Der Motor der Zerstörungsmaschine des Privaten ist die Sehnsucht des Menschen nach Anerkennung. Für Leistung, Besitz, für die Familie, für die Lebensweise. Die sozialen Medien machten aus diesem Bedürfnis eine Travestie, in dem sie Anerkennung von einer möglichen, vorangegangenen Leistung entkoppelten. Du zeigst im Internet Babyfotos, mit schicken Filtern bearbeitete Stills von der Urlaubsreise oder unzählige Bilder von Dir selbst, und wirst dafür geliked. Du musst nichts Besonderes sein oder leisten, um geliked zu werden. Du musst nur das Private aufgeben und Dein Leben in den Schaukasten stellen, um gemocht zu werden. Das ist verführerisch, denn überall lauert die Belohnung und die Belohnung ist an keine besondere Qualität mehr gebunden. Sei Du selbst, ganz natürlich wie Du bist (ein paar Filter hie und da betonen doch nur die Natürlichkeit, oder?), und schon wirst Du gemocht.

Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie es wäre, wenn Du vormittags zum Hofer einkaufen gehst, und die Leute, die dort gerade Einkaufswagen an sich nehmen oder zurückgeben, die gerade aus ihren Autos steigen oder die Einkäufe verladen, unterbrechen, was sie gerade tun, sehen Dich voller Hochachtung an und klatschen und zeigen Daumen hoch und Du hast keine Ahnung, warum …

Das verallgemeinerte Gemochtwerden zerstört das Fundament tiefer, innerer Zufriedenheit mit sich selbst. Du musst Dich nicht mehr vor Dir selbst rechtfertigen, Dich für erbrachte Leistungen loben und mit Dir selbst ringen, um vor Deinen eigenen Augen Anerkennung zu finden. Du musst nur Facebook aufmachen, ein Foto von Dir posten mit einem halbklugen Satz vom Wandkalender, und Du wirst geliked, geherzt und von allen geliebt. Weil Du einer von ihnen bist, zur Schar gehörst und den neuen Status Quo bestätigst, in dem Du mitmachst.

Dass das alles hohl ist, nicht trve, spürst Du wie ein fernes Säuseln. Du kennst den Unterschied zwischen einer Plastikbrille von Wish und einer Ray Ban, Du kennst den Unterschied zwischen 12€ Schuhen und Bugatti. Dein Verstand kennt den Unterschied zwischen echter Resonanz und sozialen Medien. Und trotzdem wählst Du Plastik, Ramsch und Tineff. Weil Dir der Wert der Sache gar nicht mehr so wichtig ist wie die Quantität. Um den Preis einer Ray Ban bekommst Du 70 Plastkbrillen bei Wish und damit 70 x das Gefühl der Belohnung. Du spürst, dass das Leben hohl geworden ist und an geschmack verloren hat. An Echtheit und Resonanz. Da hilft nur eins: Die Ablenkung lauter drehen. Noch mehr Bilder, noch mehr vollmundige Postings, noch mehr Videos. Likes sind die Zigaretten von heute und die Social Media Manager sind die Drogendealer unserer Zeit. Und in der Welt, die sie Dir zur Verfügung stellen, hat das Private keinen Platz. Es ist egoistisch, kontraproduktiv und schädlich.

Das Private ist keine Verschlüsselung oder eine Sicherheitseinstellung, und es ist mehr als nur ein Konzept. Es ist eine Lebenseinstellung.
Natürlich kann man Verschlüsselungstechnologien verwenden und Mailserviceprovider, die großen Wert auf Datensicherheit und Privacy legen – die Frage, die man sich zuerst stellt, sollte aber immer sein: Brauche ich das wirklich Oder will ich es nur, weil es chic ist? Weil es sich so schön anbietet und professionell rüberkommt?

Privatheit bedeutet in diesem Zusammenhang auch: Ausräumen und entrümpeln. Weg, was man nicht wirklich braucht, Platz machen, die scheinbare Verpflichtung, Apps zu nutzen, weil sie so fancy sind, so produktiv zu machen scheinen – weg damit. Privatheit bedeutet auch, sich auf das Besinnen, was einem wirklich wichtig und wertvoll scheint und darin etwas entdecken, das man durch Privacy schützen will.