Schlagwort: schreiben


  • Richards Gemälde

    Vorgestern habe ich das Wort ENDE unter das Rohmanuskript meines neuesten Romans geschrieben. Die Geschichte unterscheidet sich in sehr vielen Aspekten von früheren Werken. Der wesentlichste ist vielleicht, dass ich mich diesmal nicht auf junge Leute konzentriere, die an der Schwelle zum Mannsein in dramatische Probleme geraten, sondern auf zwei Senioren, die nach tragischen Verlusten zueinanderfinden und lernen, einander dabei zu unterstützen, im Alter das Leben weiterzuleben.

    Der Roman führt die Geschichte von Der Sturmgondoliere fort, aus einer anderen Perspektive, mit neuen Akteuren und mit alten Freunden. Handlungsorte sind Wien, Bled, Triest und Montaione. Eine weitere Verschränkung habe ich mit dem Roman Fluchtgemälde hergestellt; ja, auch in diesem Roman geht es um magische Malerei. Um das, was Kunst vielleicht kann.

    Die gewichtigsten Handlungsbeiträge im aktuellen Roman kommen von Personen, die nicht mehr am Leben sind, aber eben noch nachwirken. Als Geister, als Inspirationen, als Wegweiser in ein neues, altersweises Leben. Mir gefällt die Idee, Geister nicht als etwas zu beschreiben, vor dem man sich fürchten muss, sondern als etwas, das gleichberechtigt neben den Lebenden steht und wirkt.

    Der Roman ist schwer einzuordnen. Eines der stärksten Merkmale dieses Manuskripts ist gleichzeitig seine größte verlegerische Herausforderung: Es lässt sich nicht in eine einzige Schublade stecken. Es ist kein Krimi, kein Liebesroman, kein Reiseroman — und doch ist es ein bisschen von allem. Die Zielgruppe ergibt sich deshalb nicht aus einer einzigen Schnittmenge, sondern aus mehreren überlappenden Leserkreisen, die sich um je ein zentrales Thema des Buchs organisieren.

    Was mich interessiert hat

    Ich wollte einen Roman schreiben, der von Trauer handelt, ohne ein Trauerroman zu sein. Der von Alter handelt, ohne ein Altersroman zu sein. Der von Geistern handelt, ohne ein Geisterroman zu sein.

    Die Geister in diesem Buch sind nicht gruselig und nicht metaphorisch. Sie sind einfach da — mit Piercings, Boxershorts mit bunten Smileys und dem Geruch von Teichwasser und Melonen. Was sie wollen, ist konkret: eine letzte gute Tat – ganz im Sinne ihrer Mutter. Einen alten Mann aus seiner Einsamkeit herauslotsen. Das erscheint mir glaubwürdiger als jede psychologische Erklärung, die ich hätte anbieten können.

    Ich war außerdem daran interessiert, schwule Seniorenliebe als das zu erzählen, was sie ist: unspektakulär und tief. Frank und Richard haben nicht fünfzig Jahre damit verbracht, ihre Beziehung zu verteidigen. Sie haben gekocht, gereist, gestritten, Pierogi gegessen und sind sich gegenseitig auf die Nerven gegangen. Das ist die Geschichte. Die sexuelle Orientierung der Figuren ist kein Thema — sie ist einfach Teil von dem, was sie sind, so wie die Tatsache, dass Frank Muskateller trinkt und Richard Zigarillos geraucht hat.

    Der Roman spielt auch mit der Frage, was Kunst kann. Richards Gemälde zeigen eine Zukunft, die noch nicht da war. Lucians Gemälde zeigen ein Leben, das nie stattgefunden hat. Ich habe das nicht als magisches Kunststück gemeint, sondern als ehrliche Frage: Ist nicht jedes gute Kunstwerk ein Fenster in eine Wirklichkeit, die noch nicht existiert — oder nie existiert hat — und die trotzdem wahr ist?

    Die Verzahnung mit meinem Roman Der Sturmgondoliere, der 2016 im Größenwahn Verlag erschien, ist offensichtlich und wie ich hoffe, gut geölt.

    Jetzt drehe ich mal eine Überarbeitungsrunde und dann schicke ich den Roman los. Mein Wunschverlag dafür ist der Main Verlag, der schon meinen Roman Piero X veröffentlichte und den ich in guter Erinnerung habe als konstruktiver, verständiger Partner.


  • Aus dem Office in den Traum

    Auf der Website der Freunde, die den iA Writer machen, gibt es recht oft ausgezeichnete Blogbeiträge. Viele davon folgen dem Zirkelschluss (so, wie auf anderen Herstellerwebsites), dass der gesamte Blogbeitrag ein Beweis dafür ist, das Produkt zu nehmen, das der pt. Hersteller anbietet, die allerbeste Entscheidung ist. Die Blogbeiträge dienen quasi der Selbstbestätigung jener Leser, die ohnehin schon in die Endkurve eingebogen sind, sich für das beworbene Produkt zu entscheiden.

    Ein neuer Beitrag stellt einmal mehr das alte Officeformat infrage und verknüpft das recht geschickt mit der völlig überholten „Imagination“ des Büroraums. Das Monolithische, Autoritäre, das Hierarchische wird zu einem Bogen verknüpft, der Officeraum und Officeformat verknüpft. Die erlösende Beantwortung der Frage nach dem „Wohin“ bleibt dann seltsam substanzlos und nebulös.

    Nach 2020 wurden viele Büros in der Corona-Zeit komplett umgestaltet und – weg vom Arbeitsraum und hin zum Platz für Austausch – in Wohnzimmer verwandelt. Dropbox zum Beispiel machte aus Tisch & Sessel Büros wahre Begegnungszonen. Notion hat sein Hauptquartier in San Francisco im Garagen-Industrielook eingerichtet und lädt zum schuhlosen Arbeiten ein. Auch Microsoft hat in den letzten Jahren seine Büroräume modernisiert, um ein „neues“ Arbeiten zu ermöglichen. Doch das ist, zumindest im Umgang mit zu verarbeitenden Informationen, irgendwie nur Kosmetik. Denn das Grundprinzip im Umgang mit Dokumenten als Maß aller Dinge bleibt weitgehend unverändert. Notion schafft diesbezüglich schon einen neuen Raum, in dem alles irgendwie zusammenhängt, einander bedingt und auf mehrdimensionale Art betrachtet werden kann. Drobpox verfügt mit der Paper App über ein erstaunlich versatiles Tool, das den Umgang mit Dokumenten elegant umschifft. iA-Writer will den Umgang mit Dokumenten und Formaten weitgehend auf das reine Textformat reduziert wissen, das eben mit Markdown angereichert wird. Doch auch Textdokumente sind noch immer Dokumente.

    Ein Grund, sich aus der Umklammerung von Microsoft Office zu lösen, ist gewiss, sich gegen den monolithischen Anspruch auf Industriestandards zu lösen. Ein anderer, sich von US-Betrieben zu emanzipieren und offene Standards zu nutzen und zu unterstützen; Basar statt Kathedrale.

    Markdown ermöglicht viel, ist aber noch kein Absprungpunkt, um von Dokumenten zu etwas anderem zu konvertieren. Diese Lösung gibt es bislang nicht wirklich. Der Grund ist einerseits, dass alles, was man an Informationswert erstellt, immer benannt wird, eingeordnet und beschlagwortet. Aus dem Denken kommen wir nicht raus, und so lange wir da nicht rauskommen, gibt es auch keine echte Brücke zwischen der alten, dokumentenorientierten Welt und einer neuen, noch nicht bestimmten Informationsumgebung.

    Andere Lösungen für Dokumente verlangen nicht nur eine Änderung des Industriestandards im Hinblick auf Formate, sondern auch in der Informationsverwaltung, und da sehe ich noch keinen Lichtstreifen am Horizont.

    Ein gangbarer Ansatz wäre es aus meiner Sicht, die Datensparsamkeit nicht nur auf die Menge an Dokumenten zu beziehen, sondern auf auch auf die den Dokumenten zugrundeliegenden Steuerungsinformationen – eben *.md statt *.docx. Was man da allein schon bei Websites ausmisten könnte! Und es wird Gründe haben, warum ein Worddokument in jedem Fall größer ist, als ein Opendocument-Dokument. Ich halte im übrigen Datenhygiene und Datensparsamkeit für zwei wichtige Grundpfeiler moderner Datenverarbeitung. Datenhygiene, Datensparsamkeit, Vertraulichkeit und Sicherheit. Redundanz, nur wenn nötig – eben: so wenig wie möglich.


  • Das Jahr kippt

    Klicke mich gerade durch ein paar Urlaubsfotos auf Instagram und denke: Irgendwo tanzt immer irgendjemand bis zum Morgengrauen. Ein gut aussehender Influencer postet Urlaubsbilder aus Jalé, Albanien, und das scheint der neue, heiße Scheiß zu sein. Drei Postings vorher war er in Opatia, das ist zwar alter Scheiß, aber immer noch gut, ähnlich wie Piran in Slowenien. Draußen wirft der Wind Regen an die Scheiben; insgesamt tut der frühe Herbst der Seele gut, wie kühle Seide auf erhitzter Haut.

    Ja, es herbstelt leise vor sich hin und das Wetter hatte die frühherbstliche Stille und Qualität, die sich sehr gut mit mildem Kaffee und frisch gezapften Bier verträgt. Die Weiterarbeit an meinem Romanprojekt Im September umkreise ich wie eine Katze eine Schüssel voll heißer Milch. Wie es weitergeht, weiß ich, habe aber wieder einmal das Gefühl, dass die reine Idee an und für sich nicht tragfähig genug ist, um einen Roman zu stützen. Ich vermute, ich erleide gerade wieder einen dieser literarischen Schwächeanfälle, die mich an allem zweifeln lassen. Geht mir eh bei jedem Romanprojekt so. Dabei ist es bei diesem Projekt ein wenig anders: Die Geschichte ist nicht handlungsgetrieben, sondern erkenntnisgetrieben. Es ist das „Wie“: Wie die Erkenntnisse eingefügt und erlebt werden, und was sie bei den beiden Protagonisten bewirken, deren einzige Verbindung die Trauer über den Tod geliebter Menschen ist. Und wie aus diesen Erkenntnissen für die beiden Senioren Lebensfreude wächst. Das mag zwar nur wenig aktionsgesteuert sein, kann aber doch auf sehr schöne Art funktionieren, wenn ich mich dazu durchringen könnte, endlich weiterzuschreiben, ich fauler Sack.

    Die Elias-Trilogie ist fertig, der dritte Band mit dem Titel Du bist der Totem ist nun im Handel erhältlich und ich lade Euch alle ein, den dritten Band zu lesen, wenn Ihr schon Du warst der Plan und Auf dieser Frequenz gelesen habt. Begleitet Elias Mataanoui auf seiner Reise durch Afrika bis ins Nest von Le Fantom. Ich denke, die Trilogie schließt würdig ab und ist wirklich zu Ende erzählt.

    Anmerkung: Für die Coverfotos war ursprünglich angedacht, Fotos von zwei Wiener Influencern zu verwenden, und zwar von zwei durchaus erfolgreichen Burschen namens Stefan und Elias, die für mich als Vorbilder für die beiden Hauptrollen der ersten beiden Romane Pate standen. Ich habe beide kontaktiert und sie darum ersucht, mir zu erlauben, je ein Foto von ihnen für die Umschlaggestaltung nutzen zu dürfen – mit Erklärung, worum es in den Romanen geht und wie groß, bzw. klein die zu erwartende Auflage sein wird.

    Ich habe bis heute von beiden keine Antwort erhalten.

    Bei Richard und mir steht für heuer noch eine Woche in Alicante an. Diesmal mit der Familie. Wieder in einem Privatquartier in der Altstadt, nahe beim Hafen und der Playa Postiguet.


  • Rückkehr nach Montaione

    In meinem neuen Romanprojekt kehre ich nach Montaione zurück, das in meinem Roman Der Sturmgondoliere der Ort der Handlung war. Wir werden vielleicht wieder Julia treffen, die als junges Mädchen in einen Geist verliebt war, der Paolo hieß. Und auf Samuele, der auch noch als Erwachsener immer wieder zu den Ruinen eines niedergebrannten Weinguts geht und sich dort unerklärlich traurig fühlt. Und wir werden ein wenig mehr über diesen aus der Zeit gefallenen Ort erfahren, in dem es kaum Internet gibt, wo es geflüsterte Geheimnisse gibt und Gewitterwolken, die wie Geister aussehen …


  • Fortschritte

    Manchmal muss man ein Manuskript nur mal ein wenig ruhen lassen. Dann ergibt sich oft wie von selbst ein Weg, wie weitererzählt werden kann.
    Im Roman „Im September“ will ich ja die Geschichte eines 75-jährigen Mannes erzählen, der nach dem Tod seines Langzeitpartners nach fünfzig Jahren Ehelebens versucht, nicht im Sumpf aus Einsamkeit und Trauer zu versinken und eine Reise unternimmt. Mein Vorhaben ist, den ersten Teil des Buches als Drama zu erzählen und dann langsam die Handlung in eine Komödie überzuleiten. Was mir dazu fehlte, war ein Initialzünder, und den habe ich in den letzten Tagen entwickelt und weitergeschrieben. Gestern habe ich abends rund 10 Seiten geschrieben und es geht gut voran. Ich halte wenig von Screwballhumor, werde aber Elemente daraus einfließen lassen, wenn mein Hauptcharakter Frank zwei jugendliche Ausreißer aufgabelt und sich bereit erklärt, diese zu ihrem Großvater zu bringen. Doch die Zwillinge Mattia und Samuele haben es faustdick hinter den Ohren und werden das Leben von Frank, dem Hauptcharakter, ganz ordentlich durcheinander wirbeln. Ich denke, es wird eine sehr schöne Geschichte und ganz anders, als meine früheren Romane …