Musik, die mich begleitet

Bei der Arbeit an meinem neuen Roman, der den mittleren Teil der geplanten Le Fantom Trilogie bildet, begleitet mich sehr viel klassische Musik. Das liegt daran, dass eine der wichtigsten Nebenfiguren (wichtig nicht im Sinne des Handlungsfortschritts, sondern in seiner Gewichtung als Person) eine Vorliebe für klassische Musik hat – und das ist nur eines der Geheimnisse, die er vor seinen Freunden hütet.

Die winterliche Landschaft des südlichen Estlands

In der Reihenfolge ihrer Erwähnung im Rohmanuskript (bislang) hört Atim, der zu den Bösen gehört, aber kein wirklich böser Mensch ist, sondern nur ein besonders unglücklicher, folgende Musikstücke:

Gloria – Et terra en pax, Antonio Vivaldi, arrangiert von Trevor Jones

Stabat Mater, Giovanni Battista Pergolesi

Requiem Op. 48, Gabriel Faure

Shostakovich Piano Concerto No. 2 in F major, Op. 102 – Andante

Meinen zweiten Helden wird diese Musik emotionell stark an einen seiner Peiniger binden, wenn er auf der Flucht ist und sich durch das winterliche Estland kämpft.

Mein Weg zu Linux

Ich habe den Weg viel zu spät beschritten, obwohl ich schon früher in meinem IT-Berufsleben auf Linux gestoßen bin: SUSE und Red Hat, irgendwann 1998 herum. Ja, solange und noch länger gibt es das Zeugs.

Mein Hauptmotiv, mich intensiver mit Linux zu befassen, begleitet mich schon seit meiner Jugend. Es ist mein Wunsch nach Privatautonomie. Dinge auf meine Art zu machen. Starken Einfluss darauf hatten immer meine Eltern, die eine wunderbare, altmodische Einstellung haben, dass Privates privat zu sein und zu bleiben hat. Dass Privatheit nicht nur ein Setting ist, eine Tür, die man hinter sich schließen, und Vorhänge, die man zuziehen kann, sondern eine Lebenshaltung. Sehr gut wird das im Film „The kings men“ ausgedrückt: Der Name eines Gentleman sollte nur dreimal in der Zeitung erscheinen. Bei seiner Geburt, seiner Vermählung und seinem Tod.

Und dazu kommt noch ein durch Medienkonsum entwickelter Widerwillen, mich ebendieser Medienkonsummühle unterzuordnen. So gesehen ist mein Weg von Windows zu Linux nicht das Hauptthema, sondern vielmehr Nebeneffekt einer Reihe von Überlegungen. Eine davon führt mich in meine Jugend zurück, als es für meine Freunde und mich besonders wichtig war, autonom zu sein, uns nicht so zu kleiden, wie alle anderen, die Dinge nicht so zu sehen, wie alle anderen, unsere Angelegenheiten zu managen, nicht so wie alle anderen. Wir wollten anders sein, als unsere Eltern und innerhalb unserer kleinen Gruppe von Landjugendlichen wollten wir anders sein als die „anderen“. Wir wollten andere Musik hören und darüber fachsimpeln, wollten nicht konform sein und waren stolz darauf, keine wohlstandsverhätschelten Weichlinge zu sein. Ohne das als Ziel zu haben, entwickelten wir eine enorme Resilienz gegen Marketing, Mode, Trends und Einflüstereien.

Das alles und letztendlich auch meine berufliche Weiterbildung in Bezug auf IT Servicemanagement und meine sich schärfende Wahrnehmung der Begehrlichkeiten der BIG IT führte dazu, mich anderweitig zu orientieren. Zumindest bei mir als Schriftsteller ist das relativ einfach, denn was brauche ich schon großartig?

  • Ein zuverlässiges, resilientes Betriebssystem, das mir Funktionen zur Verfügung stellt und nicht von mir verlangt, mich um seinetwillen damit zu befassen
  • Einen sicheren Browser und ein E-Mail-Programm
  • Ein Textverarbeitungsprogramm
  • Einen Cloudspeicher
  • Ein Notizprogramm (jahaa, ich benutze wieder eins, wird in einem eigenen Beitrag besprochen)

Das wars. Dazu brauche ich ein Laptop, das gar nicht State of the art sein muss. Es muss laufen. Ich mache daraus auch keine Ideologie. Die Entscheidungen, die mich letztendlich zu Linux führten und von Google weg, sind durchwegs pragmatisch und beruhen immer auf der Frage: Was nutzt mir? Was will ich sein? Kunde oder Batterie in der Matrix, ein Produkt? Will ich Genießer sein oder passiver Konsument? Das geht bis in ganz banale Entscheidungen hinein: Schreibe ich eine Notiz mit der Hand oder mit einer App? Wie begründe ich vor mir selbst meine Entscheidungen?

Linux erscheint mir in der Nutzung ähnlich wie wir als Teenager waren: Ein wenig verwegen, nicht immer leicht zu gängeln, aber sehr widerstandsfähig. Nicht leicht zu infizieren. Und zuverlässig. Das mag seltsam anmuten, doch wenn meine Erinnerungen an meine Jugend nicht restlos von den Jahren verklärt sind, dann waren wir als Jugendliche zuverlässig. Wir waren gewiss leichtfüßig, unwuchtig, eigensinnig, stur, manchmal vertrottelt und standen sexuell ständig unter Strom – aber wenn wir ein Wort gaben, dann galt das. Nicht bis zur Selbstvernichtung – denn so blöd waren wir dann doch nicht. Aber unsere Resilienz bewirkte in uns eine Art Handschlagqualität, deren Echo ich heute im Umfeld von FOSS stärker und unmittelbarer wahrnehme, als überall anderswo.

Wenn jetzt alle dieselben Social-Media Plattformen verwenden, sich denselben Challenges hingeben, und das alles gratis – wo ist dann die quasi gottgegebene Aufmüpfigkeit der Jugend? Wo die entschlossene Haltung gegen Monopole? Alles weg, weil es im Gleichschritt einfach viel bequemer ist? Ist es der über Jahrzehnte hinweg angezüchteten Gratismentalität geschuldet? Dass nichts mehr irgendetwas kosten darf?

Dabei ist doch der Merksatz so eingängig: Wenn ein Produkt nichts kostet, bist Du nicht der Kunde, sondern Du bist das Produkt. Und jetzt mal ehrlich, selbst wenn man ein armer Student ist, ein Schüler, kann man sich beispielsweise die 12 Euro pro Jahr für einen sicheren Mailanbieter leisten, der sich einen Scheiß für Deine Daten interessiert. Schaut mal zu Posteo oder Mailbox.org. Nehmt Duckduckgo oder Startpage oder Bravesearch als Suchmaschinen. Einen privateren Messenger als WhatsApp, Signal oder Telegram. Man muss nicht dort sein und dort suchen, wo alle suchen und nutzen, was alle nutzen. Öfter mal den Weg nehmen, der weniger begangen ist, mal den unberührten Pfad auswählen. Es gibt hochprofessionelle Alternativen. Linux ist nur eine davon – aber damit kann es anfangen, sich ein Stück Selbstständigkeit und Eigensinn zurückzuholen.

Das Kreuz der Dünen

Tief in der Nacht, ans Kreuz der Dünen geschlagen, steht ein betrunkener Mann und wirft mit beiden Händen Flüche in die Brandung.
Er ist tätowiert und gepierced und die Ringe in den Brustwarzen kämpfen mit dem Mond um die Reste von Licht und Zeit

Ich frage ihn, warum er Flüche und händevoll Sand in die Brandung wirft und er antwortet mit erstickter Stimme: Es ist mein letzter Tag und es ist die Liebe, die ich hierlassen muss. Da kann ich ebensogut auch meine Wut ins Meer schleudern, findest du nicht?

Ich nicke und erinnere mich an all die Liebe, die ich hier schon zurücklassen musste und nimmermehr fand.
Die Trauer im Meer zu begraben, am Tag vor dem Flug, das erscheint mir sinnvoll, und heute bin ich der Mann, geschlagen ans Kreuz der Dünen

Zwischenstand und neue Tools

Mit meinem neuen Roman komme ich gut weiter und die Korrekturarbeiten an meinem fertigen Manuskript, das im Juni unter dem Titel Du warst der Plan im Juni 2024 veröffentlicht wird, sind abgeschlossen. Vielen Dank an SuSe vom Papyrus Autor Forum.

Der Roman, an dem ich gerade arbeite, ist die direkte und unmittelbare Fortsetzung zu Du warst der Plan und die Arbeit am Konzept für den dritten Band kommt auch voran. Apropos Planung: Ich schmeiße ja meinen Toolstack regelmäßig und oft um, wenn ich mich in die Idee verbeiße, ein neues Werkzeug auszuprobieren. Am häufigsten wechsle ich die Notiztools und aktuell reißt es mich zwischen Zoho Notebooks, Evernote und Upnotes herum. Wieso gerade die drei? Erzähle ich Euch:

Evernote

Evernote hat vor rund einem Jahr den Besitzer gewechselt und gehört nun einem in Italien ansässigen, europäischen Unternehmen namens Bending Spoons, und nach einer Stabilisierungsphase und einigen Justierungen bei der Performance macht Evernote gerade eine interessante Transformation des UI durch – es wird, heller, freundlicher und angenehmer zu arbeiten. Das macht Evernote für mich attraktiv – die Preisgestaltung von Evernote relativiert den guten Eindruck allerdings. Der Personal Plan kommt auf 100€ im Jahr.

Zoho Notebook

Mit Zoho Notebook hatte ich schon vor Jahren geliebäugelt, denn das Tool gibt es schon seit einigen Jahren auf dem Markt. Es ist mehr oder weniger ein Nebenprodukt des indischen Softwareherstellers Zoho, die auf CRM-Produkte spezialiert sind und seit einiger Zeit auch eine sehr kostengünstige, hochprofessionelle E-Mail-Lösung anbieten, die ich nun seit Jänner 2024 für Mail., Kontalke und Termin nutze. Die Preise hierfür sind sehr charmant. Die Notebook-Solution allein kostet rund 17€ im Jahr. Zoho Notebook bietet nicht den Funktionsumfamg von Evernote und ist in manchen Funktionen noch nicht so ausgereift, aber das Tool hat seine ganz eigene, verspielte Eleganz, und in Zusammenarbeit mit Zoho Mail, in das man das Notebook friktionsfrei einbinden kann, ist es sehr überzeugend. Noch überzeugender für Freunde des Datenschutzes: Zoho betreibt weltweit mehrere Datencenter und Produkte von Kunden in der EU werden automatisch im EU-Datencenter angelegt und gehostet. DSGVO-garantiert.

Upnote

Mein Herz schlägt jedoch für Upnote, dem Produkt einer handvoll vietnamesischer Programmierer. Upnote kann, wenn man will, rein lokal betrieben werden. Dazu braucht man nicht einmal einen Benutzernamen und ein Passwort, kann aber sehr wohl das ganze Notizbuch oder einzeöne Notizen passwortschützen. Synchronisiert man Upnote, braucht man klarerweise Benutzername und Passwort. 2FA wird derzeit noch nicht angeboten, aber ich denke, ein 35-stelliges Passwort tut es auch. Man kann sich über die eigene Mailadresse authentifizieren oder über iCloud und Google Profile. Beides kommt bei mir nicht infrage.

Upnote ist sehr leicht, extrem schnell, verfügt über ausgereifte Funktionen und ist bedienfreundlich, hell und angenehm. Eine Lifetime-Lizenz kostet einmalig rund 30€, was ich mehr als nur wohlfeil finde.

Abschließende Gedanken

Evernote ist sehr gut, wenn man damit sein ganzes Leben managen will, Dokumente reinscannen und diese durchsuchen können will, Pläne macht, Aufgaben abarbeitet, Evernote ist die eierlegende Wollmilchsau, ein wenig eitel und preislich im oberen Teil des oberen Drittels angesiedelt. Hat etwas von der geilen Bitch im Club, die jeder will, sich aber nicht alle leisten können – oder wollen.

ZOHO Notebook glänzt mit einem sehr fairen Preis, einem eigenwilligen Design und einer sehr guten Verzahnung mit den anderen Tools von ZOHO. Für mic ist es noch um einen Deut zu verspielt und es mangelt an einigen Funktionen, wie zB Notebookstacking, Books in Books und an Performance.

Upnote ist schnell, hell und freundlich. Für Datensicherheitsfreunde ist es irritierend, dass Upnote kein 2FA anbietet und das die Daten werden, wenn man sich dazu entscheidet, sie synchrom halten zu wollen, auf einem Firebase Server gespeichert, der wiederum ein Produkt von Google ist. Diese Tatsache ist für mich wie ein Hauch von Zahnweh, aber ich denke, dass die Entwickler gesprächsbereit sind, die Datenbank, die lokal angelegt wird, in Zukunft auch in einem Cloudverzeichnis ablegbar zu machen.

Für meine Zwecke reicht Upnote vollkommen aus. Wofür verwende ich es? Ideensammlung für Urlaub, Ideensammlung für Bücher, Reiseplanung, private Notizen, Clippings von Zeitungsartikeln.

Das alles kann Evernote noch besser, ist aber eben auch wesentlich teurer.

Mystifikationen

Eine Weile lang trieb ich mich auf Threads herum, dem neuen Mikrobloggingdienst von Meta. Einfach, weil es sich anbot, und zweitens, weil es für ein paar Tage tatsächlich so aussah, als würden sich dort hauptsächlich Leute treffen, die wirklich über Kunst reden wollten. Über Fotografie, Malerei, digitale Kunst, Schriftstellerei. Das war nichts. Die unter dem #bookthreads gesammelten Einträge stammten in erster Linie von Selfpublishern und Einmannbetrieben, die den Selfpublishern zuarbeiten: Lektorate, Coverdesigner, Buchsatz, Korrektorate.

Der Tenor dort war: Eigentlich sei man Selfpublisher, weil man als Literaturrevolutionär die Alternativen zu den herkömmlichen Verlagen unterstützen wolle und weil man bei den großen Verlagen viel eher eine Chance hat, wenn man als Selfpublisher bemerkenswerte Verkaufszahlen vorweisen kann. Und dafür scheint jedes Werbemittel recht. Die Strategie der hauptsächlich jungen User auf Threads unter dem #bookthreads war scheinbar, zuerst einmal einen Missstand zu beklagen und in die Menge zu fragen, ob das andere auch so sehen. Zum Beispiel die Marginalisierung von Randgruppen durch etablierte Verlagshäuser. Oder Ausgrenzung älterer User durch jüngere. Seht Ihr die Verlagsautoren auch als so arrogant wie ich?, fragen manche.

In einer Diskussion, die sich auf Threads ergab, meinte eine junge Frau, die von sich behauptete, Literatur zu studieren, ich sei auch nur ein Vasalle der etablierten Verlage, die Randgruppen stigmatisieren und marginalisieren. In herkömmlichen Publikumsverlagen zu veröffentlichen, gelänge nur alten, weißen Männern, weil die herkömmlichen Publikumsverlage ausschließlich von alten, weißen Männern kontrolliert würden.

Auf meine Frage, was denn die Alternative wäre, antwortete sie, natürlich Selfpublishing. Meine Widerrede machte sie wütend: Was ist mit all den Menschen, die schreiben wollen und es vielleicht sogar können, die sich aber den Weg als Selfpublisher einfach nicht leisten können? Denn nicht jeder kann sich – neben der eigentlichen Arbeitszeit am Roman – die Kosten für Covergestaltung, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz leisten. Abgesehen von den Marketingkosten und der Zeit, die auch dafür draufgeht. Eigentlich, sagte ich in dieser Debatte, sei Selfpublishing eine sehr elitäre Angelegenheit, die alle marginalisiert, die sich diesen Weg nicht leisten können.

Das war die Diskussion, ich denke aber einen Schritt weiter, und zwar ganz unzimperlich: Die Mär von den alten weißen Männern, die die herkömmlichen Verlage steuern und verhindern, dass junge, marginalisierte Autoren „seriös“ veröffentlicht werden, ist eine Mystifikation. Gute Schriftsteller werden nach wie vor in herkömmlichen Verlagen veröffentlicht, und die, die es auch nach zig Einsendungen nicht schaffen, in einem Standard- oder Kleinverlag veröffentlicht zu werden, tröstet sich eben mit der Geschichte von der hermetischen Literaturszene, die PoC, LGBTQ+, Frauen, Ausländer ganz allgemein, an erfolgreichen Publikationen hindert. Klingt auch irgendwie besser als: Die nehmen meine Manuskripte nicht, weil ich keinen blassen Dunst davon habe, eine erzählenswerte Geschichte zu verfassen. Natürlich verteidigen die Selfpublisher ihre Herangehensweise mit Zähnen und Klauen. Selbst solchen Stuss wie den mit den „Bullysexfantasien „Dark School Bully Romance“ von Penelope Douglas. Ich habe die Leseproben der Autorin auf Amazon gelsen und kann mich nicht erinnern, jemals zuvor derart hölzerne, unbeholfene und marktschreierische Texte gelesen zu haben.

Und statt sich darüber auszutauschen, wie man denn nun einen guten Roman schreibt, geht es dort um Triggerwarnungen, Sensitivity Reader und Sub-Sub-Subgengres, um dem Leser in spe ganz, ganz genau sagen zu können, was ihn in diesem oder jenem Roman erwarten wird. Und das alles in einem passiv-aggressiven Ton, der an Giftspuckerei grenzt, maßlos überheblich, gleichzeitig aber gespielt kindhaft und verletzlich: Stussfabrikanten im Dauereinsatz. Die Marginalität, die eigene Verletzlichkeit als Rammbock gegen jede Art der Kritik. Sie alle wollen nur über ihren Schmerz reden. Ununterbrochen, 24/7. Und das ist, mit Verlaub, totlangweilig.

Warum ich mit Socialmedia hadere

Einer der Hauptgründe, warum ich so eine elend dynamische Beziehung zu SoMe habe, ist, dass ich einerseits schon gerne lese, was los ist oder das Gefühl habe, beteiligt zu sein – auch, wenn das, woran ich beteiligt bin, eigentlich völlig unwichtig ist. In einem anderen Beitrag habe ich geschrieben, dass ich mich von Threads schon nach zwei Wochen zurückgezogen habe, und in dem Aufwischen habe ich heute, am 25.12.2023 auch gleich wieder Facebook gecancelt.

Das Auf & Ab und Hin & Her resultiert aus Neugierde (Gravitation) und Befremden über die Inhalte (Schwungkraft). In derstandard.at wurde in einem Artikel gefragt, ob Bluesky der Twitterkiller ist, und allein das Kampfgetöse in den Artikeln stößt mich ab. Im Artikel schrieb der Redakteur auch sinngemäß, dass das eher erratische Verhalten von Elon Musk, die Leute, die ihre Meinung äußern wollen, von Twitter wegtreibt. Und da hatte ich den Dolch, den ich für den meuchelnden Dolchstoß brauchte: Will ich wirklich einer von denen sein, die immer ihre Meinung äußern müssen, deren Bedarf, sich zu äußern, so dringend ist, dass sie einer SoMe-Plattform private Daten überantworten, sich um Follower bemühen, weil es ja nur wenig Sinn hat, eine Meinung zu haben und sie zu äußern, wenn einem niemand zuhört. Der ständige Balanceakt, provokant genug zu sein, um bemerkt zu werden, aber nicht zu sehr, um nicht gewonnene Follower zu vertreiben – außer man lebt und werkelt schon völlig schambefreit wie zum Beispiel die Redakteure vom Exxpress auf Twitter. Da ist schon alles wurscht. Ehrlich, ich habe nicht viel mitzuteilen – das ist der letzte Grund, der mir auf Anhieb einfällt. Ich will und kann nicht 24/7 witzig und originell, spannend und aufregend sein. Niemand kann das. Viele glauben, dass sie es können. Ich bin diesbezüglich voller Zweifel.

Threads

Nach nur zwei Wochen gebe ich mein Profil bei Threads wieder auf. Selten – noch nicht einmal bei Twitter – habe ich eine solche Ansammlung von Menschen erlebt, die bei dem Versuch, das Toxische, vor dem sie fliehen, auszuschließen, selbst im Höchstmaß giftig und zerstörerisch werden. Snowflakes mit Stacheln sozusagen, blutrünstige Einhörner.

Threads kommt mir vor wie eine Holzplanke im eisigen Atlantik, und von einem sinkenden Schiff paddeln nassfellige Ratten hinüber und krabbeln übereinander, um sich die beste Position auf der schaukelnden Planke zu sichern. Die Gehässigkeit ist widerlich, das Auf- und Abgehüpfe um Aufmerksamkeit abstoßend. Like4Like, Follow4Follow, das Generieren von Aufmerksamkeit durch das Hochjazzen vollkommen banaler Alltagsthemen, hyperwoke Selfpublisher, die eigentlich nur talentlos Selbstdarsteller sind, Hochstapler, Wichtigmacher und Poser. In ihrem Bemühen, sich eine besser Bleibe zu schaffen als bei Twitter, vergiften die Leute die Plattform und sie ist bereits imprägniert von Meinungsscheiße und seelischem Erbrochenem.

Zeit zu gehen.

Die Notizbücher

Die Moleskine-Jahre

Mein erstes Notizbuch war ein unliniertes A6 Büchlein von Moleskine mit Softcover, der Klassiker. Die Marke nutzte ich dann über neun Jahre und füllte etwa zehn Bücher. Zwischendurch kaufte ich die A5-Version liniert, einmal versuchte ich, einen Kalnder zu führen, ließ das aber, weil ich zu der Zeit, also rund um 2016-2017 intensiv den Google Kalender nutzte.

Der Gedanke, das Motiv dahinter, meine Gedanken in Notizbücher zu schreiben, hatte schon etwas mit dem Wunsch zu tun, etwas mit Stil zu tun. Dachte ich zumindest. Das Gefühl wurzelte jedoch auf einer wesentlich tieferen Ebene, wo ich dachte, dass es Gedanken und Ideen gibt, die nur mir gehören sollen. Nur für mich zu schreiben, nicht, um mich später an dies oder das zu erinnern, sondern um mich im Moment des Schreibens zu erinnern.

Ich kaufte meine Notizbücher im stationären Handel. Das heißt nicht, dass ich in ein geheimes Papierwarengeschäft in der Innenstadt ging, wo ein alter Mann, wie der in der Buchhandlung in dem Film Die unendliche Geschichte, in der Ecke sitzt und grantig über den Rand seiner Brillen blickt – nein, ich kaufte die Notizbücher bei Thalia und nutzte die Gelegenheit und trank dort dann auch mal Kaffee und gustierte, was es sonst noch an Notizbüchern gibt.

Leuchtturm und Bulletjournal

Etwa ein Jahr lang versuchte ich, mit dem Bulletjournal warmzuwerden, das von Leuchtturm1917 nach dem Entwurf von Ryder Carroll produziert wird. An und für sich gefiel mir das Herumgepussel mit den Vorgaben, stellte aber fest, dass ich nicht vorhatte, mein Leben damit zu organisieren. Für Kritzelei, Sticker aufkleben und Absätze reinschmeißen, war mir das Bulletjournal dann doch zu konzeptionell. Ich bevorzuge Canvas, die leere Leinwand.
Ich führte das Buch nicht zu Ende und kaufte mir stattdessen zwei sehr schöne Notizbücher von …

Beechmore

Die Notizbücher von Beechmore sind edel. Ganz einfach. Sie haben dickes Papier, auf dem man gut schreiben kann, sie liegen gut in der Hand und der weiche Ledereinband fühlt sich wertig an. Ich habe zwei davon gekauft, einen für die Arbeit und einen für private Angelegenheiten. Ich hatte mich für die Edition in kastanienbraun, Größe A5 entschieden. Das private Buch habe ich vollgeschrieben, das für die Arbeit … nun ja, da habe ich noch Platz. Mir würde eine A6-Variante der Beechmorebooks gefallen, die scheint aber derzeit nicht verfügbar zu sein.

Auf der Suche nach etwas anderem, etwas Neuem, fand ich durch einen Kollegen, der so ziemlich alles, was er tut, mit Stil tut –

Paper Republic

Paper Republic hat seine Manufaktur in Wien, kauft aber Produktteile aus Frankreich und Belgien hinzu. Bei den Notizbüchern von Paper Republic geht es weniger um Notizbücher, als vielmehr um ein Konzept, wie man die Dinge, die man schriftlich festhalten will, bündeln und zusammehalten kann. Das Konzept sieht vor, einen Ledereinband zu haben, in den man austauschbare, beziehungsweise immer neue Notizbücher mit Gummiband hineinfixiert. Sowohl die Qualität des Leders wie auch des Papiers sind unschlagbar gut. Der Preis ist nobel; für ein Paper Republic Grand Voyageur XL legt man schon 60€ hin. Das ist nicht ganz ohne. Tröstlich, dass man zumindest den Umschlag nur einmal kaufen muss. Alles andere kann man dann als Subscriber mit 20% Nachlass recht kostengünstig nachkaufen. Vielleicht kaufe ich auch ein zweites Set für Reisenotizen, also die Pocket-Version

Als Schreibwerkzeug nutze ich jetzt einen Caran d’Ache 849 mit blauer Mine. Das Ding kostet wohlfeile 22€ und schreibt schöner als mein Waterman Hémisphere oder der schwarze Parker Tintenroller. Die Moleskine Kugelschreiber würde an und für sich ganz gut schreiben und ich würde sie öfter nutzen, aber sie liegen sehr ungut in der Hand und machen einen alles andere als wertigen Gesamteindruck; so als würden sie beim nächsten mal Mine rausdrücken, auseinanderfallen.

Mit der Hand

Mit der Hand zu schreiben – glaube ich – erfordert mehr Hingabe und Fokussierung, als irgendetwas in eine Notizapp zu tippen. Schreibt man mit der Hand auf Papier, widmet man sich der Sache, die man festhalten will, mit mehr Ernsthaftigkeit. Notizapps machen den User zu Informationsmessies. Quantität vor Qualität. Mit der Hand zu schreiben bedeutet auch, genauer darüber nachzudenken, was es wert ist, notiert zu werden und was weggelassen werden kann. Man trifft die Entscheidung intuitiv, während man kritzelt. Das Hirn arbeitet freudiger, kommt mir vor. Und schlussendlich ist es auch Zeit, die man sich für sich selbst nimmt.

Dass jetzt, in der vermeintlichen Endrunde der Coronakrise, die Menschen sich vermehr alternativen Lösungsansätzen zuwenden und oft nach Lösungen jenseits von Internet, PC und Smartphone suchen, zeigt mir, dass das Dauergedröhn der Informationskrieger nicht mehr beeindruckt sondern ermüdet. Dass der Zwang, präsent zu sein, zunehmend als Belastung wahrgenommen wird, und dass die Menschen den Begriffen „privat“, „autonom“ und „souverän“ mehr Bedeutung beimessen.

Dreht den ganz Social Media Krempel ab, geht raus, nehmt ein Notizbuch mit und schreibt, um Euch im Moment des Schreibens zu erinnern. Nein, nicht Fotos machen. Schreiben. Mit der Hand auf Papier. Nur für Euch selbst – als Privatpersonen.

Das Private

Der Motor der Zerstörungsmaschine des Privaten ist die Sehnsucht des Menschen nach Anerkennung. Für Leistung, Besitz, für die Familie, für die Lebensweise. Die sozialen Medien machten aus diesem Bedürfnis eine Travestie, in dem sie Anerkennung von einer möglichen, vorangegangenen Leistung entkoppelten. Du zeigst im Internet Babyfotos, mit schicken Filtern bearbeitete Stills von der Urlaubsreise oder unzählige Bilder von Dir selbst, und wirst dafür geliked. Du musst nichts Besonderes sein oder leisten, um geliked zu werden. Du musst nur das Private aufgeben und Dein Leben in den Schaukasten stellen, um gemocht zu werden. Das ist verführerisch, denn überall lauert die Belohnung und die Belohnung ist an keine besondere Qualität mehr gebunden. Sei Du selbst, ganz natürlich wie Du bist (ein paar Filter hie und da betonen doch nur die Natürlichkeit, oder?), und schon wirst Du gemocht.

Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie es wäre, wenn Du vormittags zum Hofer einkaufen gehst, und die Leute, die dort gerade Einkaufswagen an sich nehmen oder zurückgeben, die gerade aus ihren Autos steigen oder die Einkäufe verladen, unterbrechen, was sie gerade tun, sehen Dich voller Hochachtung an und klatschen und zeigen Daumen hoch und Du hast keine Ahnung, warum …

Das verallgemeinerte Gemochtwerden zerstört das Fundament tiefer, innerer Zufriedenheit mit sich selbst. Du musst Dich nicht mehr vor Dir selbst rechtfertigen, Dich für erbrachte Leistungen loben und mit Dir selbst ringen, um vor Deinen eigenen Augen Anerkennung zu finden. Du musst nur Facebook aufmachen, ein Foto von Dir posten mit einem halbklugen Satz vom Wandkalender, und Du wirst geliked, geherzt und von allen geliebt. Weil Du einer von ihnen bist, zur Schar gehörst und den neuen Status Quo bestätigst, in dem Du mitmachst.

Dass das alles hohl ist, nicht trve, spürst Du wie ein fernes Säuseln. Du kennst den Unterschied zwischen einer Plastikbrille von Wish und einer Ray Ban, Du kennst den Unterschied zwischen 12€ Schuhen und Bugatti. Dein Verstand kennt den Unterschied zwischen echter Resonanz und sozialen Medien. Und trotzdem wählst Du Plastik, Ramsch und Tineff. Weil Dir der Wert der Sache gar nicht mehr so wichtig ist wie die Quantität. Um den Preis einer Ray Ban bekommst Du 70 Plastkbrillen bei Wish und damit 70 x das Gefühl der Belohnung. Du spürst, dass das Leben hohl geworden ist und an geschmack verloren hat. An Echtheit und Resonanz. Da hilft nur eins: Die Ablenkung lauter drehen. Noch mehr Bilder, noch mehr vollmundige Postings, noch mehr Videos. Likes sind die Zigaretten von heute und die Social Media Manager sind die Drogendealer unserer Zeit. Und in der Welt, die sie Dir zur Verfügung stellen, hat das Private keinen Platz. Es ist egoistisch, kontraproduktiv und schädlich.

Das Private ist keine Verschlüsselung oder eine Sicherheitseinstellung, und es ist mehr als nur ein Konzept. Es ist eine Lebenseinstellung.
Natürlich kann man Verschlüsselungstechnologien verwenden und Mailserviceprovider, die großen Wert auf Datensicherheit und Privacy legen – die Frage, die man sich zuerst stellt, sollte aber immer sein: Brauche ich das wirklich Oder will ich es nur, weil es chic ist? Weil es sich so schön anbietet und professionell rüberkommt?

Privatheit bedeutet in diesem Zusammenhang auch: Ausräumen und entrümpeln. Weg, was man nicht wirklich braucht, Platz machen, die scheinbare Verpflichtung, Apps zu nutzen, weil sie so fancy sind, so produktiv zu machen scheinen – weg damit. Privatheit bedeutet auch, sich auf das Besinnen, was einem wirklich wichtig und wertvoll scheint und darin etwas entdecken, das man durch Privacy schützen will.

Am Sommerberg

Heute war ich bei meinen Eltern auf Besuch, um Mama mit dem Mailprogramm zu helfen und um gemeinsam den alten Kühlschrank zu verschieben.

Das war eine Nachwehe vom gestrigen Familienbesuch, als wir uns alle in Biedermannsdorf trafen, um ein Familienfoto zu schießen. Richard wollte nach dem Essen beim Fahrradheurigen Holzgruber nach Hause, weil ihm der Fuß wehtat. Deshalb fuhr ich heute allein raus, tankte bei der Gelegenheit das Auto, wusch es und saugte den Innenraum. Das ist alles nur Geplänkel, die Vorgeschichte. Auf dem Weg nach Hause beschloss ich, beim Gemeindeteich von Biedermannsdorf einen Zwischenstopp einzulegen und auf dem Feldweg nach hinten zu gehen, am Teich vorbei, in der stillen Hitze des Tages, im Geruch des trockenen Grases. Ich versuchte nach Echos zu lauschen. Die Erinnerungen sind angestaubt, aber sie sind da. Als ich vor 40 Jahren hier entlang ging.

Von zu Hause gegen 10:00 am Birkenweg zum Teich, der damals noch zum Wildbaden war – kein Zaun, keine Uferbegrünung, keine Kantine. Fritz Kling, Peter und Franz Jägersberger, Michael Zraly, Reinhold Atlas, ich und seufz Walter Kroboth. Mir fiel heute ein, dass wir damals an einem Sommertag ein Foto da oben gemacht haben: von links nach rechts: Reinhold, Fritz, Michael, Peter. Vielleicht war es auch im Herbst, doch es war vor 40 Jahren. Damals lag die Welt vor mir, frisch und glitzernd wie das Ejakulat aus dem ersten feuchten Traum eines Jungen.

Ich konnte beinahe durch die Jahre hindurchgreifen und denselben Tag spüren. Ich roch ihn, ich war ihm nahe, nur durch eine Membrane getrennt, die Leben heißt. Die rotzige Obszönität von Michael, die engelhafte und ernste Schönheit von Fritz. Walter tragische, ungarische Eleganz und Schönheit, Reinholds Erwachsensein. Die Freunde meiner wirren Teenagerjahre. Der Geruch von Sonnenmilch und Seewasser, wie wir uns gegenseitig mit Wichsbewegungen jagten und mit Sonnenmilch anschweinten, von der Zukunft träumten und schwadronierten, wenn wir nass und schwer atmend auf den Badetüchern lagen.

Ich stand da oben eine Weile. Die schräg geschlichteten Stahlbetonplatten, auf denen sie gesessen hatten, als ich das Foto geschossen hatte, damals im Sommer 1982, die sind weg. Die Hitze und die Stille sind noch da, die Felder und Sträucher auch. Ich ging zurück über den Feldweg zum Parkplatz, wo ich das Auto abgestellt hatte, hörte den Wind in den trockenen Blättern der Bäume rascheln.

Meine Güte, waren wir lebendig!