Monat: Juni 2025


  • Trebol

    1990 gab es in Las Palmas, auf Gran Canaria, eine Diskothek namens Trebol. Im Rückblick betrachtet war das Trebol die wohl wichtigste Diskothek der kanarischen Schwulenbewegung. Es lag zentral, direkt an der schmalen Hüfte von Las Palmas in der Calle Dr. Miguel Rosas. Der Urlaub in Las Palmas de Gran Canaria war meine erste Flugreise und zu verdanken hatte ich die einem Freund meines ehemaligen Freundes und Vermieters, Alfi, dem damals das Lokal „Alfis goldener Spiegel“ gehörte. Ihm war ein Reisebegleiter abgesprungen und so landete ich an seiner Seite auf Gran Canaria und hatte mit ihm auch gleich einen Fremdenführer, der sich dort schon ein wenig auskannte.

    Wie sich später herausstellte, war es von unschätzbarem Vorteil für einen wenig selbstsicheren und nur halbwegs gut aussehenden Burschen wie mich, in Las Palmas aufzuschlagen und nicht im Süden der Insel, in Playa del Ingles oder Mas Palomas, wo es schon in den Neunzigern die schwulen Touristen aus Österreich, Deutschland und England Nacht für Nacht krachen ließen. In Las Palmas war ich selbst als schwarzhaariger Tourist unter den einheimischen Schwulen der Exote.

    Das Trebol war aber nicht nur eine schwule Diskothek, sondern auch noch eine schwule Sauna: Ebenerdig war die Diskothek und in den drei oberen Etagen befand sich die größte schwule Sauna, die man sich vorstellen kann. Ab Freitagnacht konnte man einen kombinierten Eintritt bezahlen und hatte damit von Freitagnacht bis Sonntagabend unbeschränkten Zugang zur Disco und Sauna. Das hatte für viele einheimische Gays einen gewissen Charme, die aus kleineren Ortschaften übers Wochenende nach Las Palmas kamen, um zu feiern. Man konnte sich dort tatsächlich verlieren, zwischendurch Sauna machen, Dampfbad oder eine Massage genießen oder einfach eine Runde pennen, um dann erfrischt weiterzutanzen.

    Der Exot unter heimischen jungen Schwulen zu sein, hatte unübersehbare Vorteile für mich. Ich war in jenen Tagen noch sehr schüchtern und ungeschickt beim Flirten, und das schien die Canarios zu reizen – denn die liebten nicht nur das Flirten, sie beherrschten es auch. Ich wurde in meinem Leben nie wieder so unverschämt und verführerisch angeflirtet wie in den Tagen auf Gran Canaria von einheimischen Jungs. Betrunken stellte ich mir vor, wie es wäre, mich in einen von ihnen zu verlieben und zu bleiben und irgendwie Fuß zu fassen – törichte Träume eines 20-somethings, der sich gerade auf den Weg zum Alkoholiker machte. Die freizügige Flirterei und der übermäßige Genuss von Alkohol führten jedenfalls oft dazu, dass ich nach einem hochintensiven Intermezzo mit einem spanischen Burschen im oberen Teil der Trebol-Anlage glückselig um drei Uhr früh im Club tanzte wie ein Blitz in der Nacht und vor Lebensfreude Tränen in den Augen hatte. „Dancing with tears in my eyes“ sozusagen, zu Guro Josh’s Infinity oder Who’s law:

    Diese tanzbaren Elegien sind für mich untrennbar mit Las Palmas Anfang der Neunziger verbunden. Mit naiven Flirtereien und eskapistischen Träumen. Das Trebol gibt es schon lange nicht mehr. Ich weiß nicht, was sich dort jetzt befindet, aber ich hoffe, die Gassen zwischen dem Parque Santa Catalina und der Playa de las Canteras haben noch ihren verwuschelten Charme. Kann mich noch an die dichte Bewölkung über der Stadt erinnern, die das rostige Licht der Natriumdampflampen zurückwarf.

    Wie eine Flaschenpost geht mit diesem Posting auch ein Gruß raus zu Juani Bello Sanchez, der damals im Trebol arbeitete und für mich zum Inbegriff des Latin Lovers wurde; ein unglaublich gut aussehender Zwanzigjähriger mit schwarzem Wuschelkopf, braunen Augen und einem umwerfenden Lächeln. Nach meinem Kenntnisstand war er damals Student an der Universität Las Palmas und arbeitete nebenher auch noch in der Universitätsbibliothek. Der Kerl hat mir 1991 das Herz gebrochen. Wie? Er hat mich mit seiner ganzen Aufmerksamkeit beschenkt, als wir im Feuersturm im Trebol tanzten, uns umarmten und küssten und später auf seinem Zimmer liebten – in einem Rausch, der uns beide nach dem Unmöglichen süchtig machte. Mich mehr als ihn.

    1992 hatte ich dann schmerzhaft gelernt, dass ich für ihn nur ein einfacher, kleiner Flirt war. Eine Fingerübung sozusagen, und meine Annäherungsversuche im Sommer 1992 waren ihm sichtlich unangenehm. Das hat mich damals schlagartig ausgenüchtert und aus den Wolken gefischt. Um nicht zu sagen, es war wie ein Schwall Eiswasser aufs Gemüt.

    Wenn ich jetzt an die Zeit zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an das Gefühl der Freiheit, an die nächtliche Trunkenheit, meine vollkommene Arglosigkeit gegenüber allem und jedem. Dann erinnere ich mich an die Nächte, in denen ich mit einer Dose Bier im Sand saß, im Takt der Brandung atmete und wie die Horizontlinie im Morgengrauen deutlicher wurde. Die fast ängstliche Trauer, wieder zurückkehren zu müssen nach Wien und nicht damit umgehen zu können. Nicht bleiben zu können, um ewig weiterzufeiern, zu lieben, Sehnsucht in die Brandung zu schleudern und mit Tränen in den Augen wie ein Blitz in der Nacht zu tanzen.


  • Zandvoort

    Weil ich mich gerade daran erinnere: Als ich bei UPC (Liberty Global) arbeitete (Mai 2002 – April 2014), reiste ich oft aus beruflichen Gründen nach Amsterdam. Damals saß das Geld beim Unternehmen locker – wie auch immer – es gab Jahre, da flog ich im Monat 3-4 Mal nach Amsterdam und stieg da, wenn ich zwei Tage blieb, entweder im Radisson Hotel im Businesspark Schiphol ab, im Radisson im Zentrum oder im Hotel Amsterdam American am Leidseplein.

    Am ökonomischsten war für mich das Hotel in der Nähe des Flughafens, weil ich von dort aus zu Fuß zum Büro gehen konnte – was gar nicht so übel war, wenn ich in der Nacht zuvor in einer der schwulen Bars in Amsterdam versumpert war und der kleine Spaziergang belebend wirkte.

    Am besten gefiel es mir im Hotel Amsterdam American. Ein pittoresker, alter und verspielter Bau mit Würde, einer riesigen Bar und ziemlich guten Mojitos.

    Abgesehen davon, mich in den unzähligen Bars in Amsterdam gehen zu lassen, Notizbücher vollzuschreiben oder angeregt mit Leuten zu diskutieren, schätzte ich es, auf Wanderschaft zu gehen, und eine meine schöneren Touren damals war, als ich im Spätsommer (also Anfang September) an einem Freitag gegen 14:00 Dienstschluss machte, mich in den Zug setzte und vom Flughafen Schiphol zuerst nach Haarlem fuhr, dort umstieg und weiter nach Zandvoort. Dort ist nicht nur eine bemerkenswerte Autorennstrecke, für die ich mich leidenschaftlich überhaupt nicht interessiere, und ein ewig langer Strand, an dem zu jeder Jahreszeit (ich war da auch im Winter stundenlang spazieren) Surfer in Neoprenanzügen die Wellen ritten und wohl noch immer reiten. Ich war dort auch schon einmal im Winter, um eine längere Wanderung am Strand zu machen. Strände im Winter haben eine ganz eigene, silbrige Stimmung.

    Zandvoort besuchte ich zum ersten Mal im Winter 2010, es war kalt, windstill und nebelig und das Licht war sehr eigen. An mir liefen immer wieder Halbwüchsige in ihren Wetsuits sandaufwirbelnd vorbei, krähten sich gegenseitig etwas zu und verschwanden in Dunst, der vom Meer her über den Strand zog.
    Dann, im September 2012 nutzte ich den längeren Aufenthalt in Amsterdam und machte diesen schönen Ausflug zum Strand. Es war zu kühl, um schwimmen zu gehen, als setzte ich mich in eine der Surfer-Bars namens Club Nautique, aß, um nicht vom Bier ins Meer geblasen zu werden, Dutch Fries mit gefährlich viel Ketchup und Mayonnaise, sah den Surfern zu, die herumliefen und Wellen suchten, genoss den Wind und den Geruch von Sand und Salz. Ich muss direkt mal in den Keller gehen und in den eingelagerten Notizbüchern nachschauen, ob ich dazu etwas aufgeschrieben hatte.

    Leise spielte es akustischen Rock, der Kellner war ebenso freundlich wie gut aussehend, und ich dachte wieder einmal daran, wie es wäre, wenn ich ganz woanders leben würde als da, woher ich bin.
    Ein Träumer war ich schon immer. Aber auch ein Realist. Sosehr ich diesen Nachmittag bis in den frühen Abend genoss, die Fritten, die vier oder fünf Krüge Bier, ich wusste, dass ich da nicht leben wollte, selbst wenn mir jeden Tag hunderte von Surfern in ihren knallengen Neoprenanzügen vor der Nase herumtanzen würden.

    Ist nur so ein Griff in die Vergangenheit, etwas, an das ich mich gerne erinnere, weil zumindest in diesen vier oder fünf Stunden die Welt ihre Probleme für sich behalten hatte, das Bier schmeckte, das Licht großartig war und die Wellen ewig rollten und alles so leicht war wie ein Song von Burt Bacharach.


  • Cyborg me – Danach

    Cyborg me ist einer meiner kürzesten Romane, dafür ist er allerdings sehr dicht geschrieben und eröffnet mir Möglichkeiten, ihn durch einen oder zwei weitere Romane in mein „Inseln im Westen“ Universum zu verknüpfen. Als ich in Absprache mit dem Verlag nach einem brauchbaren Bild für den Umschlag suchte, fand ich nichts, was mir wirklich zusagte. Zwei Bilder fand ich letztlich, die ich verwendet hätte, wenn da nicht Probleme mit dem Urheberrecht gewesen wären. Der Künstler, der eines der beiden Bilder erstellt hatte, wollte einen unverschämt hohen Betrag für die Nutzung seines Werkes (ich meine, mich an 7000 Dollar erinnern zu können), den Urheber des zweiten Bildes konnten wir leider nicht ausfindig machen.

    Jetzt spiele ich seit etwa einem Monat mit KI-generierten Bildern herum und es macht mir Spaß, mit Worten zu malen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass keines der so entstandenen Bilder irgendetwas mit Kunst zu tun hat, aber es macht einfach Spaß, herumzuspielen und vereinzelt, ganz selten, etwas zustande zu bringen, das durchaus brauchbar ist – und für den Umschlag verwendbar gewesen wäre. So habe ich z. B. mit einem Prompt herumgespielt, um ein Bild von Samson Aguilar zu erstellen, dem jungen Cyborg im Roman. Hier ein Bild, das ich so erstellt habe:

    Das trifft meine Vorstellung von Samson schon perfekt. Ich weiß nicht, ob es angemessen und gut gewesen wäre, ein solches Bild als Buchcover zu verwenden. Aber schlecht ist es nicht, oder?

    Das Titelbild des Blogposts habe ich erst später eingefügt. Das gefällt mir auch recht gut und wird Samson gerecht. Ich denke, ich werde noch eine Weile herumspielen und versuchen, die Stadt zu prompten, in die sich Mexico City in der Zukunft verwandelt hat.


  • Jeder ist die ganze Welt

    Wir gingen Hand in Hand
    durch Wüstensturm und Regen,
    wir gingen in das Land
    aus Blut und Gelächter und
    weiter, bis wir an der Küste standen
    und der Hunger nach Leben uns verschlang

    Wir atmeten Brust an Brust und
    Lippe an Lippe, wir waren jeder
    für den Augenblick die ganze Welt des anderen:
    Nie hatte das Meer einsamer und eifersüchtiger
    an unseren Füßen gezogen als in diesem Moment,
    nie rollte es kraftvoller als jetzt, da es machtlos war

    Wir griffen in den Himmel und küssten uns
    wir griffen hoch in das wütende Grau und
    wir fassten darüber hinaus die Metallkante des Horizonts
    und uns widerfuhr nichts und wenn unsere Hände bluteten
    von der Schärfe der Welt, dann mischten wir unser Blut
    und unser Blut mischte sich mit dem Gelächter des Meeres

    Wir kämpften uns zurück ins Land
    durchwanderten die Sierra Maestra und furchtbare Wälder
    voll wütender Lust und Tod kämpften uns hoch und höher,
    die Berge hinauf bis unsere Köpfe in den Wolken verschwanden
    bis unsere Leiber aneinander vibrierten und unsere Hüften
    miteinander kämpften um Geben und Nehmen

    Und das alte Tosen war um uns und in uns
    und wir teilten es mit dem Himmel und der Erde
    wir teilten Nässe und Schamlosigkeit und
    das Donnern umfing uns wie eine Hand und schützte uns
    und wir konnten nicht aufhören, Engel zu sein, die
    einander zur Erde warfen und herrschten, um beherrscht zu werden

    Und wir blieben, bis unsere Augen vor Erschöpfung weinten
    und unsere Seelen von der Liebe blind und erschlagen
    und unser Atem zu Silber verwoben weit und weiter zog und
    von uns kündete, von uns sang und für uns kämpfte
    mit dem Schwert der Wahrheit und des Verlustes, mit
    all der Liebe, die wir im Fallen verschenken konnten,

    jeder die ganze Welt des anderen
    jeder der ersehnte Atemzug
    jeder der Puls der Sterblichkeit und
    jeder die Brust, die sich senkte und hob
    jeder all die Leidenschaft und Unvergesslichkeit
    jeder nur ein Wimpernschlag Ewigkeit; Jetzt!