Wann immer ich an einer Geschichte schreibe, muss ich von Neuem lernen, dass die Länge, die eine Geschichte für sich selbst wählt, sich maßgeblich davon unterscheidet, was ich für sie vorsehe. In Literaturforen wird oft darüber diskutiert, wie man eine Geschichte strecken kann, um in die vermutete Länge eines Epos zu kommen. Irgendwie scheinen es vor allem Schreibanfänger darauf abzusehen, in den „mehr als 500 Seiten“ Olymp zu kommen. Dabei haben es zB Hemingway mit „Der alte Mann und das Meer“ oder Marquez mit „Chronik eines angekündigten Todes“ so wunderbar vorgemacht: Große Literatur braucht nicht viele Seiten. William Golding, Juan Rulfo, um nur zwei weitere zu nennen, die mit ihren Meisterwerken nicht viele Seiten beanspruchen (Der Herr der Fliegen und Pedro Páramo).

Derzeit schreibe ich an einer kleinen Liebesgeschichte, für die ich ursprünglich rund 190 Seiten vorsah und entdeckte jetzt beim Verfassen der Rohversion, dass es bestenfalls 100 Seiten werden, wenn ich nicht Luft in die Geschichte pumpe. Und das will ich nicht. Denn in einer Geschichte soll nur drin sein, was die Geschichte rechtfertigt. Was sie stützt und verständlich macht. Stephen King nannte die Länge von rund 100 Seiten einmal das Niemandsland für jeden Schriftsteller. Für jemand, der literarisch (Eigendefinition) immer nur Big Mac mit Fritten lieferte, mag das stimmen. Als Schriftsteller sollte einem die Länge der Geschichte nur dann wichtig sein, wenn er bereit ist, sie drastisch zu kürzen. Glücklich ist der, der von Beginn an weiß, was er alles weglassen kann, um es nicht später mühsam wieder aus dem Text entfernen zu müssen …