
Auf der Website der Freunde, die den iA Writer machen, gibt es recht oft ausgezeichnete Blogbeiträge. Viele davon folgen dem Zirkelschluss (so, wie auf anderen Herstellerwebsites), dass der gesamte Blogbeitrag ein Beweis dafür ist, das Produkt zu nehmen, das der pt. Hersteller anbietet, die allerbeste Entscheidung ist. Die Blogbeiträge dienen quasi der Selbstbestätigung jener Leser, die ohnehin schon in die Endkurve eingebogen sind, sich für das beworbene Produkt zu entscheiden.
Ein neuer Beitrag stellt einmal mehr das alte Officeformat infrage und verknüpft das recht geschickt mit der völlig überholten „Imagination“ des Büroraums. Das Monolithische, Autoritäre, das Hierarchische wird zu einem Bogen verknüpft, der Officeraum und Officeformat verknüpft. Die erlösende Beantwortung der Frage nach dem „Wohin“ bleibt dann seltsam substanzlos und nebulös.
Nach 2020 wurden viele Büros in der Corona-Zeit komplett umgestaltet und – weg vom Arbeitsraum und hin zum Platz für Austausch – in Wohnzimmer verwandelt. Dropbox zum Beispiel machte aus Tisch & Sessel Büros wahre Begegnungszonen. Notion hat sein Hauptquartier in San Francisco im Garagen-Industrielook eingerichtet und lädt zum schuhlosen Arbeiten ein. Auch Microsoft hat in den letzten Jahren seine Büroräume modernisiert, um ein „neues“ Arbeiten zu ermöglichen. Doch das ist, zumindest im Umgang mit zu verarbeitenden Informationen, irgendwie nur Kosmetik. Denn das Grundprinzip im Umgang mit Dokumenten als Maß aller Dinge bleibt weitgehend unverändert. Notion schafft diesbezüglich schon einen neuen Raum, in dem alles irgendwie zusammenhängt, einander bedingt und auf mehrdimensionale Art betrachtet werden kann. Drobpox verfügt mit der Paper App über ein erstaunlich versatiles Tool, das den Umgang mit Dokumenten elegant umschifft. iA-Writer will den Umgang mit Dokumenten und Formaten weitgehend auf das reine Textformat reduziert wissen, das eben mit Markdown angereichert wird. Doch auch Textdokumente sind noch immer Dokumente.
Ein Grund, sich aus der Umklammerung von Microsoft Office zu lösen, ist gewiss, sich gegen den monolithischen Anspruch auf Industriestandards zu lösen. Ein anderer, sich von US-Betrieben zu emanzipieren und offene Standards zu nutzen und zu unterstützen; Basar statt Kathedrale.
Markdown ermöglicht viel, ist aber noch kein Absprungpunkt, um von Dokumenten zu etwas anderem zu konvertieren. Diese Lösung gibt es bislang nicht wirklich. Der Grund ist einerseits, dass alles, was man an Informationswert erstellt, immer benannt wird, eingeordnet und beschlagwortet. Aus dem Denken kommen wir nicht raus, und so lange wir da nicht rauskommen, gibt es auch keine echte Brücke zwischen der alten, dokumentenorientierten Welt und einer neuen, noch nicht bestimmten Informationsumgebung.
Andere Lösungen für Dokumente verlangen nicht nur eine Änderung des Industriestandards im Hinblick auf Formate, sondern auch in der Informationsverwaltung, und da sehe ich noch keinen Lichtstreifen am Horizont.
Ein gangbarer Ansatz wäre es aus meiner Sicht, die Datensparsamkeit nicht nur auf die Menge an Dokumenten zu beziehen, sondern auf auch auf die den Dokumenten zugrundeliegenden Steuerungsinformationen – eben *.md statt *.docx. Was man da allein schon bei Websites ausmisten könnte! Und es wird Gründe haben, warum ein Worddokument in jedem Fall größer ist, als ein Opendocument-Dokument. Ich halte im übrigen Datenhygiene und Datensparsamkeit für zwei wichtige Grundpfeiler moderner Datenverarbeitung. Datenhygiene, Datensparsamkeit, Vertraulichkeit und Sicherheit. Redundanz, nur wenn nötig – eben: so wenig wie möglich.



