
Jetzt habe ich mir die 1. Staffel der Apple TV Serie Infiltration angesehen. Optisch ist die SF-Serie ganz reizvoll und auch die Einzelschicksale sind gut erzählt und schön divers:
- Eine zerfallende Ehe mit Kindern, die mehr unter der Spannung der Eltern leiden als unter dem Chaos, das sie nicht verstehen
- Sam Neil als Sheriff einer Kleinstadt, der zuerst in die Pension und dann in den Tod und aus der Serie spaziert
- Eine lesbische Liebesbeziehung zwischen einer Astronautin und einer Kommunikationsexpertin der JAXA
- Eine Klasse widerspenstiger Schulkinder in England, die nach einem Busunglück auf einmal auf sich allein gestellt sind
- Ein Navyseal, der nach einem vernichtenden Angriff der Aliens überlebt und sich auf die beschwerliche Reise nach Hause macht
- Aus der oben genannten Klasse ein (natürlich) hübscher blonder Junge, der mit den Außerdischen irgendwie über Telepathie in Kontakt treten kann, wenn er einen epileptischen Anfall hat
Und ja, es gibt Außerirdische, die zur Erde kommen, scheinbar unkoordiniert herniederprasseln und dann in wüsten Horden als merkwürdige, kugelfischähnliche Geschöpfe auf merkwürdigen, sich herausstülpenden Tentakeln blitz geschwind fortbewegen.
Und damit hat mich die Serie sozusagen hochkant rausgeworfen, denn diese Eroberungsängste der Menschen, die sich oft und gerne in eskapistischen Endzeitszenarien entladen, gehen mir wirklich schon sonstwohin.
Die Liste an SF-Spektakeln über Erstbegegnungen, in denen die Erde überfallen wird, ist endlos und im Grunde genommen sind das alles ja nur Aufarbeitungen aus unterschiedlichen Perspektiven, wie die Menschheit mit sich selbst umgeht. was sie zulässt und was sie ertragen muss. Und am Anfang der SF war das ja auch reizvoll, wenn ein Ray Bradbury die Mars-Chroniken schrieb und tollkühne Männer in rasselnden Raketen zur Venus reisten, um dort Dschungel und wunderschöne Frauen zu finden und zu retten. Aber allerspätestens seitdem Prof. Harald Lesch im Fernsehen auftritt und hoch komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich näherbringt, sollte jedem SF-Liebhaber klar sein: Diese Endzeitszenarien sind gequirlte Scheiße.
Wir kennen, soweit ich das verstanden habe, nur einen bewohnten Planeten, und das ist die Erde. Hier leben wir und wir haben bis jetzt sehr viel darüber in Erfahrung gebracht, warum wir hier sind und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um
- Leben hervorzubringen
- Eine Spezies über die anderen zu heben
- Eine Zivilisation entstehen zu lassen
- Sich nicht selbst umzubringen und damit im großen Filter hängen zu bleiben
Wenn man davon ausgeht, dass überall im Universum dieselben Naturgesetze anwendbar sind, und es gibt bislang nicht den Hauch eines Beweises dafür, dass es anderswo irgendwie anders läuft, kann man getrost davon ausgehen, dass das Leben nicht nur hier, sondern überall im Universum planetengebunden sind. Die paradoxe Frage, die man das Fermi-Paradoxon nennt (Wo sind sie dann alle), kann man einfach beantworten: Zu Hause. Das Universum ist kalt und leer und extrem tödlich. Und wenn eine Zivilisation smart genug ist, sich soweit zu entwickeln, ins All vorzustoßen, dann sind sie auch smart genug, es bleiben zu lassen. Bis auf den kindischen Wunsch, „es wissen zu wollen“ gibt es keinen praktischen Grund, die Risiken und Kosten (nicht allein die finanziellen) aufzuwenden.
Wenn es irgendwo einen Planeten gibt, auf dem sich eine Spezies so weit entwickeln kann, dass sie zur Zivilisation reift, dann werden sie höchstwahrscheinlich erst dann so weit sein, in die Tiefen des Alls vorzudringen, wenn sie ihre eigenen Probleme gemeistert haben, denn interplanetare Reisen erfordern planetare Ressourcen, Zusammenarbeit und einen Paradigmenwechsel weg von kleingärtnerisch-völkischen und hin zum Erforscher des Alls. Wenn es eine solche Zivilisation gibt, und die kommt aus einem Sonnensystem, das unserem ähnlich ist (Sonne im Alter unserer Sonne im Verhältnis zum Alter des Planeten, der diese Sonne umkreist und Leben ermöglicht), dann fallen schon mal einige wesentliche Eroberungsgründe weg. Sie wissen, wo sie Wasser herbekommen und Sauerstoff, Rohstoffe in nahezu unendliche Menge und meinetwegen auch Helium 3 im Regolith ihres Mondstaubes.
Und wenn sie die Technik haben, die wirklich argen Entfernungen im Weltall zu durchdringen, zum Beispiel in Generationenraumschiffen, die sich mit einem nicht unerheblichen Bruchteil der Lichtgeschwindigkeit bewegen, ja und dann kommen sie zufällig hier an (denn woher sollen sie bei einer Entfernung von 100 Lichtjahren wissen, dass es uns hier gibt?) – ja, dann stürzen die ab, legen Bruchlandungen hin? Und wenn sie es schaffen, heil anzukommen, dann schicken sie einzelne Jäger los, um Leute in Bauernhäusern zu erschrecken und Kinder durch finstere Keller zu jagen? Echt jetzt?
Da war das Konzept von Emmerichs Independence Day noch halbwegs schlüssig, dass die in ihren titanischen Raumschiffen über Städten schweben und einen koordinierten Angriff durchführen. Wobei der Hintergrund, dass es um Ressourcen geht, schon wieder den Film über sich selbst stolpern lässt: Das ganze Scheißuniversum ist voll mit allem, was eine Zivilisation braucht, um weiterzumachen.
- Wasser
- Wasserstoff
- Sauerstoff
- Eisen
- Schwefel
- Helium
- …
Da muss man nicht die Mühen eines Fluges quer durch eine Galaxie auf sich zu nehmen, um dann vielleicht auf einer besiedelten Welt an Masern oder Keuchhusten elend zu sterben. Und noch einmal: Ich gehe davon aus, dass eine Zivilisation erst dann in der Lage ist, interstellar zu reisen, wenn sie zumindest ihre eigenen Scharmützel überwunden haben und die Energie ihrer Sonne einfangen können – im großen Stil. Und konsequent zu Ende gedacht ist dann auch wieder Schluss, denn die Ressourcen des eigenen Sonnensystems bestmöglich nutzen zu können, schützt und hegt eine Zivilisation, sodass eine Reise zu den Sternen außerhalb des eigenen Systems widersinnig und töricht erscheinen muss.