
Vor etwa einem Jahr habe ich einen journalistischen Artikel über Selbstmorde und tragische Schicksale in der K-Pop-Welt gelesen. Wie die jungen Stars der diversen Boybands durch management, Fans und Hohepriester der Fans so unter Druck gesetzt werden, zu funktionieren, dass manche der jungen, schönen und talentierten Stars in die Drogen- und Alkoholwelt abdriften oder ihrem Leben ein Ende setzen. Fans rotten sich zu Kollektiven zusammen, die die Kommunikationsmöglichkeiten des Internets nutzen, um sich über ihre Favoriten auszutauschen. Die sich daraus entwickelnden Trends werden von den Bandmanagern, der Musikindustrie genau beobachtet und jedes Detail fließt in das Styling, die Kleidung, die Frisuren, die Tanzchoreographie, den Gesamtauftritt der Musiker und Bands ein. Sie sprechen nicht ein bestimmtes Publikum an, sondern werden durch ihr Publikum geformt wie Plastilin. Der idealistische Musiker, der „seine“ Musik macht, ist eine ferne Erinnerung, eine Geste. Die Mischung aus jungenhafter Unschuld, Lack & Leder Laszivität, beckenzuckende Tanzschritte – all das scheint von wildgewordenen KIs aus den Postings in den Foren zusammengestellt zu sein. Entmenschlicht aber funktionell. Wichsvorlagen für Mädchen und Jungs. Tanzende Sexpuppen.
Nach ähnlichen Mechanismen entwickelt sich seit einigen Jahren vor allem durch und wegen der Selfpublisherszene ein ähnliches Instrumentarium, das den Schriftsteller zum Erfüllungsgehilfen macht. Bei genauerer Beobachtung zeigt sich eine abgestufte Entwicklung, an deren Ende eine sich selbst bewirtschaftende Blase steht:
- Autoren, die von etablierten Verlagen abgelehnt werden, suchen Alternativen:
- Book on Demand
- Print on Demand
- Druckkostenzuschussverlage
- Selbstverlag
- Selbstverlag wird über BOD oder POD realisiert
- Als Selbstverleger muss man entweder selbst Verlagsaufgaben erledigen oder beauftragen:
- Korrektorat
- Lektorat
- Marketing
- Zielgruppenanalyse
- Umschlaggestaltung
- Drucksatz
- Kommunikation
- Daraus ergeben sich Berufsgruppen, die direkt an Selfpublisher andocken:
- Buchblogger (oft ehrenamtlich, aus Liebe zur Sache, aber auch durchaus in dem Bewusstsein, eine gewisse Macht auszuüben)
- Korrektorat, Lektorat
- Neue Dienstleistungen wie zB Sensitivity Reader, die Manuskripte nach „problematischen“ Inhalten, triggernden Details uä durchforsten. Also die Esoteriker der parallelen Bücherwelt
Speziell um Instagram und Threads hat sich eine Blase etabliert, in der sich die Praxis durchsetzt, dass Autoren ihre Werke nach den Interessen der Leser zu formen haben, und zwar bis in kleinste Details hinein. Dienstleister also und keine freien Künstler, die sich angepasst und erfüllungsbereit zu zeigen haben. Vertreten werden diese Leser*Innenkollektive oft durch die Hohepriester dieser Selfpublisherblase, die Buchblogger, deren Urteile unter Autoren schon bald gefürchteter sind, als die Kritiken in etablierten Magazinen und Zeitungen. Das führt unter anderem dazu, dass die Rezensionen auf Blogs und Verkaufsplattformen ähnlich belanglos sind, wie die Bücher, die besprochen werden.
Das alles reduziert Schriftsteller zumindest in dieser Blase zu einfachen Dienstleistern, der sich den Wünschen der Leser zu beugen haben und Bestellungen abarbeiten. Dass es soweit kommen konnte, liegt vor allem an der Eitelkeit der Schriftsteller, die der Meinung sind, jeder Hirnfurz, den sie von sich geben, sei eine druckreife Meisterleistung. Daran, dass etablierte Verlage da eben nicht mit spielen. Und daran, dass diese sich selbst befruchtende Blase aus Autoren, Bloggern, Lesern und New-Job-Service-Anbieter einander pushen, bedingen, sich gegenseitig rauf- und runterschreiben.
Diese Blase ist durch und durch vergiftet, selbstzerstörerisch, bösartig, kindisch und dumm. Ich meine, in diesem Biotop geben Schriftsteller damit an, zehn Bücher im Jahr schreiben zu können, sie selbst zu korrigieren, zu verlegen und zu bewerben. Wie geht das? Und warum ist diese „Wortleistungsfähigkeit“ für scheinbar professionelle Autoren so bedeutsam? Warum bezeichnen sich diese Selfpublisher als marginalisiert, wenn sie selbst die finanziellen Mitteln aufbringen, um ihre Werke auf den Markt zu bringen? Wozu braucht es auf einmal Triggerwarnungsberater?
Für mich ist das alles reine Koketterie mit der Tatsache, dass all diese sich gegenseitig bestätigenden Contentmanager von Schriftstellerei nichts mehr wissen und sich an den vereinbarten Werten der Profis festhalten: Produktivität und Fleiß. Dass ein großer Teil des notwendigen Fleißes, den es braucht, um derart produktiv zu sein, auf KI-Tools abgewälzt wird, strömt diesen lieblos zusammengeschusterten Machwerken aus allen Seiten und Sätzen.
So wird der Schriftsteller zum Dienstleister, und der Dienstleister zum Contentmanager, der einer KI Prompts in den Rachen wirft, um sich dann auf #bookstagram und #threads als Schriftsteller zu präsentieren.
Mir ist diese Szene fremd und fern und ich habe sie nur deshalb wahrgenommen, weil sie schamlos um sich greift und Platz einnimmt, vielleicht sogar einen Paradigmenwechsel herbeizuführen versucht, was als Literatur zu gelten hat und wem die Deutungshoheit zu überantworten ist. Gut, man muss sich ja nicht auf Socialmedia herumtreiben und Zeit vergeuden und mit diesen Leuten diskutieren – allein schon, weil es sinnlos ist, mit jemanden zu debattieren, für den Meinungen gleichberechtigt im Diskurs neben Fakten stehen.
Ich meine, Schriftsteller sollen eine Dienstleister sein, sondern fieberträumende Erzähler. Keine Contentmanager, keine Prompter.