Das ist zwar ein Surfer auf Gran Canaria am Strand von Las Palmas, aber die Ähnlichkeit mit Fritz ist überwältigend …
Sommer 1980
Wenn es je einen Jungen gab, der den Spitznamen „Fritz the cat“ verdient hatte, dann Fritz Kling. Ich lernte ihn im Sommer 1980 am Rande des Fußballfeldes von Biedermannsdorf kennen, wo er im Schatten alter Bäume saß und in der hohlen Hand rauchte. Da war er dreizehn Jahre alt, ich war gerade 15. Obwohl ich damals noch nichts vom Geschichtenschreiben wusste, oder davon, wie man Musik macht, obwohl ich damals mehr reaktiv war als besonnen, löste er in mir den Wunsch auf, meine Gedanken und Gefühle ihm gegenüber festzuhalten. Was mir neben seiner beinahe engelhaften Schönheit besonders intensiv auffiel, war seine Ernsthaftigkeit in allem, was er tat, plante, vorhatte und empfand. Fritz blödelte gerne, er war närrisch und lebendig wie ein Blitzschlag. Aber wenn es um Dinge ging, die außerhalb des Jux & Tollerei-Rahmens lagen, zeigte er eine vertrauliche Ernsthaftigkeit, die mir fremd war und die mich ganz tief und ehrlich ansprach. Ich mochte ihn und ich wollte, dass er mich mochte. Was ihm besser gelang als mir selbst, war, durch meine Schutzmauer zu blicken und das zu sehen, was ich wirklich war: ein schlaksiger, verletzlicher Träumer und Narr. Einer, der unsicher war und neu im Ort. Ein Außenseiter, wenn es je einen gegeben hat.
Er nahm mich an und seine Freundschaft war ebenso unaufdringlich wie still und ernst. Und aufrichtig.
Yilmaz und Fritz the cat
Yilmaz war ein fünfzehnjähriger Junge, der Haare auf der Brust hatte und sich rasierte, weil er nicht mit einem Vollbart herumrennen wollte. Er und Fritz trieben sich eigentlich immer im Freien herum. Sie hatten kein Geld für Lokalbesuche oder um beim Greißler des Ortes Bier zu kaufen. Sie kratzten ihr Taschengeld zusammen und kauften sich Zigaretten: Hobby, Smart Export, Flirt. Das Billigste vom Billigen. Sie waren aus der Not heraus reine Naturburschen geworden, und als ich mich ihnen anschloss, ging das von einem Tag auf den anderen und völlig unprätentiös: Am Tag zuvor war ich noch allein und fand mich nicht zurecht, am nächsten hatte ich Freunde. Wir zogen über die Felder, halfen Fischern bei den Vösendorfer Ziegelteichen und verdienten uns so ein wenig Taschengeld dazu, mit dem wir Bier kauften. Damit zogen wir uns in eine der Jägerhochstämme zwischen Biedermannsdorf und Achau zurück, kappselten die Bierflaschen auf, rauchten Zigaretten, und redeten oder schwiegen. Das war unser Geruch: Rauch von Lagerfeuer, gegrillte Maiskolben, Zigaretten und unendlich viel frische Luft.
Sie zeigten mir, wie man auf einen der alten Betonsilo klettern konnte, um dort oben unbeobachtet zu rauchen, wie man Biedermannsdorf auf den Feldwegen umrunden konnte, wo im wilden Unterholz beim Teich einmal ein sterbender Wolf gefunden worden war (was ich für eine Legende hielt). Sie zeigten mir im Waldstück zwischen Biedermannsdorf und Wiener Neudorf das alte, lange Seil, an dem man sich über das ausgetrocknete Bachbett schwingen konnte. Ich lud sie zu mir ein und meine Eltern machten verschnupfte Nasenlöcher, weil sie die Jungs irgendwie „gefährlich“ fanden. Wildlinge wie mein Vater sie nannte. Nach einer Weile akzeptierten sie die beiden – vor allem wohl deshalb, weil wir genau genommen nichts anstellten, nichts wirklich Blödes. Wenn wir Geld hatten, gingen wir zu einem der drei Heurigen, die es im Ort gab, und tranken Ribislwein, und wer den schon mal getrunken hat, weiß, wie das Zeug einfahren kann. Betrunken zu werden, war Anfang der Achtziger eine ziemlich billige Angelegenheit.
Fritz lebte allein mit seiner Mutter, sein älterer Bruder war im Gefängnis. Seine Mutter erschien mir immer abweisend, hart und lieblos. Yilmaz wohnte mit seiner Familie in einem Anbau des Borromäums. Sehr beengte Räumlichkeiten, große Familie, eine traurige Mutter und ein Vater, der mit der Couch verwachsen war. Wir waren, lange bevor es so etwas im Kino gab, verlorene Jungs. Verlierer. Und deshalb war es so wichtig, dass wir einander hatten.
Der Schatten geheimer Träume
Fritz war älter als sein Taufschein es vermuten ließ. Er war 1981 vierzehn Jahre alt und auf eine ziemlich wilde Art & Weise hübsch. Er war muskulös und graziös wie ein Raubtier. Und er war sich dessen kein bisschen bewusst. Mich wunderte immer wieder, wie vollkommen uneitel er war und wie ihm eine Rangelei unter Freunden wichtiger sein konnte, als einfach nur statuenhaft schön zu sein. Ich erklärte mir das damit, dass Fritz entweder (noch) nichts von Sex wusste, oder vollkommen heterosexuell war und einfach noch nicht so weit, die Verbindung herzustellen zwischen äußerlicher Attraktion und der Suche nach sinnlicher Nähe.
Ich war um zwei Jahre älter und ich verdrängte die Träume, ihm nahe zu sein, wann immer sie auftauchten, und es war mir fast eine Erleichterung, als sich meine sexuelle Aufmerksamkeit im Sommer 81 auf Walter Kroboth bündelte wie ein Lichtstrahl. So konnte ich weiter mit Fritz auf den Feldwegen herumziehen, um die Wette zu rülpsen oder einfach nur die Nähe zu genießen. Er roch sogar im Winter immer irgendwie nach Sommer. Nach Heu und Feldern und nach Regen, nach Lagerfeuer. Ihm haftete auch dieser süße Naturwassergeruch an, wie Wassermelone. Damals nahm ich das nicht wahr, aber ich denke doch, dass Fritz und Yilmaz gekränkt waren, als ich immer öfter versuchte, Teil der Clique zu werden, zu der auch Walter Kroboth gehörte, weil er mich unwiderstehlich mit seiner erotischen Schwerkraft anzog. So dachte ich damals nicht. Ich handelte nur, suchte Walters Nähe und malte mir aus, wie es wäre, ihn zu küssen und ihm zwischen die Beine zu greifen und zu spüren, wie er hart wurde. Teenagerträume. Auf irgendeiner Ebene verstand Fritz sehr gut, was mit mir los war, aber er machte nie ein Thema daraus.
Als wir einmal bei einem Treffen der Pfarrjugend dabei waren und eingeladen wurden, uns bei einem Gemeinschaftsspiel zu beteiligen, stellten wir fest, dass wir beide aneinander dasselbe mochten: Keiner von uns beiden machte sich je über andere Menschen lustig. Wir verspotteten niemanden. Wir waren jugendliche Pragmatiker, könnte man sagen. Wie viele andere Jugendliche, die in kleinen Ortschaften aufwuchsen oder ihre Teenagerjahre dort verbrachten, hatten wir nicht viel zu tun. Deshalb erinnere ich mich jetzt ganz besonders deutlich, was uns in dieser Zeit, in diesem Jahr, bevor Sex, Mädchen, Lehrberuf und erste Träume vom eigenen Auto wichtig wurden, erfüllte. Es war die Nähe, die nichts verlangte und alles gab. Es war die Selbstverständlichkeit, dass wir da waren, die Vertrautheit, mit der wir den Atem des anderen kannten, das Herzpochen und den Geruch vom Schweiß, den Geruch der Kleidung. Wir waren uns vollkommen vertraut – nach kürzester Zeit ineinander verschränkt wie zwei Bäume auf einem einsamen Feld, die ineinander verwachsen sind.
Wie ein hingekritzeltes Fragezeichen
Ich glaube, es war im Sommer 1983, da zog Fritz mit seiner Mutter aus Biedermannsorf weg in das Bundesland Burgenland. Im Herbst desselben Jahres wurde der Anbau des Borromäums geschliffen, in dem Yilmaz mit seiner Familie gelebt hatte, und sie zogen nach Wien. Ich stand auf einmal allein da, ich meine, so richtig allein. In den vergangenen zwei Jahren hatte ich auch andere Jugendliche in Biedermannsdorf kennengelernt, mit denen ich mich gut verstand. Da gab es sozusagen eine andere Außenseiterclique, auch irgendwie verlorene Jungs, und gleichzeitig machte ich meine ersten Gehversuche in der elektronischen Musik. Ich hatte um mein erspartes Lehrgeld Synthesizer gekauft und einen Drumcomputer und ein Hallgerät und wir probten in der Nachbargemeinde Achau im Keller eines Familienhauses, wo wir während der Sessions, in denen wir den Stil von Klaus Schulze und Tangerine Dream kopierten, wie die Weltmeister kifften. Das waren damals Klaus Giwiser, Reinhold Atlas und ich. Ich nahm beim jungen Kirchenorganisten Unterricht in Spieltechnik, Komposition und Harmonienlehre und stellte mich dabei nicht ganz dumm an. Das alles hielt mich auf Trab und wenn ich in den Nächten im frühen Herbst von der Probe von der Achau nach Biedermannsdorf unter dem vollen Mond nach Hause ging, wünschte ich mir mit schmerzlicher Intensität Fritz und Yilmaz zurück, die wie Schiffe in der Nacht davongetrieben waren. Ich sang mit meiner krächzenden, vom Kiffen schiefen Stimme „Be my friend“ und manchmal blieb ich stehen, schlug die Hände vors Gesicht, kauerte mich in den Straßengraben, damit mich niemand sehen konnte und heulte. Eh nur wegen der Kifferei, klar?
Das Fundament meiner Ideale
Walter Kroboth war die erste Liebe meines Lebens und die erste herbe Enttäuschung. Fritz aber war für mich das Fundament, auf dem ich meine Ideale für Freundschaft errichtete. Niemand konnte so viel geben wie er, ohne sich dabei wie einer zu benehmen, der gab. Er war einfach da. Er war immer vollkommen da. Und deswegen wird mich die Erinnerung an ihn mein Leben lang begleiten.
Im Sommer 1981 verliebte ich mich in den schönsten Jungen von Biedermannsdorf. Walter Kroboth war von einer geradezu tragischen, ungarischen Wildheit und Eleganz, ohne sich dessen bewusst zu sein. Vielleicht war er sich dieser Qualitäten doch bewusst, auf einer abstrakten Ebene.
Ich taumelte in diesen Tagen nach dem Tod meines Bruders wie ein angeschlagener Boxer durchs Leben, war im zweiten Lehrjahr in den Dekorationswerkstätten der Bundestheater und die aufwendigen Routinen gaben mir Halt und Orientierung. Jeden Wochentag stand ich um 04:45 auf, wusch mich, putzte mir die Zähne, trank kalten Kakao und fuhr mit dem Postbus um 05:19 von Biedermannsdorf nach Wien, zum Südtirolerplatz. Die Dekorationswerkstätten befanden sich im Arsenal (wo sie auch heute noch sind, glaube ich). Wirkliche Freunde, wie ich sie am Arbeitsplatz fand (Grüße an Roman, Alexander, Karl und Max) taten mir gut und halfen mir, den Umstieg vom Wiener Jungen, der einen Bruder verloren hatte, zum Neuen in der Dorfjugend einer kleinen Gemeinde im Süden Wiens zu vollziehen.
Walter hatte ich schon im Sommer 1980 gesehen, konnte ihn aber nicht zuordnen. Meine Seelenfreunde in Biedermannsdorf wurden die beiden Außenseiter Fritz und Yilmaz. Fritz wohnte bei seiner Mutter in einem alten, heruntergekommenen Kutscherhof auf der Ortsstraße, Yilmaz wohnte mit seiner Familie in einem Anbau des verlassenen Borromäums, das später, ich glaube 1983 oder 1984, zu einer Mädchenschule wurde.
Mein Halt war also durch Freundschaften gegeben, die sich nicht berührten. Da die Jungs, mit denen ich gemeinsam in die Lehre ging, und in Biedermannsdorf, das in der Sommerhitze dunstete und schwieg, Fritz und Yilmaz.
Dann, im Mai oder im Juni, als wir anfingen, jeden Tag, an dem es warm genug war, im Gemeindeteich von Biedermannsdorf zu schwimmen (und heimlich Zigaretten zu rauchen), erschien Walter. Es gab damals einen Lieblingsplatz an diesem wilden Teich, wo sich die Jugendlichen trafen. Yilmaz und Fritz waren locker in die Dorfjugend eingebunden, aber eben nur locker. Walter war anders verankert; er wollte nicht nur der Fußballer sein, der er war, mit all seinem sportlichen und schauspielerischen Können (niemand konnte sich so dramatisch fallen lassen und sich das Schienbein halten wie Walter, wenn er im Spiel gefoult wurde). Da staubte es und er sank mit einem wehen Seufzer zu Boden, und starb vor den zusehenden Mädchen und ich stand neben den Mädchen und war eifersüchtig darauf, wie sehr er sich um deren Interesse bemühte, wo ich es doch war, der ihm aufhelfen und ihn küssen wollte, bis die Sonne unterging), er wollte zu der „gehobenen“ Ortsjugend gehören.
Walter kam zum Teich und ich sah ihn zum ersten Mal in der schwarzen, knapp geschnittenen Badehose. Mir gefiel Walter ja schon in seinem Straßenoutfit: Er trug im Sommer ziemlich enge, ausgewaschene Jeans von Wrangler, High Tops von Adidas, weiße Tanktops und Jeansjacken. Walter war schon Anfang Mai brauner als wir anderen und sein abenteuerliches Lächeln zeigte perfekte, weiße Zähne. Er war biegsam und schnell in allem, was er tat und er war … sexy.
Ich war sechzehn und meine intimen Vorstellungen in jenen Tagen gingen nicht über ernste, tiefe und glückliche Blicke hinaus. Und ich wollte Walter küssen, ich wollte, dass er mich küsst und er mich ungeschickt umarmt und dass sein schiefes Grinsen nur mir gehört, ich wollte in seinem Geruch sein und ihn in meiner Hitze einfangen; sexuelle Wunschvorstellungen hatte ich damals nicht. Ich wollte einfach, dass wir uns beide in einem Glücksrausch auflösen und neu zusammensetzen, wild lachend vor Glück. Zwei Jungen, die rennen, schwitzen und schwimmen, sich umarmen und irgendwie miteinander zum Orgasmus kommen, ohne dabei den dunklen Wald der Unanständigkeit zu betreten.
Ich war furchtbar idealistisch, was das betraf, und Walter wusste nichts von meiner Schwärmerei für ihn. Vielleicht spürte er es, vielleicht auch nicht. Aus seiner Sicht war ich nicht mehr als ein anderer Junge aus Biedermannsdorf, ein Neuer, der sich mit zwei Außenseitern herumtrieb, während er darum bemüht war, Zugang zu den besseren Kids zu finden, vor allem, weil dort die Mädchen waren, die ihm gefielen. Walter war durch und durch hetero. Ich denke, er war so hetero, der wäre sogar vor Wut an die Decke gegangen, wenn ihm ein Bursche nach dem Fußballspiel in der Umkleide ein feuchtes Badetuch auf den Arsch geklatscht hätte. Er war nicht nur an Mädchen interessiert, und zwar sehr, es war ihm auch wichtig, dass alle das sahen und wussten.
Walter liebte hymnische Musik; der Musikgeschmack der Biedermannsdorfer Jugend Anfang der Achtziger wurde intensiv von den Gebrüdern Lugerbauer geprägt. Vor allem vom ältesten der Brüder, von Alfred: Yes, Mike Oldfield, Tangerine Dream, Rick Wakeman, Vangelis …
Walter mochte Hymn von Rick Wakeman aus dem Album 1984 und tanzte dazu wie ein wildgewordener Indianer
Und Hymn von Ultravox
Ein trauriges Lied, das uns beiden gut gefiel, war Be my friend von No bros. Der einzige Hit, den diese Gruppe aus Wien je hatte:
Und wenn wir trunken mit den anderen aus dem Ort nachts am Seeufer saßen, sangen wir Take the long way home von Supetramp
Dann kam der August, die Tage waren heiß und so schwer wie Steine. Die Dekorationswerkstätten, in denen ich in die Lehre ging, hatten über die Sommermonate Juli und August geschlossen, ich lebte im ewigen Sommerurlaub, ging jeden Tag schwimmen, fuhr mit dem Fahrrad gemeinsam mit Yilmaz und Fritz zur Shoppingcity Süd, wo wir uns treiben ließen und, wenn wir ausreichend Geld mit hatten, Cola kauften und uns wie die Herren der Welt fühlten.
An einem Samstag trafen Walter und ich uns eher zufällig in der Jubiläumshalle von Biedermannsdorf, setzten uns an einen Tisch und tranken Bier. Meine Sehnsucht dampfte mir aus allen Poren. Wir tranken noch mehr Bier und ich zerfloss vor Begierde, ihn zu berühren, seine Lippen auf meinen zu spüren, eine intime und verbindliche Nähe herzustellen, die für alle Zeit Gültigkeit hatte. Natürlich griff ich ihn nicht an, aber er fragte mich, warum ich ihn so ansehe, und er tat das so freundlich und kumpelhaft, dass ich den Mut fand und sagte, ganz leise, ein Hauch mehr als ein Flüstern: “Ich würde dich einfach gerne küssen, Walter! Ich würde ur-gern mit dir – ich weiß nicht.” Etwas Originelleres fiel mir nicht ein. Ich war sechzehn, leicht betrunken und voll nervös, okay?
Er sah mich irritiert an, keineswegs feindselig, legte den Kopf schief und sagte in etwa: “Pfau Oida, über des muass i erst nochdenken!”
Er sagte nicht: Geh scheißen, du warme Sau. Er sagte nicht: Bist deppert, Schwuler! Er sah mich nur durchs Bier milde gestimmt mit seinen schweren ungarischen Augen an und meinte, darüber müsse er erst nachdenken. Jedenfalls war damit das Thema vom Tisch, wir tranken noch ein Bier und als wir in der sternenklaren Dunkelheit über die Ortstraße gingen, sangen wir laut, falsch und mit Begeisterung “Shadow on the wall” von Mike Oldfield.
Die ganze nächste Woche ging ich wie auf Wolken, war ganz und gar glücklich. Mein Schwarm wusste von meinen Gefühlen. Er hatte sich nicht abgewandt und gewürgt, so als ob er kotzen müsste, und er lief nicht im Ort herum und schrie: Der Piero (das war mein Spitzname) ist eine Homo, der mir an den Schwanz will. Er behielt es für sich, und am Freitag bat er mich, ihn in der Halle zu treffen. Am selben Tisch wie vorige Woche. Ich duschte und benutzte teures Duschgel und rasierte meinen Bartflaum und verwendete etwa von Papas Irish Moos Aftershave. Ich gurgelte und spülte den Mund mit Odol, gab Gel in meine halblangen Haare und zupfte daran herum, bis ich meiner Meinung nach wie ein verwegener, wilder Junge aussah. Dann stolzierte ich in meiner engsten Jeans in die Jubiläumshalle und da war Walter. Tanktop, enge, ausgewaschene Jeans, seine pechschwarzen, wuscheligen Haare fielen ihm über die Augenbrauen. Er war auf eine Art und Weise niedlich, wie ich es später nur noch bei einer anderen Person gesehen hatte, bei Thomas Haustein als Detlev im Film Wir Kinder vom Bahnhof Zoo:
Jedenfalls war Walter voll nervös und alles, seine langen Wimpern zitterten, seine Lider flatterten und wir tranken Bier und rauchten und redeten über den Sommer und die Party, die für das übernächste Wochenende, das Letzte im August, auf der Lichtung bei den Bächen geplant war.
Und dann, so nach drei Bier und einer Handvoll Zigaretten, sagte er leise zu mir: “Du, wegen dem, was wir vorige Woche geredet haben,., was du mich gefragt hast, ja? Ich kann das nicht, ich kann das wegen meiner Erziehung nicht. Reden wir nicht mehr drüber, okay?”
Er sagte nicht, dass er es nicht will, oder er eben kein Schwuler ist, oder wenn er einer wäre, dass ich einfach nicht schön genug für ihn sei. Er sagte, er könne es nicht wegen seiner Erziehung, so, als hätte er über eine Antwort nachgedacht, mit der er mein Ansinnen ausschlagen könnte, ohne das Gesicht zu verlieren und ohne mich zu verletzen. Mir war in dem Moment zum Heulen zumute und alles, was ich sagen wollte, zerfiel mir im Mund zu Asche. Ich glaube, er legte sogar ganz kurz seine Hand auf meinen Unterarm. Dann tranken wir weiter und Walter redete über etwas anderes, aber ich war taub, so als ob neben mir eine Granate explodiert wäre.
An diesem Abend gingen wir wieder gemeinsam über die Ortsstraße, wir sangen nicht und ich verbrannte neben Walter, der nach grünen Äpfeln roch, nach den Zigaretten, die er geraucht hatte, und nach Bier. Ich brannte lichterloh, ging heim, legte mich ins Bett, holte mir einen runter und als es mir kam, weinte ich. Mein Gott, ich war sechzehn, da darf man noch unausgeglichen sein.
Die ganze Woche wich ich ihm aus und trieb mich mit Fritz und Yilmaz herum, denen meine mürrische Art auch irgendwie den Tag versaute. Dann kam dieser Freitag, es wurde Abend, und ich ging nach einigem Überlegen auf diese Party auf der Lichtung, wo der Ort endete, die Wildnis begann und zwei Bäche zusammenflossen. Irgendjemand hatte eine Gitarre dabei und jemand anderes hatte Tablas und Bongos und als es dunkel wurde, sang jemand “The house of rising sun” und “morning has broken” und Fredl spielte Cavatina.
Walter tanzte trunken, mit einer Flasche Bier in der Hand, der Mond schien und alles schien okay zu sein. Ich meine, angesichts der Tatsache, dass ich eine Abfuhr bekommen hatte und meine Teenagerschwärmerei in sich zusammengebrochen war wie ein Sack voller Knochen.
Walter war in Susanne K. verliebt. Ja, die war auch dort. Ein wunderschönes Mädchen mit goldenen Haaren und einer Hauttönung, wie ich sie noch nie gesehen hatte, irgendwie honiggold oder so. Er wollte sie mit all der leidenschaftlichen Ungeschicklichkeit eines fünfzehnjährigen Burschen, der angesäuselt war.
Werner Stadlmann war da und Hans Adam, die beide betrunken herumsteifbeinten, und Alfred Lugerbauer, der die Gitarre spielte wie ein Gott, Mädchen waren da, für die ich mich nicht besonders interessierte, Walter wollte Susanne küssen und irgendwie (das erfuhr ich erst später), spuckte er ihr in den Mund und sie stieß ihn weg und er war fuchsteufelswild, kam zu mir, sah mich mit Wuttränen in den Augen an und schrie: “Kann einen denn niemand vor diesen Drecksschwuchteln schützen?“ und donnerte mir die Faust ins Gesicht. Ich sackte zusammen, wie vom Blitz getroffen, und wollte sterben und im Boden versinken. Mir war übel, ich war taub, blind und verwirrt und Walter storchstakte davon und wälzte seine Schuldgefühle Susanne gegenüber auf mich ab, krächzte bittere Flüche und kämpfte mit sich und den Tränen. Ich war niemand, der je im Mittelpunkt stehen wollte, und jetzt sammelte ich den Rest meiner Würde auf, kämpfte mich auf die Beine zurück und zwei Jungs halfen mir, rein aus Solidarität mit dem Besiegten, und ich stand auf einmal ganz allein zwischen all den anderen und brannte wie auf dem Scheiterhaufen. Niemand fand ein tröstendes Wort, ein paar Mädchen kümmerten sich um Walter und ich ging allein und verdroschen durch das Wäldchen und die dunklen Gassen von Biedermannsdorf nach Hause.
Ich trug nicht einmal ein blaues Auge davon. Ich nehme an, dass Walter mich nicht wirklich in Grund und Boden prügeln wollte, sondern dass er seine persönliche Enttäuschung in Bezug auf Susi an mir entladen wollte und gleichzeitig eine moralische Rechtfertigung brauchte, um zuschlagen zu können. Damals sah ich das wesentlich enger und fokussierter: Walter hatte mich öffentlich gedemütigt und geschlagen, weil er mich hasste, weil ich schwul war und ihn damit … belästigt hatte. Ich war kein abgebrühter Halbstarker – ich wollte einer sein, aber Pustekuchen, ich war nur ein langer Schlacks, dünn und vom Leben verwirrt. Der Junge, den ich liebte wie eine Ikone, verprügelte mich, ich war zwangsgeoutet worden, also wollte ich sterben.
Rückblickend war das vielleicht das Herzzerreißende, der Grund, warum ich jetzt so gut verstehen kann, warum verprügelte Ehepartner dort bleiben, wo sie sind. Weil man nicht einfach aufhören kann, zu lieben, nur weil es vernünftiger wäre. Liebe hat mit Vernunft nichts zu tun, man glaubt ja sogar, man kann, geschützt durch Liebe, unter Wasser atmen.
Ich wusste nicht, wohin. Ich hatte niemanden, mit dem ich darüber reden konnte oder wollte. Fritz und Yilmaz waren für mich vollkommen asexuelle Kumpel (obwohl Fritz Kling damals schöner war als ein Engel und das, was man einen echten Freund nennen kann – doch über Fritz will ich einen eigenen Beitrag schreiben), und mit denen konnte ich über meine Schwärmerei für Walter nicht reden.
Eine Woche später, an einem Sonntag Anfang September, kaufte ich vier Flaschen Bier und eine Schachtel Ernte 23 Zigaretten, ging damit zum Teich, die Steigung nach oben zu den alten Betonplatten, die dort seit der Entstehung der Welt lagen, setzte mich hin und beschloss, mich zu betrinken und dann ins Wasser zu gehen, um zu ertrinken. Das war der Plan.
Und da saß ich nun und über mir wurde der Himmel dramatisch, der Wind frischte auf und wehte Laub über das trockene Gras. Die Oberfläche des Teichs war rau wie eine Feile, ich trank Bier und rauchte und fing an zu reden. Zu niemandem, zu mir selbst, zu Gott und den steinernen Wolken, die aneinander rieben und rumpelten. Das war mein Rapport ans Leben selbst. Ich sagte dem Wind, dass es okay sei, dass ich schwul bin und dass ich deswegen keine Angst vor meinen Eltern hatte, und dass ich mich nur davor fürchtete, zu lieben, zu lieben, zu lieben und abgewiesen und ausgelacht zu werden. Ich sagte den Wolken, wie sehr es an mir zehrte, so zerbrechlich und schwach zu sein, zu stottern, wenn mich jemand scharf anging, und wie dumm ich mich fühlte, weil ich Fantasiegeschichten über meine Familie und mich erzählt hatte, als wir hier 1980 einzogen, weil ich nach Aufmerksamkeit suchte. Ich erzählte dem Donner in der Ferne, wie traurig es mich machte, wie meine Eltern sich bemühten, nach dem Tod meines Bruders Rudi die Familie zusammenzuhalten, sich selbst zusammenzuhalten und ich konnte nichts beitragen, nur da sein, und ich sagte den Gräsern zu meinen Füßen, ich denke, es ist zu wenig, dass ich da bin, ich bin nicht genug, um sie zu retten.
Dann trank ich noch ein Bier und redete mich in Rage. Ich verfluchte Walter, weil er mein Vertrauen niedergeprügelt hatte, weil er sich mir entzog, weil er trotzdem noch immer so schön war und noch immer alles in mir für ihn lichterloh brannte. Und ich redete weiter und krächzte heiser und weinte wieder ein wenig. Und dann brach die Sonne durch die Wolken. Ein goldener Vorhang aus Licht, und ich sagte: In Wirklichkeit, also es ist so, ich will leben. Und ich höre nicht auf, Walter zu lieben, nur weil er nicht schwul ist und selbst gerade eine urschwere Sache durchmacht. Er ist okay, und ich bin okay, und das Bier ist alle.
Dann dachte ich so: Ich habe mich zum ersten Mal verliebt. So richtig bis in die Haarspitzen. Und für diesen kurzen Moment, als alles möglich schien, war es wunderschön. Ein sehnsüchtiges Ziehen im Hinterkopf, im Magen und in den Lenden. Ein zitterndes Hoffen. Und Regenbogen, Regenbogen, Regenbogen!
Walter und ich kamen nicht zusammen. Wir hatten nie was und ich hörte nach einiger Zeit auf, von ihm zu träumen. Wir näherten uns im Herbst wieder aneinander an und kamen miteinander aus. Im darauffolgenden Jahr zerfiel unsere kleine Gang aus Walter, Fritz, Yilmaz, Michael Szraly und einigen anderen, als ein paar der Jungs sich um Rudi Keller scharten, der in der Perlaszgasse ein Lokal einrichtete und sich die willige Arbeitskraft der Jungs sicherte, in dem er ihnen Freibier versprach. Walter gehörte zu ihnen und entwickelte in dieser Zeit eine säuerliche Selbstherrlichkeit, die ihn zunehmend unattraktiv machte. Er wollte erwachsen werden, als erwachsen gelten, und trank zu viel Bier. Ich fuhr an den Wochenenden immer öfter nach Wien, um Jungs kennenzulernen.
Das Leben trennte uns; Yilmaz zog nach Wien, Fritz mit seiner Mutter ins Burgenland und ich zog 1984 ebenfalls nach Wien. Von Walter hörte ich erst im August 1991 wieder, als meine Mutter mir erzählte, er sei im Juli desselben Jahres bei einem Motorradunglück auf einer Serpentinenstraße tödlich verunglückt. Walter wurde auf dem Friedhof von Biedermannsdorf bestattet.
Ich habe sein Grab erst im Juli 2023 besucht. Danach ging ich zu Fuß am Fußballplatz vorbei und über die Perlaszgasse raus zum Badeteich. Es war ein windstiller, sonniger Tag, sogar die Grillen schwiegen. Ich ging außerhalb des Geländes auf der Forststraße weiter nach hinten und fand den Platz, wo ich damals im Bierrausch Gott und das Leben herausgefordert hatte und mit Lebensfreude beschenkt worden war.
Die Betonplatten waren weg und die Lichtung am steilen Ufer vollkommen überwuchert mit Büschen und Gräsern und verkrüppelten Bäumen. Ich blieb eine Weile dort stehen und erinnerte mich an alle. Besonders an Walter, den ich so verzweifelt geliebt hatte. Ich wartete auf Tränen. Aber als ich ging, lächelte ich.
Rolf Dobelli, und das ist kein Dummer, rät generell vom Konsum von News ab. Man gewinnt keine Erkenntnisse durch den Konsum von News, man lernt daraus nichts, sie tragen nichts dazu bei, im Leben bessere Entscheidungen zu treffen. Schon Jorge Luis Borges sagte in seinen Gesprächen mit dem argentinischen Schriftsteller Ernesto Sabato, Zeitungen würden geschrieben, um vergessen zu werden. Und was damals für die Zeitungen galt, gilt heute umso mehr für so flüchtige Medien wie Twitter, Facebook, Instagram, TikTok, vk und wie sie alle heißen. News konsumieren ist das neue Kiffen. Man vertrödelt Zeit, verwirrt sich durch Meinungen und lernt nichts dabei. News konsumieren schränkt die Aufmerksamkeitsspanne und die Konzentrationsfähigkeit ein und die Algorithmen hinter den News schröpfen den User wie Mastgänse mit immer beängstigenden News, weil die nun mal am häufigsten gelesen werden und die meisten Interaktionen bewirken.
Heutige und damalige Zeitungsmacher wollen kein „Aha“ aus dem Publikum, sondern ein dauerhaftes und vielstimmiges „Das darf doch alles nicht wahr sein!“ Geraune.
1990 gab es in Las Palmas, auf Gran Canaria, eine Diskothek namens Trebol. Im Rückblick betrachtet war das Trebol die wohl wichtigste Diskothek der kanarischen Schwulenbewegung. Es lag zentral, direkt an der schmalen Hüfte von Las Palmas in der Calle Dr. Miguel Rosas. Der Urlaub in Las Palmas de Gran Canaria war meine erste Flugreise und zu verdanken hatte ich die einem Freund meines ehemaligen Freundes und Vermieters, Alfi, dem damals das Lokal „Alfis goldener Spiegel“ gehörte. Ihm war ein Reisebegleiter abgesprungen und so landete ich an seiner Seite auf Gran Canaria und hatte mit ihm auch gleich einen Fremdenführer, der sich dort schon ein wenig auskannte.
Wie sich später herausstellte, war es von unschätzbarem Vorteil für einen wenig selbstsicheren und nur halbwegs gut aussehenden Burschen wie mich, in Las Palmas aufzuschlagen und nicht im Süden der Insel, in Playa del Ingles oder Mas Palomas, wo es schon in den Neunzigern die schwulen Touristen aus Österreich, Deutschland und England Nacht für Nacht krachen ließen. In Las Palmas war ich selbst als schwarzhaariger Tourist unter den einheimischen Schwulen der Exote.
Das Trebol war aber nicht nur eine schwule Diskothek, sondern auch noch eine schwule Sauna: Ebenerdig war die Diskothek und in den drei oberen Etagen befand sich die größte schwule Sauna, die man sich vorstellen kann. Ab Freitagnacht konnte man einen kombinierten Eintritt bezahlen und hatte damit von Freitagnacht bis Sonntagabend unbeschränkten Zugang zur Disco und Sauna. Das hatte für viele einheimische Gays einen gewissen Charme, die aus kleineren Ortschaften übers Wochenende nach Las Palmas kamen, um zu feiern. Man konnte sich dort tatsächlich verlieren, zwischendurch Sauna machen, Dampfbad oder eine Massage genießen oder einfach eine Runde pennen, um dann erfrischt weiterzutanzen.
Der Exot unter heimischen jungen Schwulen zu sein, hatte unübersehbare Vorteile für mich. Ich war in jenen Tagen noch sehr schüchtern und ungeschickt beim Flirten, und das schien die Canarios zu reizen – denn die liebten nicht nur das Flirten, sie beherrschten es auch. Ich wurde in meinem Leben nie wieder so unverschämt und verführerisch angeflirtet wie in den Tagen auf Gran Canaria von einheimischen Jungs. Betrunken stellte ich mir vor, wie es wäre, mich in einen von ihnen zu verlieben und zu bleiben und irgendwie Fuß zu fassen – törichte Träume eines 20-somethings, der sich gerade auf den Weg zum Alkoholiker machte. Die freizügige Flirterei und der übermäßige Genuss von Alkohol führten jedenfalls oft dazu, dass ich nach einem hochintensiven Intermezzo mit einem spanischen Burschen im oberen Teil der Trebol-Anlage glückselig um drei Uhr früh im Club tanzte wie ein Blitz in der Nacht und vor Lebensfreude Tränen in den Augen hatte. „Dancing with tears in my eyes“ sozusagen, zu Guro Josh’s Infinity oder Who’s law:
Diese tanzbaren Elegien sind für mich untrennbar mit Las Palmas Anfang der Neunziger verbunden. Mit naiven Flirtereien und eskapistischen Träumen. Das Trebol gibt es schon lange nicht mehr. Ich weiß nicht, was sich dort jetzt befindet, aber ich hoffe, die Gassen zwischen dem Parque Santa Catalina und der Playa de las Canteras haben noch ihren verwuschelten Charme. Kann mich noch an die dichte Bewölkung über der Stadt erinnern, die das rostige Licht der Natriumdampflampen zurückwarf.
Wie eine Flaschenpost geht mit diesem Posting auch ein Gruß raus zu Juani Bello Sanchez, der damals im Trebol arbeitete und für mich zum Inbegriff des Latin Lovers wurde; ein unglaublich gut aussehender Zwanzigjähriger mit schwarzem Wuschelkopf, braunen Augen und einem umwerfenden Lächeln. Nach meinem Kenntnisstand war er damals Student an der Universität Las Palmas und arbeitete nebenher auch noch in der Universitätsbibliothek. Der Kerl hat mir 1991 das Herz gebrochen. Wie? Er hat mich mit seiner ganzen Aufmerksamkeit beschenkt, als wir im Feuersturm im Trebol tanzten, uns umarmten und küssten und später auf seinem Zimmer liebten – in einem Rausch, der uns beide nach dem Unmöglichen süchtig machte. Mich mehr als ihn.
1992 hatte ich dann schmerzhaft gelernt, dass ich für ihn nur ein einfacher, kleiner Flirt war. Eine Fingerübung sozusagen, und meine Annäherungsversuche im Sommer 1992 waren ihm sichtlich unangenehm. Das hat mich damals schlagartig ausgenüchtert und aus den Wolken gefischt. Um nicht zu sagen, es war wie ein Schwall Eiswasser aufs Gemüt.
Wenn ich jetzt an die Zeit zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an das Gefühl der Freiheit, an die nächtliche Trunkenheit, meine vollkommene Arglosigkeit gegenüber allem und jedem. Dann erinnere ich mich an die Nächte, in denen ich mit einer Dose Bier im Sand saß, im Takt der Brandung atmete und wie die Horizontlinie im Morgengrauen deutlicher wurde. Die fast ängstliche Trauer, wieder zurückkehren zu müssen nach Wien und nicht damit umgehen zu können. Nicht bleiben zu können, um ewig weiterzufeiern, zu lieben, Sehnsucht in die Brandung zu schleudern und mit Tränen in den Augen wie ein Blitz in der Nacht zu tanzen.
[…] es gibt nun mal Werte, die dauerhaft und unverbrüchlich sind und damit die Grundlage für eine zivilisierte Gesellschaft bilden: Völkerrechte, Menschenrechte, Grundrechte. Diese Grundwerte sind fundamental und nicht beliebig. Das wissen Juristen und Völkerrechtsexperten, die allesamt hinzugezogen wurden und werden, wenn es um den Beitritt zur EU geht.
Und ein gemeinsames gesellschaftliches Fundament zu haben, bedeutet keinesfalls, die Eigenschaften und Stärken der einzelnen Mitgliedsländer zu schwächen oder zu negieren. Andererseits frage ich mich, durch welche besonderen Eigenschaften und Stärken sich der Ungar von mir unterscheidet, der Tscheche, der Slowake, der Slowene oder der Deutsche – um nur ein paar zu nennen?
Eine der komplexesten Figuren, die ich je ersonnen habe, ist Atim Janson. Er spielt eine sehr wichtige Nebenrolle im Roman Auf dieser Frequenz. Der Roman bildet den Mittelteil der Elias-Trilogie. In dieser Geschichte wird Stefan, der beste Freund von Elias, der Hauptfigur der drei Romane, in Estland von Nationalisten entführt, um einen Pakt der baltischen Staaten zu verhindern. Atim ist einer der Entführer. Er ist der Jüngste der drei Entführer und aus der Sicht seiner beiden Freunde der Laufbursche ihrer kleinen nationalen Front.
Zuerst sieht es so aus, als ob Atim nicht mehr wäre als ein Mitläufer, einer der mitmacht, um überhaupt irgendwo dabei zu sein. Er tut sich hervor mit harten Sprüchen und Spott gegenüber Minderheiten wie People of Color und/oder LBQT+ ohne Abstufung.
Im Verlauf der Handlung stellt sich heraus, dass Atim eigentlich schwul ist und darunter leidet, dass er keinen Weg findet, seine Sexualität auszuleben. Er kann nicht dauernd nach Tallinn fahren, um dort nach jemand zu suchen, und außerdem ist er zu sehr gefangen in den Blut und Boden Fantasien seiner Kumpel, die ihm eine Art Nestwärme bieten, der er sich nicht entziehen kann.
Wenn er allein ist, hört er schwere klassische Musik oder symphonische Filmmusik, aber auch Musicals, hat heimlich ein Instagram-Konto, auf dem er anzügliche Fotos von sich postet, ohne sein Gesicht zu zeigen oder gerade soviel, dass er eben nicht erkennbar ist. In ihrem Gefangenen erkennt Atim nicht nur einen Mensch von mehr Größe und Würde, als er selbst je erlangen wird, sondern auch den Mann, nachdem er sich, ohne es zu erkennen, in seinen einsamen Nächten gesehnt hatte.
Stefan tötet Atim und kann fliehen. Er nimmt dessen Smartphone mit, entsperrt es und beginnt auf seiner Flucht, als er sich in den Momenten, wenn er sich ausruht, zu begreifen, dass er einen Menschen getötet hat, dessen Leben vielleicht verpfuscht war, aber auch unendlich kostbar, weil einzigartig. Und weil Stefan kein Hollywoodheld ist, der über Leichen geht, so wie andere tanzen, leidet er auf seiner Flucht nicht nur an Schwächeanfällen und Fieber, sondern auch am Umstand, jemand getötet zu haben, den er in einem anderen Leben vielleicht sogar gern gehabt hätte …
Die meisten Boulevardzeitungen haben auch Webseiten, auf denen ziemlich genau dasselbe steht wie auf den gedruckten Ausgaben. Der Fokus der Onlineversionen ist dabei auf Geschwindigkeit und Aufregung ausgerichtet. Was Onlinemedien brauchen, ist ein Konsument, dessen Dauererregung am besten mit den Worten „Das darf doch alles gar nicht wahr sein“ umschrieben wird.
Der Verdacht drängt sich auf, dass die Medien vor allem mit ideologischen Nebelthemen aufregen wollen, die sich bestens dazu eignen, um um des Kaisers Bart zu streiten. Da kann der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Menschen deportieren und Tausende Beamte entlassen, weil sie möglicherweise ideologisch anderer Meinung sind – wenn irgendwo in Österreich oder Deutschland an einem Tag vor einem Amtshaus oder einer Kirche eine Regenbogenfahne weht, ist Feuer am Dach. Diejenigen unter denen, die sich darüber aufregen und sich für klug halten, versuchen, Gesetze zu bemühen. Andere regen sich darüber auf, dass „diesen“ Leuten so viel Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Und meiner Meinung nach ist das des Pudels Kern: Die Leute meinen, man müsse sich ja bald dafür schämen, normal zu sein. Nein. Muss man nicht. Musste man nie. Man darf nur nicht erwarten, dass Medien, die davon leben, Aufmerksamkeit zu binden, über Alltägliches, Belangloses, Normales berichten.
Was bleibt am Ende des Jahres in Erinnerung? Die Norm? Oder die Außergewöhnlichen? Die bemerkenswerten Modedesigner, Dichter, Maler und Komponisten, Schriftsteller und Denker sind es, deren Licht das der anderen überstrahlt. Der Alltag interessiert die Medien nicht. Und deshalb berichten die Medien auch über Regenbogenfahnen. Über Demonstranten. Klimakleber. Politiker mit verqueren Ansichten.
Wenn User sich nun in den Kommentarbereichen von Zeitungen online darüber auslassen, dass man „denen“ viel zu viel Aufmerksamkeit schenkt, dann beklagen sie sich eigentlich nur darüber, dass sich niemand für sie interessiert. Der sittlich-moralische Unterbau der Wehklage ist nebensächlich. Sie kränken sich, dass das, worauf sie insgeheim stolz sind, nämlich auf ihre Normalität, so wenig Beachtung findet. Sie berufen sich auf die Norm und schmähen alles jenseits der Norm. Und sie bestätigen ein ums andere Mal, dass die These wohl stimmt: Die Normalität ist der Trost des Mittelmäßigen.
Diese Woche habe ich meine Webpräsenz umgestellt und den WordPress Blog auf Google Sites nachgebaut. Beim Erstellen der Seite mit den Werken habe ich mich ein wenig nostalgisch und auch etwas traurig an Frank Montalvo erinnert. Frank lernten mein Mann Richard und ich 2010 kennen, als wir im Sommer auf Kuba Urlaub machten und auf eigene Faust herumreisten, überall baden gingen, wo es uns taugte, und die fremdartige Freiheit des Lebens genossen, wie es wohl nur auf Kuba geht.
Frank war hauptberuflich als Security in einem Industriegebiet im Norden von Havanna tätig; in seiner Freizeit trainierte er für den Radsport. Frank erzählte uns, als wir uns bei Mi Cayito kennenlernten, dass er sooft es ginge, für das Radrennen „Vuelta a Cuba“ trainierte, ein Radrennen, das jährlich im Februar stattfindet.
Sein Fahrrad war wüst zusammengeschraubt, aber stabil. Er sagte, es sei ein echter Kubaner, aus Teilen aus Mexiko, Venezuela, Kuba und China.
Frank inspirierte mich zur Hauptfigur einer Kurzgeschichte mit dem Titel „Der Radfahrer“. Diese Geschichte erschien in einer Anthologie mit Kurzgeschichten von mir im AAVAA-Verlag, den es inzwischen leider nicht mehr gibt.
Wir sahen ihn dann noch öfter bis 2015. Danach, erfuhren wir, konnten wir ihn gar nicht mehr sehen, weil er 2016 die Ausreise aus Kuba bewilligt bekam und irgendwie in Florida gelandet war, wo er dann auch lebte. 2017 kehrte er zu seinem Geburtstag nach Kuba zurück, um mit seinen Freunden zu feiern, die er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Die Party stieg in Havanna, in der Fabrica de Arte und nach Mitternacht wollten ein paar Mädchen mit Frank noch in einem Club in Matanzas weiterfeiern. Frank, ganz Gentleman und wohl auch ein wenig angeheitert, lud die Mädchen ein, sie mit dem Mietwagen, den er am Flughafen Jose Martí ausgeliehen hatte, nach Matanzas zu bringen, um dort weiterzufeiern. Auf der Fahrt nach Osten über Land kam der Wagen wohl wegen überhöhter Geschwindigkeit von der Straße ab, überschlug sich mehrmals und ging schließlich in Flammen auf. Niemand überlebte den Unfall, fünf junge Leben waren ausgelöscht.
Von Zeit zu Zeit erinnere ich mich an Franks unverwüstliche Lebensfreude und Freundlichkeit, an seine Fähigkeit, immer nahe zu sein, ohne einem zu nahe zu kommen. An sein Lächeln und seine fast kindliche Freude, als ich ihm erzählte, dass er das Vorbild für eine Romanfigur sei.
Das Thema Digital Nomads hat mich schon länger interessiert und wie das bei mir so ist, schlief das Interesse ein, nachdem ich mich sattgelesen hatte. Eine Facette des Themas, die mich ermüdete, war, dass es zwischen dem 9 to 5 Job und dem Digital Nomad nichts zu geben schien in der Debatte, das erwähnenswert war. Das zweite Merkmal, das ich als ziemlich abstoßend wahrnahm: Die Pro-Digital-Nomad Leute haben allesamt das Wirken und Auftreten von Missionaren und Predigern. Was sind Digital Nomads? Im Grunde genommen Leute, die frei und ungebunden, dort leben, wo sie möchten und in scheinselbstständigen Arbeitsverhältnissen remote über Laptop, Smartphone und eine gute Internetverbindung entwickeln, designen, übersetzen, schreiben; Jobs erledigen, für die man nirgendwo vor Ort sein muss.
Sucht man im Internet nach Informationen zu Digital Nomads, findet man auch jede Menge Fotos, die junge, schöne Menschen in instagramablen Settings zeigen. Irgendwo in Spanien, in Thailand, Bali, oder in Lissabon, auf den Kanaren. Alle tiefentspannt, jung und agil mit Laptop und einem coolen Drink neben der Tastatur mit Blick aufs Meer und Palmen. Die Settings wirken dabei zu gewollt, um Echtheit zu vermitteln, und sie stimmen auch nicht mehr ganz mit den Texten zusammen, die man zum Thema lesen kann. Dass es kompliziert sein kann, das Leben als Digital Nomad zu leben. Dass man oft tagsüber neun bis zehn Stunden arbeiten muss, um sich die über AirBNB angemietete Wohnung auf Dauer leisten zu können. Dass man im Falle einer Erkrankung keine finanzielle Kompensation hat und oft auch keine medizinische Versorgung wie da, woher man kommt. Dass man sich oft getriebene fühlt, das FOMO inhaliert, weiterzieht, nirgendwo sesshaft wird und keinen Freundeskreis aufbauen kann. Dass man sich das dann schönredet und verklärt, in dem man sich einer Community von Menschen zugehörig fühlt, die dieselben Interessen zu haben scheint.
Selbst die Informationen, die Digital Nomads Gleichgesinnten zur Verfügung stellen, wirken und lesen sich wie Werbekataloge. Alles Hochglanz, eingebettet in Minimalist-Aesthetic.
Und ich denke, dass ist es, was mich an einem solchen Lebensstil am meisten abschreckt: Dass etwas, das nicht mehr ist als eben eine Art zu leben, soviel Missionierung braucht, so viel Werbung, so viel Idealisierung und verkitschte Ästhetik.
Niemand berichtet über Gehaltsausfälle, Krankheit, Einsamkeit, über Unwetter, Überschwemmungen, Internetausfälle, die Tage und Wochen dauern können. Kaum ein Wort über Konkurrenz, Einsamkeit, kein Wort über Heimatlosigkeit.
Es gibt ein Leben zwischen 9 to 5 Job und Digital Nomad oder Backpacker. Um Hans Rosling heranzuziehen, denke ich, dass sich sogar der Großteil des Lebens der Menschen zwischen den beiden Extremen einschachtelt. Die 9 to 5 Jobs werden weniger, bieten mehr Work-Life-Balance, man arbeitet öfter und öfter von zu Hause aus, am Balkon, vor dem eigenen Pool im eigenen Garten. Man ist beruflich in Festanstellungen öfter unterwegs. Als ich für UPC arbeitete, war ich als Service Manager für das Unternehmen in Prag, Luxemburg, Zürich, Amsterdam unterwegs, habe in lässigen Lounges und Hotelhallen gearbeitet, in coolen Cafés am Wenzelsplatz oder am Ufer der Limat in Zürich. Man kann nicht mehr das Vorurteil gegen den 9 to 5 Job heranziehen, um glaubhaft die Vorteile des Lebens als Digital Nomads zu beschreiben.
Ich kann auf der Terrasse eines Bauernhauses im Umland von Wels arbeiten, einen Radler trinken und bin kein Digital Nomad. Ich kann in der Business Lounge am Flughafen Mails lesen und beantworten und in Confluence interne Wiki-Artikel schreiben, ohne ein Digital Nomad zu sein. Es ist keine Entscheidung mehr für oder gegen, sondern ein Wahrnehmen von Möglichkeiten
Mich schreckt nicht die Idee ab, als junger Mensch die Welt zu bereisen und zu arbeiten, wo man gerade ist, Menschen kennenzulernen und Sprachen zu lernen. Das ist wichtig und gut und richtig. Aber es braucht nicht diesen weinerlichen Pathos, mit dem versucht wird, das Leben als Nomade zu promoten.
Mehr Fakten als Weichzeichner wäre schön. Informationen statt Selbstbestätigung.
Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, besuchten wir im Sommer öfter die Eltern meines Vaters, die ein hübsches Haus und einen Swimming Pool an einem Weinberg hatten. Es gab dort einen Steinplattenweg, der vom Haus runter führte bis zum Ende des Grundstücks, an diesem Weg stand eine Hollywoodschaukel und auf der saßen meine beiden Brüder und ich, während die Erwachsenen auf der terrasse des mediterranen Hauses saßen, Wein tranken und erwachsenendinge besprachen. Diese Sommer erscheinen mir, durch den Filter der Jahre, als ganz wundervoll, weil es einfach nichts gab, das nicht passte, nicht stimmte oder nicht im Einklang war mit den Glücksgefühlen eines Jungen, der sich gerade das erste Mal verliebte, ohne es zu wissen.
Im Fernsehen gab es damals eine Serie mit dem Originaltitel: Le jeune Fabre. Bei uns im deutschsprachigen Raum hieß sie Jerome und Isabel. Glücklicherweise ergab es sich immer so, dass die Serie am Wochenende zu einer Zeit spielte, in der ich genug vom Herumtoben und Äpfelpflücken und plantschen im Pool hatte. Vater und Großvater saßen auf der Terrasse des Hauses und Mutter war mit Großmutter entweder im Keller, um die Einmachgläsr umzuschlichten, Marmelade zu holen oder in der Küche, um irgendetwas zu tun. Das soll nicht geringschätzig klingen – es war mir einfach egal, denn ich war erschöpft vom Sommertag, es war später Nachmittag und es lief im Fernsehen Jerome und Isabel.
Ich wusste nichts von Liebe außer von der zwischen Kind und Eltern, aber ich wusste, dass ich Jerome mochte. Dass ich gerne einen Freund wie ihn hätte und dass er mich so ansieht, wie Jerone seine Isabel in der Serie ansieht. Das ging mir durch und durch. Mein ältester Bruder Paul machte mich auf die Titelmelodie aufmerksam – musste er nicht, denn die war für mich schon längst zu meiner ganz persönlichen Schicksalsmelodie geworden: Demis Roussos: Le jeune fabre
Ich wollte, das weiß ich jetzt, dass Jerome mich so ansieht wie er Isabel in der Fernsehserie ansieht, dass es eine geheime Vertrautheit zwischen uns gibt, die unschuldig ist und doch intensiv, sehr sehnsüchtig und schmachtend und dass seine Blicke – hätten sie einen Klang – so klingen würden wie das Lied von Demis Roussos. Ich weiß noch, dass es Szenen gab in der Serie, bei denen ich Gänsehaut von den Unterarmen bis zum Nacken hatte. Und dass mir manchmal zum Weinen war, obwohl die Szene gar nicht traurig war.
Schwülstig? Ja, natürlich. Ich war dreizehn Jahre alt und ohne es wirklich zu verstehen, in einen arabischen Jungen in einer französischen Fernsehserie verliebt. Ich war in das Leben verliebt, in die Sommertage und Sommerabende und in die Stimme von Demis Roussos, die nach Weinbergen roch, nach Gewitterwolken und Leidenschaft.