir entladen wollte und gleichzeitig eine moralische Rechtfertigung brauchte, um zuschlagen zu können. Damals sah ich das wesentlich enger und fokussierter: Walter hatte mich öffentlich gedemütigt und geschlagen, weil er mich hasste, weil ich schwul war und ihn damit … belästigt hatte. Ich war kein abgebrühter Halbstarker - ich wollte einer sein, aber Pustekuchen, ich war nur ein langer Schlacks, dünn und vom Leben verwirrt. Der Junge, den ich liebte wie eine Ikone, verprügelte mich, ich war quasi zwangsgeoutet worden, also wollte ich sterben.

Rückblickend war das vielleicht das Herzzerreißende, der Grund, warum ich jetzt so gut verstehen kann,, warum verprügelte Ehepartner dort bleiben, wo sie sind. Weil man nicht einfach aufhören kann, zu lieben, nur weil es vernünftiger wäre. Liebe hat mit Vernunft nichts zu tun, man glaubt ja sogar, man kann geschützt durch Liebe, unter Wasser atmen.

Ich wusste nicht, wohin. Ich hatte niemand, mit dem ich drüber reden konnte oder wollte. Fritz und Ilmaz waren für mich vollkommen asexuelle Kumpel (obwohl Fritz Kling damals schöner war als ein Engel und das, was man einen echten Freund nennen kann - doch über Fritz will ich einen eigenen Beitrag schreiben, und mit denen konnte ich über meine Schwärmerei für Walter nicht reden.

Eine Woche später, an einem Sonntag Anfang September, kaufte ich vier Flaschen Bier und eine Schachtel Ernte 23 Zigaretten, ging damit zum Teich, die Steigung nach oben zu den alten Betonplatten, die dort seit der Entstehung der Welt lagen, setzte mich hin und beschloss, mich zu betrinken und dann ins Wasser zu gehen, um zu ertrinken. Das war der Plan.

Und da saß ich nun und über mir wurde der Himmel dramatisch, Wind frischte auf und wehte Laub über das trockene Gras. Die Oberfläche des Teichs war rau wie eine Feile, ich trank Bier und rauchte und fing an zu reden. Zu niemand, zu mir selbst, zu Gott und den steinernen Wolken, die aneinander rieben und rumpelten. Das war mein Rapport ans Leben selbst. Ich sagte dem Wind, dass es okay sei, dass ich schwul bin und dass ich deswegen keine Angst vor meinen Eltern hatte, und dass ich mich nur davor fürchtete, zu lieben, zu lieben, zu lieben und abgewiesen und ausgelacht zu werden. Ich sagte den Wolken, wie sehr es an mir zehrte, so zerbrechlich und schwach zu sein, zu stottern, wenn mich jemand scharf anging und wie dumm ich mich fühlte, weil ich Fantasiegeschichten über mich und meine Familie erzählt hatte, als wir hier 1980 einzogen, weil ich nach Aufmerksamkeit suchte. Ich erzählte dem Donner in der Ferne, wie sehr es mich traurig machte, wie meine Eltern sich bemühten, nach dem Tod meines Bruders Rudi die Familie zusammenzuhalten, sich selbst zusammenzuhalten und ich konnte nichts beitragen, nur da sein, und ich sagte den Gräsern zu meinen Füßen, ich denke, es ist zu wenig, dass ich da bin, ich bin nicht genug, um sie zu retten.

Ich trank noch ein Bier und redete mich in Rage. Ich verfluchte Walter, weil er mein Vertrauen niedergeprügelt hatte, weil er sich mir entzog, weil er trotzdem noch immer so schön war und noch immer alles in mir für ihn lichterloh brannte. Und ich redete weiter und krächzte heiser und weinte wieder ein wenig. Und dann brach die Sonne durch die Wolken. Ein goldener Vorhang aus Licht, und ich sagte: In Wirklichkeit, also es ist so, ich will leben. Und ich höre nicht auf, Walter zu lieben, nur weil er nicht schwul ist und selber gerade eine urschwere Sache durchmacht. Er ist okay, und ich bin okay, und das Bier ist alle.

Dann dachte ich so: Ich hab mich zum ersten mal verliebt. So richtig bis in die Haarspitzen. Und für diesen einen kurzen Moment, als alles möglich schien, war es wunderschön. Ein sehnsüchtiges Ziehen im Hinterkopf, im Magen und in den Lenden. Ein zitterndes Hoffen. Und Regenbogen, Regenbogen, Regenbogen!

Walter und ich kamen nicht zusammen. Wir hatten nie etwas und ich hörte nach einiger Zeit auf, von ihm zu träumen. Wir näherten uns im Herbst wieder aneinander an und kamen miteinander aus. Im darauffolgenden Jahr zerfiel unsere kleine Gang aus Walter, Fritz, Ilmaz, Michael Szraly und einigen anderen, als ein paar der Jungs sich um Rudi Kellner scharten, der in der Perlaszgasse ein Lokal einrichtete und sich die willige Arbeitskraft der Jungs sicherte, in dem er ihnen Freibier versprach. Walter gehörte zu ihnen. Ich fuhr an den Wochenenden immer öfter nach Wien, um Jungs kennenzulernen und um mich herumzutreiben.

Das Leben trennte uns voneinander, Ilmaz zog nach Wien, Fritz mit seiner Mutter ins Burgenland und ich zog 1984 ebenfalls nach Wien. Von Walter hörte ich erst im August 1991 wieder, als meine Mutter mir erzählte, er sei im Juli deselben jahres bei einem Motorradunglück auf einer Serpentinenstraße tödlich verunglückt. Walter wurde auf dem Friedhof von Biedermannsdorf bestattet.

Sein Grab in Biedermannsdorf habe ich erst im Mai 2022 besucht.

Fritz the cat


Das Foto zeigt einen jungen Surfer auf Gran Canaria, am Strand von Las Palmas. Es wurde vom niederländischen Fotograf Sinal geschossen, ist etwa vor neuen Jahren aufgenommen worden. Die Arbeit des Fotografen ist mir grundsätzlich zu ... voyeuristisch - dieses Bild aber traf mich wie ein Blitzschlag - so als ob es von Fritz einen in der Zeit gewanderten Doppelgänger gibt ...

Sommer 1980

Wenn es je einen Jungen gab, der den Spitznamen "Fritz the cat" verdient hatte, dann Fritz Kling. Ich lernte ihn im Sommer 1980 am Rande des Fußballfeldes von Biedermannsdorf kennen, wo er im Schatten alter Bäume saß und in der hohlen Hand rauchte. Da war er dreizehn Jahre alt, ich war gerade 15.
Obwohl ich damals noch nichts vom Geschichten schreiben wusste, oder davon, wie man Musik macht, obwohl ich damals mehr reaktiv war als besonnen, löste er in mir den Wunsch auf, meine Gedanken und Gefühle ihm gegenüber festzuhalten. Was mir neben seiner beinahe engelhaften Schönheit besonders intensiv auffiel, war seine Ernsthaftigkeit in allem, was er tat, plante, vorhatte und empfand. Fritz blödelte gerne, er war närrisch und lebendig wie ein Blitzschlag. Aber wenn es um Dinge ging, die außerhalb des Jux & Tollerei Rahmens lagen, zeigte er eine vertrauliche Ernsthaftigkeit, die mir fremd war und die mich ganz tief und ehrlich ansprach. Ich mochte ihn und ich wollte, dass er mich mochte. Was ihm besser gelang als mir selbst, war, durch meine Schutzmauer zu blicken und das zu sehen, was ich wirklich war: Ein schlaksiger, verletzlicher Träumer und Narr. Einer, der unsicher war und neu im Ort. Ein Außenseiter, wenn es je einen gegeben hat.

Er nahm mich an und seine Freundschaft war ebenso unaufdringlich wie still und ernst.
Und aufrichtig.

Ilmaz und Fritz the cat

Ilmaz war ein fünfzehnjähriger Junge, der Haare auf der Brust hatte und sich rasierte, weil er nicht mit einem Vollbart herumrennen wollte. Er und Fritz trieben sich eigentlich immer im Freien herum. Sie hatten kein Geld für Lokalbesuche oder um beim Greißler des Ortes Bier zu kaufen. Sie kratzten ihr Taschengeld zusammen und kauften sich Zigaretten: Hobby, Smart Export, Flirt. Das Billigste vom Billigen. Sie waren aus der Not heraus reine Naturburschen geworden, und als ich mich ihnen anschloss, ging das von einem Tag auf den anderen und völlig unprätentiös: Am Tag zuvor war ich noch allein und fand mich nicht zurecht, am nächsten hatte ich Freunde. Wir zogen über die Felder, halfen Fischern bei den Vösendorfer Ziegelteichen und verdienten uns so ein wenig Taschengeld dazu, mit dem wir Bier kauften. Damit zogen wir uns in einen der Jägerhochstämme zwischen Biedermannsdorf und Achau zurück, kappselten die Bierflaschen auf, rauchten Zigaretten, und redeten oder schwiegen. Das war unser Geruch: Rauch von Lagerfeuer, gegrillte Maiskolben, Zigaretten und unendlich viel frische Luft.

Sie zeigten mir, wie man auf den alten Betonsilo klettern konnte, um dort oben unbeobachtet zu rauchen, wie man Biedermannsdorf auf den Feldwegen umrunden konnte, wo im wilden Unterholz beim Teich einmal ein sterbender Wolf gefunden worden war (was ich für eine Legende hielt). Sie zeigten mir im Waldstück zwischen Biedermannsdorf und Wiener Neudorf das alte, lange Seil an dem man sich über das ausgetrocknete Bachbett schwingen konnte. Ich lud sie zu mir ein und meine Eltern machten verschnupfte Nasenlöcher, weil sie die Jungs irgendwie "gefährlich" fanden. Wildlinge wie mein Vater sie nannte. Nach einer Weile akzeptierten sie die beiden - vor allem wohl deshalb, weil wir im Grunde genommen nichts anstellten, nichts wirklich Blödes. Wenn wir Geld hatten, gingen wir in zu einem der drei Heurigen, die es im Ort gab und tranken Ribiselwein, und wer den schon mal getrunken hat, weiß, wie das Zeug einfahren kann. Betrunken zu werden war Anfang der Achtziger eine ziemlich billige Angelegenheit.

Fritz lebte allein mit seiner Mutter, sein älterer Bruder war im Gefängnis. Seine Mutter erschien mir immer abweisend, hart und lieblos. Yilmaz wohnte mit seiner Familie in einem Anbau des Borromäums. Sehr beengte Räumlichkeiten, große Familie, eine traurige Mutter und ein vater, der mit der Couch verwachsen war. Wir waren, lange bevor es so etwas im Kino gab, verlorene Jungs. Verlierer. Und deshalb war es so wichtig, dass wir einander hatten.

Der Schatten geheimer Träume

Fritz war älter als sein Taufschein es vermuten ließ. Er war 1981 vierzehn Jahre alt und auf eine ziemlich wilde Art & Weise hübsch. Er war muskulös und graziös wie ein Raubtier. Und er war sich dessen kein bißchen bewusst. Mich wunderte immer wieder, wie vollkommen uneitel er war und wie ihm eine Rangelei unter Freunden wichtiger sein konnte, als einfach nur statuenhaft schön zu sein. Ich erklärte mir das damit, dass Fritz entweder (noch) nichts von Sex wusste, oder vollkommen heterosexuell war und einfach noch nicht so weit, die Verbindung herzustellen zwischen äußerlicher Attraktion und die Suche nach sinnlicher Nähe.

Ich war um zwei Jahre älter und ich verdrängte die Träume, ihm nahe zu sein, wann immer sie auftauchten, und es war mir fast eine Erleichterung, als sich meine sexuelle Aufmerksamkeit im Sommer ´81 auf Walter Kroboth bündelte wie ein Lichtstrahl. So konnte ich weiter mit Fritz auf den Feldwegen herumziehen, um die Wette rülpsen oder einfach nur die Nähe genießen.
Er roch sogar im Winter immer irgendwie nach Sommer. Nach Heu und Felder und nach Regen, nach Lagerfeuer. Ihm haftete auch dieser süße Naturwassergeruch an, wie Wassermelone.
Damals nahm ich das nicht wahr, aber ich denke doch, dass Fritz und Yilmaz gekränkt waren, als ich immer öfter versuchte, Teil der Clique zu werden, zu der auch Walter Kroboth gehörte, weil er mich unwiderstehlich mit seiner erotischen Schwerkraft anzog. So dachte ich damals nicht. ich handelte nur, suchte Walters Nähe und malte mir aus, wie es wäre, ihn zu küssen und ihm zwischen die Beine zu greifen und zu spüren, wie er hart wurde.
Teenagerträume.
Auf irgendeiner Ebene verstand Fritz sehr gut was mit mir los war, aber er machte nie ein Thema draus.

Als wir einmal bei einem Treffen der Pfarrjugend dabei waren und eingeladen wurden, uns bei einem Gemeinschaftsspiel zu beteiligen, stellten wir fest, dass wir beide aneinander dasselbe mochten: Keiner von uns machte sich je über andere Menschen lustig. Wir verspotteten niemand. Wir waren jugendliche Pragmatiker, könnte man sagen. Zu cool, um Arschlöcher zu sein.
Wie viele andere Jugendliche, die in kleinen Ortschaften aufwuchsen, oder ihre Teenagerjahre dort verbrachten, hatten wir nicht viel zu tun. Deshalb erinnere ich mich jetzt ganz besonders deutlich, was uns in dieser Zeit umtrieb, in diesem Jahr, bevor Sex, Mädchen, Lehrberuf und erste Träume vom eigenen Auto wichtig wurden.
Es war die Nähe, die nichts verlangte und doch alles gab. Es war die Selbstverständlichkeit, dass wir da waren, die Vertrautheit, mit der wir den Atem des anderen kannten, das Herzpochen und den Geruch vom Schweiß, den Geruch der Kleidung. Wir waren uns vollkommen vertraut - nach kürzester Zeit ineinander verschränkt wie Bäume auf einem einsamen Feld.

Wie ein hingekritzeltes Fragezeichen

Ich glaube, es war im Sommer 1983, da zog Fritz mit seiner Mutter aus Biedermannsorf weg in das Bundesland Burgenland. Im Herbst deselben Jahres wurde der Anbau des Borromäums geschliffen, in dem Yilmaz mit seiner Familie gelebt hatte und sie zogen nach Wien. Ich stand auf einmal allein da, ich meine, so richtig allein. In den vergangenen zwei Jahren hatte ich auch andere Jugendliche in Biedermannsdorf kennengelernt, mit denen ich mich gut verstand. Da gab es sozusagen eine andere Außenseiterclique, auch irgendwie verlorene Jungs, und gleichzeitig machte ich meine ersten Gehversuche in der elektronischen Musik. Ich hatte um mein erspartes Lehrgeld Synthesizer gekauft und einen Drumcomputer und ein Hallgerät und wir probten in der Nachbargemeinde Achau im Keller eines Familiehauses, wo wir während der Sessions, in denen wir den Stil von Klaus Schulze und Tangerine Dream kopierten, wie die Weltmeister kifften. Das waren damals Klaus Giwiser, Reinhold Atlas und ich. Ich nahm beim jungen Kirchenorganisten Unterricht in Spieltechnik, Komposition und Harmonienlehre und stellte mich dabei nicht ganz dumm an.
All das hielt mich auf Trab, und wenn ich in den Nächten im frühen Herbst von der Probe von der Achau nach Biedermannsdorf unter dem vollen Mond nach Hause ging, wünschte ich mir mit schmerzlicher Intensität Fritz und Yilmaz zurück, die wie Schiffe in der Nacht davongetrieben waren. Ich sang mit meiner krächzenden, vom Kiffen schiefen Stimme "Be my friend" und manchmal blieb ich stehen, schlug die Hände vors Gesicht, kauerte mich in den Straßengraben, damit mich niemand sehen konnte, und heulte. Eh nur wegen des Kiffs, klar? Rauch ins Auge gekriegt, kennt man ja.

Das Fundament meiner Ideale

Walter Kroboth war die erste Liebe meines Lebens und die erste herbe Enttäuschung.
Fritz aber war für mich das Fundament, auf dem ich meine Ideale für Freundschaft errichtete. Niemand konnte so viel geben wie er, ohne sich dabei wie einer zu benehmen, der gab.
Er war einfach da. Er war immer vollkommen da. Und deswegen wird mich die Erinnerung an ihn mein Leben lang begleiten.

Er hat mich geprägt.

Zandvoort

Weil ich mich gerade daran erinnere: Als ich bei UPC (Liberty Global) arbeitete (Mai 2002 - April 2014), reiste ich oft aus beruflichen Gründen nach Amsterdam. Damals saß das Geld beim Unternehmen locker - wie auch immer - es gab Jahre, da flog ich im Monat 3-4 Mal nach Amsterdam und stieg da, wenn ich zwei Tage blieb, entweder im Radisson Hotel im Businesspark Schiphol ab, im Radisson im Zentrum oder im Hotel Amsterdam American am Leidseplein.

Am ökonomischsten war für mich das Hotel in der Nähe des Flughafens, weil ich von dort aus zu Fuß zum Büro gehen konnte - was gar nicht so übel war, wenn ich in der Nacht zuvor in einer der schwulen Bars in Amsterdam versumpert war und der kleine Spaziergang belebend wirkte.

Am besten gefiel es mir im Hotel Amsterdam American. Ein pittoresker, alter und verspielter Bau mit Würde, einer riesigen Bar und ziemlich guten Mojitos.

Außer mich in den unzähligen Bars in Amsterdam gehen zu lassen, Notizbücher vollzuschreiben oder angeregt mit Leuten zu diskutieren, schätzte ich es, auf Wanderschaft zu gehen, und eine meine schöneren Touren damals war, als ich im Spätsommer (also eh ungefähr Anfang September) an einem Freitg gegen 14:00 Dienstschluss machte, mich in de Zug setzte und vom Flughafen Schiphol zuerst nach Haarlem fuhr, dort umstieg und weiter nach Zandvoort. Dort ist nicht nur eine bemerkenswerte Autorennstrecke, für die ich mich leidenschaftlich überhaupt nicht interessiere, und ein ewig langer Strand, an dem zu jeder Jahreszeit (ich war da auch im Winter stundenlang spazieren) Surfer in Neoprenanzügen die Wellen ritten und wohl noch immer reiten. Strände im Winter haben eine ganz eigene, silbrige Stimmung.

Zandvoort besuchte ich zum ersten Mal im Winter 2010, es war kalt, windstill und nebelig und das Licht war sehr eigen. An mir liefen immer wieder Halbwüchsige in ihren Wetsuits vorbei, krähten sich gegenseitig etwas zu und verschwanden in Dunst, der vom Meer heraufstieg.
Dann, im September 2012 nutzte ich den längeren Aufenthalt in Amsterdam und machte diesen schönen Ausflug zum Strand. Es war zu kühl um schwimmen zu gehen, als setzte ich mich in eine der Surfer-Bars namens Club Nautique, aß, um nicht vom Bier ins Meer geblasen zu werden, Dutch Fries mit gefährlich viel Cetchup und Mayonnaise, sah den Surfern zu, die herumliefen und Wellen suchten, genoss den Wind und den Geruch von Sand und Salz. Ich muss direkt mal in den Keller gehen und in den eingelagerten Notizbüchern nachschauen, ob ich dazu entwas aufgeschrieben hatte.

Leise spielte es akustischen Rock, der Kellner war ebenso freundlich wie gut aussehend und ich dachte wieder einmal daran, wie es wäre, wenn ich ganz wo anders leben würde als da, woher ich bin.
Ein Träumer war ich schon immer. Aber auch ein Realist. So sehr ich diesen Nachmittag bis in den frühen Abend genoss, die Fritten, die vier oder fünf Krüge Bier, ich wusste, dass ich da nicht leben wollte, selbst wenn mir jeden Tag hunderte von Surfern in ihren knallengen Neoprenanzügen vor der Nase herumtanzen würden.

Ist nur so ein Griff in die Vergangenheit, etwas, an das ich mich gerne erinnere, weil zumindest in diesen vier oder fünf Stunden die Welt ihre Probleme für sich behalten hatte, das Bier schmeckte, das Licht großartig war und die Wellen ewig rollten und alles so leicht war wie ein Song von Burt Bacharach.

Der Maschinist

Okay, also was soll denn das jetzt, mit dem "Maschinist"?

Das Kunstwerk, das ich nun als persönliches Bild verwende, ist von der Figur des Kuze aus Ghost in the shell inspiriert

Okay. In meinem letzten Roman, der im Oktober 2022 erscheint, erzähle ich unter anderem über die Torture Dolls, künstliche Menschen, die nur zu einem Zweck erschaffen werden. Um gefoltert und ermordet zu werden. Ein riesen Geschäft, überall auf der Welt. Einer meiner Helden birgt manchmal bei seiner Arbeit als Müllmann einen gerade noch so lebenden Torso und verhilft ihnen zu einem menschenwürdigen Tod.
Das Geheimnis ist ... wird nicht verraten.

In meinem aktuellen Projekt reist eine Gruppe französischer Forscher und russischer Ingenieure zur Venus, um dort ein Phänomen zu untersuchen, dass die vorangegangene Sonde, die auf der Oberfläche gelandet war, aufgenommen hatte. Der Roman wird so erzählt, als wäre er in den swinging Sixties verfasst worden. Es gibt also rasselnde Raketen mit Flossen, tapfere Helden, ganz böse Feinde und auf der Venus eine ziemliche Überraschung.

Im Raumschiff, der einhundertdreißig Meter hohen Bellerophon - das ist mir gerade in den Sinn gekommen - gibt es im sxchwarzen Herz der Maschinen einen an Kabeln hängenden, künstlichen Mensch, einen utopischen Roboter mit dem Aussehen eines verschlagenen Jungen - genau, Kuze. Das Werk eines russichen Ingenieurs, der kurz vor dem Start Selbstmord beging: Der Maschinist ist seinem verstorbenen Sohn nachempfunden, der als Sechzehnjähriger in Moskau von einem Auto überfahren wurde.

So. Das ist der Grund, warum mein Blog nun anders heißt und Kuze als Profilfoto an Kabeln baumelt.


Woher ich das Bild nun wirklich habe, ist mir nicht mehr erinnerlich, um mal im Slang von Politikern zu bleiben, die vor Gericht stehen.
Aber ich denke, die Quelle ist www.artstation.com, hier:

Der Künstler ist YUANYUE CHANG und er macht auch sonst ziemlich düstere Sachen.

Freiheit und Autonomie

Seit August fahren Richard und ich mit dem Fahrrad. Also nicht so wie Sportler oder so wie Menschen, die das Fahrrad als wesentlichen Teil ihrer Mobiliät ansehen, aber doch. Es ist ein erster Schritt zu einer Anpassung unseres Mindsets, was Mobilität und Freizeitgestaltung betrifft.

Ich bin zumindest in der ersten Phase einer Änderung oft totalitär: Ich will dann zB ein gutes, stabiles Fahrrad und das will ich mir herrichten, damit mein alter Arsch nicht leidet, wenn ich länger als zehn Minuten am Stück fahre. Ich will regelkonform ausgestattet sein und befasse mich mit Radwegen und dadurch auch gleich mal mit Stadtplanung, Infrastruktur, Community und wie sieht es diesbezüglich in anderen Städten aus - in anderen Ländern?

Was mir speziell im Westen Wiens als Radfahrer auffällt, der ungeübt ist: Die Gegend von Hernals über Ottakring und hoch und runter und rüber nach Baumgarten, Penzing, Hietzing, das ist eine einzige Hochschaubahn. Oder raus Richtung Dornbach, weiter Richtung Höhenstraße und dort ein bisserl in den Wald fahren. Da geht uns alten Herrschaften beizeiten die Luft aus und das wasser kocht in der Ritze.

Wenn Wien also (noch) nicht so weit ist wie andere Städte, dann sollte man nicht nur auf die Politik schauen, auf die Stadtplanung, sondern auch auf die Geographie: Wie flach oder hügelig ist eine Landschaft und wie attraktiv oder unattraktiv ist sie somit für wenig geübte Radfahrer oder ältere Leute, die vielleicht nicht mehr ganz die Kondition haben wie Dreißigjährige? Na grüß Gott, dann fahr mal als ungeübter Radfahrer in Bad Gastein spazieren, na Holla die Waldfee!

Neben der Geographie einer Gegend liegt die Anerkennung neuer Mobilitätsideale nicht nur, aber auch am Mindset der Bürger und der Generation. Wie man schon bei Smartphones beobachten konnte, gibt es viele Menschen, für die diese Geräte nicht nur reine Gebrauchsgegenstände sind, sondern Statussymbole, Ikonen des Elitären, Mascherln für Leute, die gerne beschäftigt wirken, immer etwas Wichtiges zu tun haben und mit der Umwelt leider gerade nicht interagieren wollen oder können.

Ähnlich fiebrig geht es zu, wenn man das Thema Auto aufs Tapet bringt. Das Auto ist nicht nur ein reiner Gebrauchsgegenstand sondern ein Symbol der Freiheit, der Autonomie. Wer ein Auto hat, der kann es sich leisten. Der hat Geschmack und Geld, ist erfolgreich, ist im Besitz von etwas, das andere nicht haben. Oder nicht so toll.
Und so lange das Auto als Ikone des Erfolgs, der Mobilität und Autonomie gilt, so lange wird sich die regionale oder nationale Politik auch nicht durchringen können, echte Maßnahmen zu ergreifen udnein echtes neues Mindset zu unterstützen. Dazu kommt, dass der Besitz und das Betreiben eines Autos Geld in Umlauf bringen und im Umlauf halten. Wartung, Reparatur, Betankung, Parken, Betreiben - kostet alles Geld und es gibt mehr als genug unterschiedlichste Interessensvertreter, die daran wohl verdienen.

Es wird uns in Wien nichts helfen, sehnsüchtig nach Utrecht in den Niederlanden zu schielen, oder nach autofreien Innenstädten wie zB in Ljubljana

In anderen Flächenbezirken Wiens wie zum Beispiel Floridsdorf oder Donaustadt könnte man sehr leicht sehr viele Fahrradwege bereitstellen. Auch in anderen weitläufigen Bezirken wie Leopoldstadt oder Brigittenau. Aber alls, was so Richtung Westen rausgeht, ist ein bisserl unschön für so grumpy old men wie Richad und ich.

Für mich ist eine wesentliche Herausforderung auf dem Weg zu einem verkehrsberuhigten Leben (man muss nicht überall zu jeder Zeit hin, und man muss es schon gar nicht mit dem Auto) die Entmystifikation des Autos und eine klare Sicht auf das, was es ist. ein Gegenstand, der langsam aus der Mode kommt, weil sich zunehmend andere, attraktive Alterativen etablieren.
Ein bisserl mehr in die Grätzl-Infrastruktur investieren, in das 15-Minutes-City-Konzept (tuns eh), bisserl öfter zu Fuß gehen, und erkennen, dass Autonomie und persönliche Freiheit nicht wirklich gegeben sind, wenn man dazu einen Gegenstand braucht, den man idealisiert.

Ich bin davon überzeugt, dass wahre Autonomie und persönliche Freiheit mit dem Grad wachsen, mit dem man sich von Symbolen unabhängig macht.

La Ritournelle

Das schrieb einer um sieben Uhr morgens an einem nebeligen Sonntag an die Wand des Lebens, oder an die Kaimauer der Seine in Paris, je nachdem - es ist so wunderschön, am Leben zu sein, solche Zeilen zu lesen und Sebastien Tellier zuzuhören ...

Das ist das Lied, das du am Ende einer Nacht im Club auflegen solltest. Ein letzter Walzer mit deinen Freunden. Eng umschlungen mit deinem neuen Freund. Der Abschied ist greifbar. An einem nicht allzu späten Sonntagmorgen ...

Es ist erstaunlich, wie die Zeit in unserer Wasseruhr vergeht. Dieses Stück, das ich als Kind gehört habe, hat es gerade geschafft, Gefühle und tiefe Bilder in meiner Seele freizusetzen. Bedauern, Glück, Kindheit und der ganze emotionale Aufruhr. Die Macht der Musik transzendiert dich mit einem einfachen Pitch, der mit verschiedenen Noten gemischt wird. Dein Ritournelle dreht mich um wie Bugge Wesseltofts Hope. Ich kann meinem Vater nicht genug dafür danken, dass er mir diese Musikkultur im Alter von 7 Jahren mit meinem ersten Mac und einem iTunes mit +3000 Songs gegeben hat.

La Ritournelle

Es ist das Stück, das ich der Welt und vor allem den jungen Leuten vorspielen möchte, um sie an die Gefühle des Lebens zu erinnern. Und dass das Leben so schnell vergeht wie eine Netflix-Episode...

Tage in Sulzbach

Jedes Jahr Anfang September fahren Richard und ich und Bogdan nach Sulzbach in Oberösterreich. Dort lebt die Familie von Bogdan in einem großen Landhaus zwischen Pichl und Sulzbach und Anfang September feiert die Tante von Bogdan dort Geburtstag. Im Normalfall ist das Wetter stabil schön und wir können ein Lagerfeuer im großen Garten machen, grillen und Bier trinken und reden, während der Mond über den Himmel wandert und das lauteste in der Nacht der nahe Bach ist, und das Krachen und Knistern des Feuers.

Wir bleiben meist zwei Nächte. Freitag, Samstag, Sonntag. In der Nacht von Freitag zu Samstag trifft sich nur die engste Familie und wir aus Wien angereisten Gäste, wir trinken Colarum, essen italienischen Salat und genießen es, unter guten Menschen zu sein.

Dieses Jahr spielt das Wetter leider nicht mit. Die Fahrt heraus war verregnet und windig. Das tut der Freude keinen Abbruch.
Heute, am Samstag, ist es schwer bewölkt und es regnet. Wir sitzen auf der überdachten Terrasse, trinken Tee und genießen hier selbst das schlechte Wetter. Der Regen rauscht, die Luft ist rein und gut, es riecht nach Basilikum.

Drei Tage hier ersetzen einen ganzen Urlaub.

Jetzt werde ich am Roman weiterschreiben. Elias auf der Venus entwickelt sich zu einem Lieblingsprojekt von mir, obwohl ich nicht so richtig weiterkomme. Aber immerhin sind meine Helden inzwischen an Bord der Rakete, die aussieht wie die Dinger, die sich die Illustratoren in den Sechzigern haben einfallen lassen.

Mars

Die Idee

Vereinfacht könnte man sagen, dass es Bestrebungen gibt, Menschen zum Mars zu schicken und ihn früher oder später zu kolonisieren. Hat viel von SF und man kann in populärwissenschaftlichen Dokumentationen herrlich darüber spekulieren, wie man das wohl schafft. Welche Herausforderungen gibt es? Wie lösen wir die Probleme?

  • Die lange Zeit in der Schwerelosigkeit
  • Die lange Zeit unter extrem erhöhter Einwirkung der kosmischen Strahlung
  • Konstruktion, Aufbau und Besiedelung der Habitate

Was bei all dem begeisterten Geschwätz nicht thematisiert wird ist das:

Warum?

Es gibt unzählige Sonden auf dem Mars, Roboter, die dort herumrollen, filmen und Proben nehmen. Er ist vielleicht sogar schon besser kartographiert, als unsere Heimat.
Der Mars ist kalt, staubtrocken und stinklangweilig. Es gibt in Wirklichkeit keinen Grund, ihn zu besuchen, geschweige denn, ihn zu besiedeln. Er ist halb so groß wie die Erde und ein Mann mit 100kg hat dort ziemlich genau 33kg. das ist lässig, aber kein Grund, all diese irren Strapazen und Aufwände auf sich zu nehmen.
Welchen Grund gibt es, den Mars zu besiedeln? Viele antworten auf diese Frage:

  • Aus demselben Grund, warum man auf einen Berg steigt: Weil man es kann!
  • Um seinen Vers zum Leben beizutragen
  • Weil es in uns ist, Pioniere zu sein

Ja. Wir sind Pioniere, wir suchen neue Gestade und den Sinn des Lebens und wir tun, was wir tun, weil wir es können, und wenn wir es nicht können, dann üben wir so lange, bis wir es gut genug können. So sind wir. Aber wir sind auch grüblerisch und kritisch und in Lauf der Zeit zu der Erkenntnis gelangt, dass es nicht immer klug und nützlich ist, alles zu tun, was man kann, ohne einen anderen Grund zu haben, als den, weil man es kann.
Als die Europäer im 13, 14 Jahrhundert neue Seewege suchten, ging es um Geld und um Ruhm. Eine Reise zum Mars und dessen Besiedelung können nur noch aus Ruhmeslust betrieben werden. Geld kann es nicht sein, denn am Mars gibt es nichts, dass sich die Bemühungen lohnt.

Oh, man könnte den Mars besiedeln, wenn wir die Erde kaputt gemacht haben. Ja eh, aber eben: sinnlos. Wenn wir die Erde kaputt gemacht haben, gibt es a) auf der Erde noch immer Platz genug, um Biotope hochzuziehen, und b) vielleicht keine nennenswerte Rücklagen mehr, die es wert wären, auf den Mars gebracht zu werden. Und c), wenn wir die Erde kaputt gemacht haben, ist sie noch immer nicht so ein öder Ort wie der Mars. Wir müssten uns in den neuen Biotopen nicht einmal auf eine neue Schwerkraft einstellen und ersparten uns auch den weiten Weg.

Worüber sie in ihren begeisterten Dokusoaps nicht reden, ist, warum sowohl die Reise von Menschen zum Mars, als auch dessen Besiedelung sinnlos, dumm und unmöglich ist.

Es ist sinnlos

Am Mars gibt es nichts zu holen, nichts zu entdecken, nichts zu finden. Das wissen wir wegen der unzähligen Roboter, die es dort gibt und die uns mit Informationen versorgen.
Sollte die Erde je unbewohnbar werden, wegen Klimakatastrophen, Atomkriegen, Meteoreinschläge oder was weiß ich, warum sollten wir zum Mars fliegen und dort in Habitaten leben, wenn wir die genausogut hier in jeder x-beliebigen Wüste errichten können? Man müsste sich nicht einmal mit der dämlichen Schwerkraft herumärgern ...

Es ist dumm

Der Fantasie, den Mars zu terraformieren, ist eine nette Mär. Nur sie wird nicht klappen. Egal, welche Methoden man anwenden will. Es würde endlos lange dauern und der Effekt wäre höchst fraglich.
Warum?
Der Grund, warum auf der Erde Leben ist und auf dem Mars nicht, liegt im Kern der Sache. Der Kern der Erde ist aus Metall und dreht sich in einer Hülle aus flüssigem Metall. das erzeugt das Magnetfeld, das uns umgibt und uns vor Sonnenstrahlen und kosmischen Srahlen schützt.
der Mars hat kein Magnetfeld, weil er aufgrund seiner Größe schneller abkühlte, der Kern zur Ruhe kam und so kein Magnetfeld produziert. Ein magnetfeld ist nicht alles, könnte man sagen. Stimmt. Aber ohne magnetfeld ist alles nichts.

Es ist unmöglich

Okay, in SF-Romanen ist nichts unmöglich, niemals nicht. Was das mögliche Terraforming des Mars betrifft, gibt es noch zwei gewichtige Argumente gegen diesen Versuch: Phobos und Deimos. Die Monde des Mars und ihre Umlaufbahn. Die ist sehr eng. So eng, dass eine Atmosphäre um den Mars, die dicht genug ist, um von Menschen geatmet zu werden, bis zur Umlaufbahn der Monde reichen würde. Die Wirkung wäre einfach und fatal: Die Monde würden durch die Reibung an der obersten Atmosphäre langsamer werden. Sehr langsam zwar, aber eben doch. Und das würde ihre Bahn beeinflussen, bis sie eines Tages auf den Mars stürzen. Und an diesem apokalyptischen Tag will ich lieber ganz wo anders sein.

Cyborg Me - Vorwort

Ich stelle in meinen Romanen gerne einen Zusammenhang her. Zu früheren Geschichten und zu solchen, die noch geschrieben werden müssen. Als ich mit der Arbeit an Cyborg Me begonnen hatte, stand die Geschichte für sich, eine Mischung aus Alita, Bladerunner und Ghost in shell. Dann kam mir der Gedanke bei der ersten Überarbeitung, dass die Welt, in der meine beiden Helden leben, verblüffende Ähnlichkeit mit der hat, über die ich nachdachte, als ich die Vorgeschichte zu Die Inseln im Westen schreiben wollte.

Die Inseln im Westen sind eng verwandt mit Coda- Der letzte Tanz, und damit auch mit dem Roman Fluchtgemälde. Mit Cyborg me hatte ich nun eine Geschichte, einen Kurzroman, mit dem ich erzählerisch das Feld bereitet hatte für die Geschichte, in der ich erzählen kann, woher die Welten Nib und Amid kommen, und was es mit der Legende von Samson und Osmin auf sich hat.

Wenn Du das Vorwort liest, bevor Du den kurzen Roman angehst, werden Dir die Namen nichts sagen, außer, Du hast Die Inseln im Westen gelesen. Keine Sorge, jeder Roman ist in sich abgeschlossen und man kann den einen lesen ohne einen anderen zuvor lesen zu müssen - aber dennoch: Ich arbeite an einem eigenen Erzähluniversum, das mehrere Romane umspannt.

Tatsächlich habe ich schon damit begonnen, eine Geschichte zu entwerfen, in der ich (wieder einmal) die Welt untergehen lasse - mit Getöse. Schuld daran wird ein junger Soldat sein, der in einem Bürgerkrieg ermordet und in eine Torture Doll verwandelt wurde.

Übrigens, ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert: Das Cover des Buches finde ich sehr gelungen, auch, weil es die Stimmung der Geschichte gut einfängt. Ursprünglich aber wollte ich ein anderes Motiv haben, genau genommen zwei. Zum einen das hier:


Artwork from kdash

Und andererseits dieses Bild hier, das zwar im Internet herumgereicht wird, dessen Lizenzierung allerdings exorbitant teuer ist:


Artwork by Augusto Ribeiro E Silva

Vor allem das letzte Bild hat mich dazu inspiriert, diesen kurzen Roman zu schreiben. Ich weiß, jeder hat seine eigene Vorstellung davon, wie eine Romanfigur aussieht. Für mich sieht Samson Aguilar jedenfalls so aus ...

Am Sommerberg

Heute war ich bei meinen Eltern auf Besuch, um Mama mit dem Mailprogramm zu helfen und um gemeinsam den alten Kühlschrank zu verschieben.

Das war eine Nachwehe vom gestrigen Familienbesuch, als wir uns alle in Biedermannsdorf trafen, um ein Familienfoto zu schießen. Richard wollte nach dem Essen beim Fahrradheurigen Holzgruber nach Hause, weil ihm der Fuß wehtat. Deshalb fuhr ich heute allein raus, tankte bei der Gelegenheit das Auto, wusch es und saugte den Innenraum. Das ist alles nur Geplänkel, die Vorgeschichte. Auf dem Weg nach Hause beschloss ich, beim Gemeindeteich von Biedermannsdorf einen Zwischenstopp einzulegen und auf dem Feldweg nach hinten zu gehen, am Teich vorbei, in der stillen Hitze des Tages, im Geruch des trockenen Grases. Ich versuchte nach Echos zu lauschen. Die Erinnerungen sind angestaubt, aber sie sind da. Als ich vor 40 Jahren hier entlang ging.

Von zu Hause gegen 10:00 am Birkenweg zum Teich, der damals noch zum Wildbaden war - kein Zaun, keine Uferbegrünung, keine Kantine. Fritz Kling, Peter und Franz Jägersberger, Michael Zraly, Reinhold Atlas, ich und seufz Walter Kroboth. Mir fiel heute ein, dass wir damals an einem Sommertag ein Foto da oben gemacht haben: von links nach rechts: Reinhold, Fritz, Michael, Peter. Vielleicht war es auch im Herbst, doch es war vor 40 Jahren. Damals lag die Welt vor mir, frisch und glitzernd wie das Ejakulat aus dem ersten feuchten Traum eines Jungen.

Ich konnte beinahe durch die Jahre hindurch greifen und denselben Tag spüren. Ich roch ihn, ich war ihm nahe, nur durch eine Membrane getrennt, die Leben heißt. Die rotzige Obszönität von Michael, die engelhafte und ernste Schönheit von Fritz. Walter tragische, ungarische Eleganz und Schönheit, Reinholds Erwachsensein. Die Freunde meiner wirren Teenagerjahre. Der Geruch von Sonnenmilch und Seewasser, wie wir uns gegenseitig mit Wichsbewegungen jagten und mit Sonnenmilch anschweinten, von der Zukunft träumte und schwadronierten, wenn wir nass und schwer atmend auf den Badetüchern lagen.

Ich stand da oben eine Weile. Die schräg geschlichteten Stahlbetonplatten, auf denen sie gesessen hatten, als ich das Foto geschossen hatte, damals im Sommer 1982, die sind weg. Die Hitze und die Stille sind noch da, die Feld und Sträucher auch. Ich ging zurück über den Feldweg zum Parkplatz, wo ich das Auto abgestellt hatte, hörte den Wind in den trockenen Blättern der Bäume rascheln.

Meine Güte, waren wir lebendig!