
Als ich fünfzehn Jahre alt war und mit meinen Eltern in ein Haus in Biedermannsdorf zog, südlich von Wien, lernte ich die ziemlichen coolen Lugerbauer-Brüder kennen, die um einen Hauch älter waren, als ich. Alfred Lugerbauer studierte Gitarre an der Uni Wien, soviel ich weiß, und er liebte Mike Oldfield; hatte aber auch schon einen Fuß im Jazz.
Für mich war Jazz per se nichts, weil mir die Musik zu wenig greifbar war. So ein Zwischending zwischen „Easy Listening“, Alternative und trotzdem noch genießbar für junge Ohren waren eben die Tracks von Mike Oldfield, Vangelis und Tangerine Dream. Auf der anderen Seite stand Hardrock und Bombast Rock wie zum Beispiel von Emerson, Lake & Palmer. Uns gefiel auch Stratos von Billy Cobham und die konzeptionelle Musik von YES.
Kunstvoll empfanden wir auch damals schon die Musik von Peter Gabriel. Jedenfalls: ja, wir suchten und fanden alternative Musik, weil bei uns im kleinen Biedermannsdorf der Konsens unter uns Jungen herrschte, man müsse eine andere Art von Musik hören, als alle anderen. Unsere Mode war Musik, und wir trugen unseren Musikgeschmack vor uns her, wie Flaggen.
Mein Musikgeschmack blieb diesbezüglich ziemlich konstant. Da gab es einerseits die großen Elektroniker wie Tangerine Dream, Klaus Schulze, Vangelis, Ashra Temple, andererseits kunstvollen Pop. Und ein drittes Standbein, das ich von meiner Kindheit über meine Jugend ins Erwachsenenalter mitnahm, war Filmmusik. Hauptsächlich John Williams, Jerry Goldsmith, James Horner und Ennio Morricone. Später kam noch Hans Zimmer dazu, der mich aber im Laufe der Zeit mit seiner zum Bombast aufgeblasenen Beliebigkeit zunehmend langweilte.
Im Februar machte ich Bekanntschaft mit der Serie Harry Bosch auf Prime und es kam so, wie es bei mir immer kam, wenn mehrere Ereignisse gut geölt ineinander klickten: Ich fand etwas Neues. Die Serie erzählt die Geschichte von einem Detective des Morddezernats Hollywood, Los Angeles. Irgendwann vor Beginn der Serie hatte er einen Fall gelöst, der von einem Hollywoodstudio verfilmt wurde. Das Honorar für die Geschichte verschaffte ihm genug Geld, um sich ein Haus in den Hollywood Hills zu kaufen. Samt Terrasse und verglasten Wänden. Harry Bosch hörte immer Jazz, wenn er zu Hause Mordfallakten wälzte und in Kombination mit dem Blick über Los Angeles hatte es mich erwischt. Harry Bosch, gefilmt durch die wandhohen Fensterscheiben seines Hauses, dazu Art Pepper oder John Coltrane … Anheimelnd auch, dass er in der in unsere Zeit verlegten Serie die Musik auf einem Plattenspieler hört. Ich verschaffte mir einen Überblick über Cool Jazz – also um ehrlich zu sein, ich bin noch mittendrin. Was mich von Anfang an beim Jazz ansprach, seitdem ich mich damit befasse, ist, dass diese Musik emotional sein kann, ohne dabei schmalzig, kitschig oder teeniehaft-raunzend zu sein. Dazu kommt die aus den Aufnahmen heraushörbare Spielfreude der Musiker und wie gut sie aufeinander eingestimmt sind. Das ist noch gutes, altes Musikhandwerk und auch wenn die Musik zum Teil sperrig ist und nicht nach Gefälligkeit schielt, so macht doch gerade das für mich den Reiz aus. Cool Jazz kommt herrlich unprätentiös daher und konzentriert sich auf sich selbst. Ich mag das Emotionell-Dreckige und das Rauchige dieser Musik. Aktuell gefällt mir Jazz, der sich auf Klavier, Bass und Saxofon beschränkt.

Ich freue mich schon auf die lauen Nächte, die bei uns so ab Mai häufiger werden. Weiterschreiben an einem neuen Roman, Balkontür offen und Art Pepper im Hintergrund. Ich denke, da kann man nicht viel falsch machen.