Mehr Geschichte

Was mir gerade bei der Arbeit an meinem neuen Roman geschieht: Ich habe die Geschichte vor Augen, ich weiß, wie ich sie erzählen will und in welcher Tonlage. Aber auf einmal genügt mir das nicht. Durch die Einflechtung von Nebensträngen tun sich Handlungsmöglichkeiten auf, die auf den ersten Blick unglaublich reizvoll sind, jedoch die Gefahr in sich bergen, die Geschichte zu fragmentieren.

Ja, ich kann die Elemente einflechten, um den Nebenhandlungen mehr Bedeutung zu geben, frage mich aber auf der anderen Seite, inwiefern dies der gesamten Geschichte nutzt und welchen Mehrwert es bieten könnte, sie einzuflechten. Bislang habe ich ein Mordopfer (und dessen Geschichte allein ist schon recht tragfähig) und einen Mordermittler, einen Einbruch in zwei Hotelsuiten, bei denen zwar die Tresore in den Suiten geöffnet wurden, jedoch nichts gestohlen. Ich habe die Geschichte um zwei sehr unterschiedliche Polizisten, deren Wege sich kreuzen und einen Verbrecher, der mehr ein Getriebener seiner eigenen Kopflosigkeit ist, als ein echter Krimineller.

Und ich habe zwei Handlanger des unglücklichen Verbrechers, die das Potenzial haben, so richtig Unheil zu stiften. An und für sich ist das genug, um eine runde Kriminalgeschichte im Stil des Novel Noir zu erzählen.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass der roman noir sich dadurch auszeichnet, dass er keine scherenschnittartigen Trennungen zwischen Gut und Böse vorstellt, sondern die Grauzone zwischen Gut und Böse, zwischen Schuld und Unschuld, zwischen individueller und kollektiver Verantwortung erforscht.[4] Darauf weist Jean-Patrick Manchette, einer der genauesten Kenner des amerikanischen und französischen Roman noir hin, wenn er diesen als „die große moralische Literatur unserer Zeit“ bezeichnet. (https://de.wikipedia.org/wiki/Roman_noir)

Würde ich die Nebenstränge verdichten und ausbauen, führte mich das weg vom angestrebten Erzählmodus und hin zu einem eher epischen Don Winslow Stil, dessen Schuhe mir noch ein Stück zu groß sind. Aber gut, ich werde es mal so machen, wie ich es immer mache – ich lasse es fließen und wenn ich ans Überarbeiten gehe, setze ich den Rotstift an …

Richards Gemälde

Vorgestern habe ich das Wort ENDE unter das Rohmanuskript meines neuesten Romans geschrieben. Die Geschichte unterscheidet sich in sehr vielen Aspekten von früheren Werken. Der wesentlichste ist vielleicht, dass ich mich diesmal nicht auf junge Leute konzentriere, die an der Schwelle zum Mannsein in dramatische Probleme geraten, sondern auf zwei Senioren, die nach tragischen Verlusten zueinanderfinden und lernen, einander dabei zu unterstützen, im Alter das Leben weiterzuleben.

Der Roman führt die Geschichte von Der Sturmgondoliere fort, aus einer anderen Perspektive, mit neuen Akteuren und mit alten Freunden. Handlungsorte sind Wien, Bled, Triest und Montaione. Eine weitere Verschränkung habe ich mit dem Roman Fluchtgemälde hergestellt; ja, auch in diesem Roman geht es um magische Malerei. Um das, was Kunst vielleicht kann.

Die gewichtigsten Handlungsbeiträge im aktuellen Roman kommen von Personen, die nicht mehr am Leben sind, aber eben noch nachwirken. Als Geister, als Inspirationen, als Wegweiser in ein neues, altersweises Leben. Mir gefällt die Idee, Geister nicht als etwas zu beschreiben, vor dem man sich fürchten muss, sondern als etwas, das gleichberechtigt neben den Lebenden steht und wirkt.

Der Roman ist schwer einzuordnen. Eines der stärksten Merkmale dieses Manuskripts ist gleichzeitig seine größte verlegerische Herausforderung: Es lässt sich nicht in eine einzige Schublade stecken. Es ist kein Krimi, kein Liebesroman, kein Reiseroman — und doch ist es ein bisschen von allem. Die Zielgruppe ergibt sich deshalb nicht aus einer einzigen Schnittmenge, sondern aus mehreren überlappenden Leserkreisen, die sich um je ein zentrales Thema des Buchs organisieren.

Was mich interessiert hat

Ich wollte einen Roman schreiben, der von Trauer handelt, ohne ein Trauerroman zu sein. Der von Alter handelt, ohne ein Altersroman zu sein. Der von Geistern handelt, ohne ein Geisterroman zu sein.

Die Geister in diesem Buch sind nicht gruselig und nicht metaphorisch. Sie sind einfach da — mit Piercings, Boxershorts mit bunten Smileys und dem Geruch von Teichwasser und Melonen. Was sie wollen, ist konkret: eine letzte gute Tat – ganz im Sinne ihrer Mutter. Einen alten Mann aus seiner Einsamkeit herauslotsen. Das erscheint mir glaubwürdiger als jede psychologische Erklärung, die ich hätte anbieten können.

Ich war außerdem daran interessiert, schwule Seniorenliebe als das zu erzählen, was sie ist: unspektakulär und tief. Frank und Richard haben nicht fünfzig Jahre damit verbracht, ihre Beziehung zu verteidigen. Sie haben gekocht, gereist, gestritten, Pierogi gegessen und sind sich gegenseitig auf die Nerven gegangen. Das ist die Geschichte. Die sexuelle Orientierung der Figuren ist kein Thema — sie ist einfach Teil von dem, was sie sind, so wie die Tatsache, dass Frank Muskateller trinkt und Richard Zigarillos geraucht hat.

Der Roman spielt auch mit der Frage, was Kunst kann. Richards Gemälde zeigen eine Zukunft, die noch nicht da war. Lucians Gemälde zeigen ein Leben, das nie stattgefunden hat. Ich habe das nicht als magisches Kunststück gemeint, sondern als ehrliche Frage: Ist nicht jedes gute Kunstwerk ein Fenster in eine Wirklichkeit, die noch nicht existiert — oder nie existiert hat — und die trotzdem wahr ist?

Die Verzahnung mit meinem Roman Der Sturmgondoliere, der 2016 im Größenwahn Verlag erschien, ist offensichtlich und wie ich hoffe, gut geölt.

Jetzt drehe ich mal eine Überarbeitungsrunde und dann schicke ich den Roman los. Mein Wunschverlag dafür ist der Main Verlag, der schon meinen Roman Piero X veröffentlichte und den ich in guter Erinnerung habe als konstruktiver, verständiger Partner.

Das Jahr kippt

Klicke mich gerade durch ein paar Urlaubsfotos auf Instagram und denke: Irgendwo tanzt immer irgendjemand bis zum Morgengrauen. Ein gut aussehender Influencer postet Urlaubsbilder aus Jalé, Albanien, und das scheint der neue, heiße Scheiß zu sein. Drei Postings vorher war er in Opatia, das ist zwar alter Scheiß, aber immer noch gut, ähnlich wie Piran in Slowenien. Draußen wirft der Wind Regen an die Scheiben; insgesamt tut der frühe Herbst der Seele gut, wie kühle Seide auf erhitzter Haut.

Ja, es herbstelt leise vor sich hin und das Wetter hatte die frühherbstliche Stille und Qualität, die sich sehr gut mit mildem Kaffee und frisch gezapften Bier verträgt. Die Weiterarbeit an meinem Romanprojekt Im September umkreise ich wie eine Katze eine Schüssel voll heißer Milch. Wie es weitergeht, weiß ich, habe aber wieder einmal das Gefühl, dass die reine Idee an und für sich nicht tragfähig genug ist, um einen Roman zu stützen. Ich vermute, ich erleide gerade wieder einen dieser literarischen Schwächeanfälle, die mich an allem zweifeln lassen. Geht mir eh bei jedem Romanprojekt so. Dabei ist es bei diesem Projekt ein wenig anders: Die Geschichte ist nicht handlungsgetrieben, sondern erkenntnisgetrieben. Es ist das „Wie“: Wie die Erkenntnisse eingefügt und erlebt werden, und was sie bei den beiden Protagonisten bewirken, deren einzige Verbindung die Trauer über den Tod geliebter Menschen ist. Und wie aus diesen Erkenntnissen für die beiden Senioren Lebensfreude wächst. Das mag zwar nur wenig aktionsgesteuert sein, kann aber doch auf sehr schöne Art funktionieren, wenn ich mich dazu durchringen könnte, endlich weiterzuschreiben, ich fauler Sack.

Die Elias-Trilogie ist fertig, der dritte Band mit dem Titel Du bist der Totem ist nun im Handel erhältlich und ich lade Euch alle ein, den dritten Band zu lesen, wenn Ihr schon Du warst der Plan und Auf dieser Frequenz gelesen habt. Begleitet Elias Mataanoui auf seiner Reise durch Afrika bis ins Nest von Le Fantom. Ich denke, die Trilogie schließt würdig ab und ist wirklich zu Ende erzählt.

Anmerkung: Für die Coverfotos war ursprünglich angedacht, Fotos von zwei Wiener Influencern zu verwenden, und zwar von zwei durchaus erfolgreichen Burschen namens Stefan und Elias, die für mich als Vorbilder für die beiden Hauptrollen der ersten beiden Romane Pate standen. Ich habe beide kontaktiert und sie darum ersucht, mir zu erlauben, je ein Foto von ihnen für die Umschlaggestaltung nutzen zu dürfen – mit Erklärung, worum es in den Romanen geht und wie groß, bzw. klein die zu erwartende Auflage sein wird.

Ich habe bis heute von beiden keine Antwort erhalten.

Bei Richard und mir steht für heuer noch eine Woche in Alicante an. Diesmal mit der Familie. Wieder in einem Privatquartier in der Altstadt, nahe beim Hafen und der Playa Postiguet.

Rückkehr nach Montaione

In meinem neuen Romanprojekt kehre ich nach Montaione zurück, das in meinem Roman Der Sturmgondoliere der Ort der Handlung war. Wir werden vielleicht wieder Julia treffen, die als junges Mädchen in einen Geist verliebt war, der Paolo hieß. Und auf Samuele, der auch noch als Erwachsener immer wieder zu den Ruinen eines niedergebrannten Weinguts geht und sich dort unerklärlich traurig fühlt. Und wir werden ein wenig mehr über diesen aus der Zeit gefallenen Ort erfahren, in dem es kaum Internet gibt, wo es geflüsterte Geheimnisse gibt und Gewitterwolken, die wie Geister aussehen …

Fortschritte

Manchmal muss man ein Manuskript nur mal ein wenig ruhen lassen. Dann ergibt sich oft wie von selbst ein Weg, wie weitererzählt werden kann.
Im Roman „Im September“ will ich ja die Geschichte eines 75-jährigen Mannes erzählen, der nach dem Tod seines Langzeitpartners nach fünfzig Jahren Ehelebens versucht, nicht im Sumpf aus Einsamkeit und Trauer zu versinken und eine Reise unternimmt. Mein Vorhaben ist, den ersten Teil des Buches als Drama zu erzählen und dann langsam die Handlung in eine Komödie überzuleiten. Was mir dazu fehlte, war ein Initialzünder, und den habe ich in den letzten Tagen entwickelt und weitergeschrieben. Gestern habe ich abends rund 10 Seiten geschrieben und es geht gut voran. Ich halte wenig von Screwballhumor, werde aber Elemente daraus einfließen lassen, wenn mein Hauptcharakter Frank zwei jugendliche Ausreißer aufgabelt und sich bereit erklärt, diese zu ihrem Großvater zu bringen. Doch die Zwillinge Mattia und Samuele haben es faustdick hinter den Ohren und werden das Leben von Frank, dem Hauptcharakter, ganz ordentlich durcheinander wirbeln. Ich denke, es wird eine sehr schöne Geschichte und ganz anders, als meine früheren Romane …