
Manchmal denke ich darüber nach, was mich triggert, weil ich das Gefühl habe, dass mich gar nichts triggern kann. Klingt komisch? Ist aber so.
Und doch gibt es Momente, Erinnerungen und Träume, die in mir etwas auslösen, und das Allermeiste davon ist positiv. Ein paar dieser Trigger möchte ich hier aufschreiben.
Ein Traum, der mit schöner Regelmäßigkeit meinen Schlaf berührt, ist der, in dem ich Motorrad fahre. Um das ein wenig zurechtzurücken: Ich selbst bin in meinem Leben noch nie Motorrad gefahren. Als Sozius durfte ich als halbwüchsiger Lehrling bei meinem Gesellen auf der Moto Guzzi 850 Le mans II mitfahren. Das war auch das erste Motorrad mit Kardanwelle statt Kette, das ich je gesehen habe und das Ding ging wie Sau.
Später, in Biedermannsdorf, als ich siebzehn oder achtzehn Jahre alt war, standen wir halbwilden Jungs oft abends beim Kirchenpark in Biedermannsdorf zusammen und fast jeder dort hatte eine Sachs Optima, eine Vespa oder eine Zündapp.
In meinem Traum habe ich ein Motorrad und ich habe kein Alter. Im Traum nehme ich mich weder als besonders jung noch als besonders alt wahr, ich bin einfach da und habe ein Motorrad. Es ist mein Geheimnis. Niemand weiß, dass ich es habe, und ich weiß, dass seine Existenz davon abhängt, das Geheimnis zu wahren. Es würde einfach verschwinden, sich in Luft auflösen. Im Traum fahre ich auf diesem Motorrad durch eine meist dunkle und herbstliche Landschaft, die mich rückblickend ein wenig an das Setting der Twilight-Filmserie erinnert. Es ist ein schwarzes, gut eingefahrenes Motorrad, nicht besonders stark, bestenfalls so um die 500 ccm. Ich habe keine Angst, wenn ich es fahre. Es schmiegt sich an mich an, als wolle es mit mir zu einer Einheit verwachsen. Nein, falsch, ich spüre einen Hauch von Angst, aber der macht das Gefühl so echt und das Wohlgefühl erst wirklich greifbar. So, als ob ich etwas Wundervolles mache und weiß, dass es mir eigentlich verboten ist.
Ich fahre durch eine bewaldete Straße und fühle mich frei, geradezu ungebührlich frei und losgelöst von Verpflichtungen, Bedenken und Sorgen. Die Landschaft ist mir vertraut, obwohl ich sie weder kenne noch benennen kann. Ich weiß nur, dass ich in der Nähe von einem Zuhause bin, das ich ebenfalls nicht benennen kann. Manchmal ist es das Haus meiner Eltern, manchmal ist es das Haus, in dem Richard und ich leben.
Ich trage immer einen Motorradhelm mit Vollvisier, eine Lederjacke mit Schnallen und Zippverschlüssen und eine Jeans. Der Traum löst in mir eine melancholische Sehnsucht aus, die mich komischerweise mit Freude erfüllt, so, als würden alle offenen Fäden des Universums sich zu einem einzigen, gewaltigen, dröhnenden Orgelton zusammenzurren.
Ich kann den Traum nicht erzwingen, so wie ich nichts erzwingen kann, was mich triggert. Diese Träume kommen und gehen und folgen eigenen Gezeiten und ich habe gelernt, das zuzulassen.
Ja, obwohl es ein dunkler Traum ist, in fast monochromen Farben, löst er in mir eine zufriedene Heiterkeit aus, das Gefühl, ganz bei mir zu sein und etwas zu tun, dem ich mich zutiefst verbunden fühle.
Wenn ich aus diesem Traum erwache, versuche ich, ihn festzuhalten, aber Träume haben nun mal die Konsistenz von Morgennebel, der sich rasch auflöst. Auch das macht mich nicht traurig; es fügt sich so, wie es sich fügen muss. Übrig bleibt das halbherzige Vorhaben, mir irgendwann einmal ein Motorrad zu kaufen.
Das habe ich bislang nicht getan und ich befürchte, das ich es auch nie tun werde.