Peter Nathschläger

Ein Schriftsteller & Herumtreiber

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Bilder, die wir nicht schossen

eine mechanische Spieluhr, rostig
auf Wüstenboden
ein Schweißtropfen auf
sonnenmüden Wimpern
nasse Pferde, matt, unter einem
titanischen Himmel

Eine betende Frau
und einen unrasierten Mann
eine tote Katze mit staubigen Augen
aus deren Bauch eine blutnasse Ratte kriecht
zwei schwarze Jungs
die Freude aneinander haben

Die Spieluhr kratzt und spielt
alte Augen suchen die Ferne ab
die Zeit flimmert
wo die Wüste endet
und das Meer beginnt

Ein Junge schleppt Seile
zusammengerollt den Bootssteg entlang
Wellen schlagen müde die Boote
Sand weht über den Steinweg
die Wellen sind weiß und dumm
und zerbrechen die Zeit

Peter Nathschläger, Havanna, 2012

Die Länge eines Romans

Wann immer ich an einer Geschichte schreibe, muss ich von Neuem lernen, dass die Länge, die eine Geschichte für sich selbst wählt, sich maßgeblich davon unterscheidet, was ich für sie vorsehe. In Literaturforen wird oft darüber diskutiert, wie man eine Geschichte strecken kann, um in die vermutete Länge eines Epos zu kommen. Irgendwie scheinen es vor allem Schreibanfänger darauf abzusehen, in den „mehr als 500 Seiten“ Olymp zu kommen. Dabei haben es zB Hemingway mit „Der alte Mann und das Meer“ oder Marquez mit „Chronik eines angekündigten Todes“ so wunderbar vorgemacht: Große Literatur braucht nicht viele Seiten. William Golding, Juan Rulfo, um nur zwei weitere zu nennen, die mit ihren Meisterwerken nicht viele Seiten beanspruchen (Der Herr der Fliegen und Pedro Páramo).

Derzeit schreibe ich an einer kleinen Liebesgeschichte, für die ich ursprünglich rund 190 Seiten vorsah und entdeckte jetzt beim Verfassen der Rohversion, dass es bestenfalls 100 Seiten werden, wenn ich nicht Luft in die Geschichte pumpe. Und das will ich nicht. Denn in einer Geschichte soll nur drin sein, was die Geschichte rechtfertigt. Was sie stützt und verständlich macht. Stephen King nannte die Länge von rund 100 Seiten einmal das Niemandsland für jeden Schriftsteller. Für jemand, der literarisch (Eigendefinition) immer nur Big Mac mit Fritten lieferte, mag das stimmen. Als Schriftsteller sollte einem die Länge der Geschichte nur dann wichtig sein, wenn er bereit ist, sie drastisch zu kürzen. Glücklich ist der, der von Beginn an weiß, was er alles weglassen kann, um es nicht später mühsam wieder aus dem Text entfernen zu müssen …

WordPress fragt mich gerade …

Was würdest du tun, wenn du im Lotto gewinnen würdest?

La Habana, 2011

Natürlich habe ich Träume, die man mit Geld fast allesamt erfüllen könnte. Ein Millionengewinn im Lotto beispielsweise – wo würde ich hinwollen? Ich habe kaum Wünsche, was Anschaffungen betrifft, aber viele Orte, die ich gerne mit Richard besuchen würde, und wenns passt, auch mal länger zu bleiben:

  1. In die Berge. Für eine Woche dort fotografieren und schreiben, das Notizbuch auf einem Klapptisch
  2. Irgendwo in Afrika, in der Nähe des Kilimandscharo. Wieder auf einem Klappsessel und an einem Klapptisch in der Savanne. Unter einem Baldachin, der Schatten spendet, Bier trinken, mit einem Träger flirten, fotografieren und schreiben
  3. Auf der Chinesischen Mauer wandern, fotografieren und wieder … schreiben (Der Klapptisch und das Schreiben, die verfolgen mich)
  4. Mit Richard in einem großen Wohnmobil in den USA von Südosten nach Nordwesten und retour
  5. Cuba – aber diesmal auch Matanzas, Cienfuegos, Varadero, Cidra, Siearra Maestra und Los Arabos, um bei Eddy Blanco Ananassaft mit Rum zu trinken
  6. Dachstein, den Gletscher runter nach Norden, zum Stein, um den Todesmarsch von Martin Thaler in die andere Richtung zu gehen
  7. Jägersee, einfach nur dort, und glücklich sein. Klapptisch, Notizbuch, schreiben. Und wenns leicht geht, im See gekühltes Bier
  8. Ein Leben voller Reisen, gebräunt und in Jeans und in festen Schuhen
  9. Bücher kaufen, wann immer ich will
  10. Und der Lebensabend mit Richard vielleicht auf Kuba – ein Holzhaus am Strand. Alt werden, viel lachen, Freunde haben, glücklich zu ihm hinsehen, und am Ende, über die Mondstraße nach Hause gehen, wo immer das sein mag

Aus meinem Moleskine von 2011 – ziemlich verwitterte Schrift.

Moleskine2011

Was man nicht sagt

Ich lese gerade mit sehr viel Genuss das Buch „Schöner schreiben“ von Hauke Goos. Eine Sammlung von 50 wundervollen Sätzen und Szenen der deutschen Literatur. Ganz großartig ist nicht nur die Auswahl der bemerkenswerten Sätze und Szenen, sondern auch die literarische Auseinandersetzung mit der Auswahl.

In all den Beispielen finde ich mehr oder weniger deutlich die alte Weisheit, dass man nicht alles sagen muss, was man weiß, um den Leser zum Mitwisser zu machen. Oft liegt genau in dem, was man zB mit einem Gedankenstrich auslässt, eine dröhnende Wahrheit. Und da fiel es mir wie ein Flies in die Hände – die Erkenntnis, wie ich ein Romanprojekt retten kann, dessen Idee mich nach wie vor vollkommen überzeugt, dass ich aber verzagt liegenließ, weil ich nicht wusste, wie ich mich der Geschichte nähern soll. Jetzt hab ichs. Im Grunde genommen haben mir das schon so einige Kritiker gesagt, mehr oder weniger unverblümt, mehr oder weniger geschickt. Hemingway war wahrscheinlich der Großmeister der Auslassung; den Leser zu einer Wahrheit führen, in dem man sie nicht ausformuliert. Verdammt, das führte schon James Woods in seinem Buch über die Kunst des Erzählens an.

Na gut, dann also los. Ich lasse mal den Elias auf der Venus allein (okay, okay, er ist erst auf dem Weg dorthin und lernt gerade das Gespenst der Rakete kennen) und widme mich der Geschichte einer merkwürdigen und letztendlich zutiefst vergifteten Freundschaft zwischen einem alten Mann und einem schönen Jungen – und einem vollendeten Betrug …

Ich wollte nur mal …

sagen, dass es nichts Neues gibt. Euch eine Nachricht hinterlassen, dass es keine neuen Nachrichten gibt. Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss und die erste Januarwoche ist meiner Meinung nach die faulste Woche des ganzen Jahres, besonders, wenn man Urlaub hat, das Wetter bescheiden ist und man einfach keine Lust hat, mehr zu tun als zu atmen, zu schlafen, den anderen in der Nähe zu haben und zu maunzen, dass man schon zu faul ist um faul zu sein.

In Sachen Literatur warte ich jetzt mal auf ein Lebenszeichen vom Main Verlag, der mein Manuskript Piero X unter Vertrag genommen hat, und der das Buch dieses Jahr herausbringen will. Ich denke nebenbei darüber nach, zwei nur schwer anbietbare Novellen selbst bei Amazon zu veröffentlichen.

Richard und ich denken darüber nach, die Faulheit zu überwinden und öfter Radfahren zu gehen. Und ich arbeite noch immer an der Hintergrundgeschichte des Romans, an dem ich gerade … nicht weiterschreibe. Vor allem deshalb, weil die Hintergrundgeschichte selbst zu einer eigenen Geschichte werden kann. Die Geschichte rund um die Geschichte sozusagen – sie löst sich vom Kern ab und entwickelt eine ganz eigene Gravitation, der ich mich nur schwer entziehen kann. Sie hat den Beigeschmack der lateinamerikanischen Fantastik, so wie sie von Jorge Luis Borges geschrieben wurde: Tlön, Uqbar, Orbis Tertius.

Aber ansonsten gibt es nichts Neues in Ottakring. Alles friedlich und ruhig.

Schreiben & Notieren

Ich bin ja jetzt seit recht kurzer Zeit auf Mastodon und da er gab sich ein kurzer Meinungsaustausch zum Thema Notizen. Derzeit schwenke ich gerade wieder einmal um (wie eigentlich immer zu Jahresbeginn) und wende mich nun wieder den guten, alten Spiralblöcken zu und denke darüber nach, mit Druckbleistiften zu schreiben, um mit die Herumeierei zwischen Gelrollern, Füllfedern und Kugelschreibern zu ersparen.

Bis gerade noch habe ich Produkte von Paper Republic verwendet; da habe ich mehrere Notizbücher und Kugelschreiber gekauft und anderes Zubehör. Durch die Verwendung dieser Produkte wurde mein oersönlicher Zugang zum Notieren sehr … manieristisch. Es schien mir immer mehr um das Getue zu gehen als um das Kritzeln & Notieren. Die Produkte von Paper Repblic sind allesamt von allerhöchster Qualität, was dann durchaus auch irgendwie blockierend wirkt. Ich fühlte mich oft gehemmt, die Perfektion der Produkte zu zerstören, in dem ich sie benutze.


Das Notieren geht bei mir immer sehr spontan und ich habe mich oft mit dem gedanken beschäftigt, mir im Lauf der Zeit eine Art Bibliothek meiner Gedankenwelten anzulegen, weil ich grundsätzlich alles querbeet aufschreibe: Einkaufslisten, Zitate, Termine, Ideen, Gedanken, Szenen & Sketches … nur ist das halt so: das einzig Zuverlässige in meinem Umgang mit Notizen ist meine Unzuverlässigkeit. Nicht nur, was die Regelmäßigkeit, sondern auch, was die Auswahl betrifft.

Wenn ich an einem Roman arbeite, notiere ich sehr viel in Notion. Es taugt mir, in diesem Tool mit Ideen zu spielen, diese untereinander zu verlinken und so eine Art Hintergrunduniversum zum Buchprojekt zu schaffen. Was hat das mit Papiernotizen zu tun? Ganz einfach: Die Grundlagen dazu schreibe ich oft nachts direkt auf Papier, weil es unmittelbarer ist, weil es direkter ist und ich mir keine Gedanken um Form und Ordnung machen muss. Das ist Gekritzel. Am nächsten Morgen übertrage ich dann die Kritzelei, so gut es gelingt, in Notion.

Auf den diversen Websites der Hersteller von Notizbüchern wird das Schreiben unendlich verklärt, zu einem Lifestyle hochstilisiert, und das hat mir eine Zeit lange recht gut gefallen, hat mich aber auch blockiert, das Notieren als das zu sehen, was es ist: Gedanken auf Papier werfen. Beim Schreiben auf und mit Paper Republic Notizbüchern kommt neben dem doch recht hohen Preis noch dazu, dass das Schreiben in den eingelegten Notizbüchern bzw Blöcken durchaus störrisch ist; hat man einen der teuren Lederumschläge wie dem Portfolio, dann liegen die ersten Blätter und die letzten Blätter der dünneren Notizbucheinlagen auf den innen angenähten „Erweiterungen“ nicht flach auf. Innen befinden sich ja auf den Umschlaginnenseiten Taschen und Laschen für Kredit- und Visitenkarten, Stifte und Zeugs. Das finde ich doch recht störend.

Zumindest für mich geht es beim Notieren an und für sich um Geschwindigkeit. Ich will das nicht zelebrieren, einen Tee aufkochen, das Buch nobel aufschlagen und edle Gedanken auf Papier bringen, die nach Pralinen und Schokolade duften, sondern ich will mein Hirn ausrotzen. Und das scheint zumindest bei mir mit Colleblöcken besser zu funktionieren. Ich meine, immerhin habe ich den Großteil von einem meiner schönsten Romane in einen solchen Collegeblock geschrieben: Im Palast des schönsten Schmetterlings. Am Ende lagen da zwei vollgeschriebene Blöcke vor mir, voller Schweiß Sand und Sonnenmilch, Tränen und eng beschriebenen Zeilen.

El Malecon, La Habana, Cuba

WordPress fragte mich: Hast du einen Lieblingsort, an dem du schon warst? Welcher ist es?

Das ist mein Lieblingsort. Dort spüre ich das Leben. In der Nacht, unter dem Mond, am Wasser, wo die jungen Leute tanzen, Rum trinken, rauchen, lachen und reden.

El Malecon, die kilometerlange Uferpromenade, auf der man von Miramar, über Nuevo Vedado und Vedado bis nach Habana Vieja gehen kann, wenn man es tagsüber in der Hitze und im Lärm der Autos schafft, und nachts, vorbei an Trinkern und Schwätzern, Anglern und Tänzern, Jungs, die vom Fußballspielen heimgehen, Mädchen, die nach Touristen Ausschau halten und Männer, die das auch tun. Musiker, die einem entgegenkommen oder vorauseilen, die Instrumente stimmen und nach Leuten Ausschau halten, die Lust auf ein paar kubanische Gassenhauer haben, Chan Chan, tú sabés?

Kaum wo ist Kuba kubanischer als am Malecon, wenn der Tag über den Rand der Welt gekippt ist und die lateinamerikanischen Geschöpfe der Nacht dich verwirren. Die Indios und Afrochinesen, Mädchen und Jungs, Frauen und Männer.

Dort singen sie A donde vas von Leonie Torres, sie singen laut und gut und mit sehr viel Gefühl. Dieter Bohlen würde weinen vor Glück. Das würden die meisten Menschen, die angesichts dieses einfachen Lebens nicht verstehen können, wie diese Leute so schön und so lebensfroh sein können.

Die Achau und Erwin

Im Sommer 1982, als ich das zweite Jahr in Biedermannsdorf lebte und lose Freundschaften mit Jugendlichen in der Achau geschlossen hatte, lernte ich auch Erwin kennen. In Biedermannsdorf, wo ich unsterblich und todunglücklich in Walter Kroboth verliebt war und die offene und absolut ehrliche Freundschaft von Fritz Kling zu schätzen lernte, entwickelte sich eine weitere Freundschaft zu Reinhold Atlas, der später in unserer Teenagerversion von Tangerine Dream die Rolle von Edgar Froese übernahm; in der Achau lernte ich durch den Schlagzeuger Harald Giwiser seinen Bruder Klaus kennen, der damals, als langhaariger Schlaks, eine Vorliebe fürs Kiffen von Monsterjollys und elektronische Musik von Tangerine Dream und Klaus Schulze hatte.

Und auf einmal war Erwin da und es war, als wäre er niemals woanders gewesen. Er war so alt wie ich, als knapp 18, dunkelhaarig, stämmig und auf burschenhafte Weise herb gutaussehend. Wir rauchten versteckt auf einem Spielplatz in der Achau in einer Holzhütte, gingen stundenlang spazieren und erzählten uns Geistergeschichten, und obwohl unsere Freundschaft sich so wunderbar selbstständig entwickelte, dauerte sie nur ein Jahr. Ich weiß nur noch, dass ich mich in seiner Gegenwart sicher, gewollt und frei fühlte. Vielleicht sogar ein bisschen geliebt – allerdings war ich damals einfach zu blöd, um das zu verstehen.

Es war nur ein Sommer – vielleicht ein Sommer und ein halber Herbst. Aber es war so bodenständig und innig, dass ich die Vibrationen heute noch wahrnehme.

UFOs gibt es … nicht!

UFO

Wenn man davon ausgeht, dass die uns bekannten Naturgesetze im gesamten Universum gelten, dann kann es sehr wohl sein, dass es “da draußen” anderes Leben gibt, vielleicht sogar intelligentes Leben, vielleicht sogar intelligentes Leben, dass sich zu einer Zivilisation entwickelt hat und ebenso wie wir in den Weltraum blickt und sich fragt: “Ist da jemand?” Die Naturgesetze lassen es einerseits sehr wohl zu, dass sich irgendwo auch in unserer Milchstraße Leben entwickelt hat, vielleicht sogar so weit, dass sie interstellare Reisen antreten können: Aber: Die Lichtgeschwindigkeit ist nun mal die Obergrenze der Übertragungs- und Wirkungsgeschwindigkeit. Selbst die härtesten außerirdischen Zivilisationen müssen sich dann mit hunderte Jahre langen Reisen durch das interstellare Medium abfinden, mit der Raumstauchung in Flugrichtung, der Härte der Gammastrahlung, der Zeit Dilatation, der Eigenzeit …

Es wird hunderttausende Zivilisationen da draußen geben, aber was hilfts, wenn die Zivilisationen so weit voneinander entfernt sind, dass sie im Rahmen der Naturgesetze, an die wir nun mal alle gebunden sind, einander niemals erreichen können?

Und damit zum Paradoxon: Würden wir uns weiterentwickeln und eines Tages mit einem “magischen Tschak” von Galaxie zu Galaxie reisen können, dort Planeten suchen, die in der habitablen Zone einer Sonne sind, dort Leben finden, eine Zivilisation – würden wir dann in Raumschiffen über hunderte Jahre hinweg jeden Landeanflug versemmeln und abstürzen? Uns beim Beobachten stümperhaft erwischen lassen? Spuren hinterlassen, obwohl wir vielleicht eine Direktive haben, keine Spuren zu hinterlassen? Warum sollen Zivilisationen, die hunderte Jahre durch das All fliegen können, sich dann am Zielort derart vertrottelt aufführen wie es hier in den Videos gezeigt wird?

Wert schaffen

Als ich jung war und zu arbeiten begann, im September 1980, war die österreichische Fernsehserie Ein echter Wiener geht nicht unter in. Die Geschichte eines polternden, lautstarken Wieners, der als Elektriker arbeitet und gerne Bier trinkt.

Ich denke nicht, dass es dieser Serie zu verdanken ist, jedenfalls war sie Ausdruck einer Haltung, ein gesellschaftlicher Konsens, mit dem ich aufgewachsen bin und den ich in mich aufnahm: Arbeit ist eine Zumutung. Eine Last, der man sich beugt. Arbeit ist etwas, das man tun muss, um sich das Leben leisten zu können. Wer sich dieser Doktrin nicht beugen wollte, war Kommunist, Linker, Hippie – oder, noch schlimmer, eine Privilegierter, der auf die Arbeitenden hinunterschaute, snobistisch und abgehoben und überhaupt …

Wer arbeitete, war einer der Guten, wer arbeitete und darüber sprach, war ein Besserer. Wer arbeitete und deswegen Tag und Nacht klagte, war ein Held! Alles war eine Strapaze, alles war ein Moloch, eine Plage, man selbst das Fleisch, das zwischen Zahnrädern aufgerieben wurde, damit es die oberen 10.000 gut und bequem haben und der Sonne in Capri beim Untergehen zusehen können.

Es ist sehr schwer, dieses Denken aus dem Kopf zu bekommen, vermutlich so schwer, wie man den Tinnitus überhören kann, wenn man ihn erst einmal ins Bewusstsein gelassen hat.

Arbeit ist freudlos, das Erarbeitete karg, und dazu passte das Gedicht

Du weißt nicht, wie die Blumen duften
denn Du kennst nur Arbeiten und Schuften
und so vergehen die besten Jahre
und plötzlich liegst Du auf der Bahre
und hinter Dir, da grinst der Tod:
Kaputtgeschuftet, Du Idiot

Diese Zeilen bringen schon die Zwiespältigkeit zum Ausdruck: Man soll arbeiten, man muss es tun. Man fügt sich dem Zwang und erkennt, dass es ein anderes Leben geben muss, mehr, als nur zu arbeiten.

Diese Gedanken sind wehmütig und zu aller Zeit nostalgisch.

Bemerkenswert finde ich im Rückblick, dass der naheliegendste Lösungsansatz erst durch ein Betriebsmodell zusammengefasst wurde, in dem es auch einige japanische Effizienzphilosophien gibt, die einen völlig anderen Zugang zum Thema Arbeit bieten.

Wer liebt, was er tut, muss nie wieder arbeiten. Das Wort Arbeit selbst ist vergiftet von der negativen Bedeutung, mit dem man es gepimpt hat.

Erste Gehversuche diverser HR-Abteilungen, den Menschen das Gefühl zu vermitteln, sie wären an der Schaffung von Wert beteiligt, zerbröselten, weil man sich gleichzeitig an der Hire & Fire Methodik großer US-Unternehmen orientierte. Ihr wisst ja, dieses unverbindliche Dauergelächle, mit dem man Lohnerhöhungen und Kündigungen über den Tisch schiebt.

Erst mit ITIL 4 wurde aus der Schaffung von Wert ein Betriebsmodell, das den Menschen ein neues Mindset mit an die Hand gibt. Ein in sich wunderbar abgestimmtes und vollkommen schlüssiges Konzept, in dem aus dem alten „Ich muss arbeiten, um über die Runden zu kommen!“ ein „Ich helfe mit, Mehrwert zu schaffen!“ wird.

Ich meine, wenn jemand wie Einstein zum Beispiel noch am Abend über seinen Theorien brütete, war das dann für ihn Arbeit oder war das für ihn die Schaffung von etwas, dass ihm Wert vermittelte? Wenn ich heute am Abend zu Hause auf der Couch sitze, Tee trinke und im Notizbuch Ideen aufschreibe, wie man eine übergreifende Betriebskoordination bestmöglich mit Leit- und Richtlinien abbilden kann, ist das dann für mich Arbeit, oder einfach das gute Gefühl, an etwas von Wert mitzuwirken? Niemand verlangt von mir, das zu tun und ich machs trotzdem, weil es mich interessiert, weil es mich beschäftigt und weil es ein gutes Gefühl ist. Ich bin in Resonanz mit dem, was ich tue, so wie vielleicht ein Bauer auf seinem Feld, ein Bauherr auf seiner Baustelle, ein Tischler über seinem Werkstück.

Das ganze gesellschaftliche Konzept von Schaffung von Wert durch Opfer und Leid bricht zusammen. Damit aber auch die darauf aufbauende Konsumgesellschaft, die auf Belohnungswünsche- und Mechanismen aufbaut. Wer durch die Arbeit, die er macht, belohnt wird (so wie es Mario Vargas Llosa ausdrückte: „Der Lohn des Schriftstellers liegt in dem, was er tut!“), sucht nach keiner kaufbaren Belohnung mehr. Nach keiner Dampfzigarette, einem Fetzchen oder Kleid.

Toyota Kata

Natürlich soll man nicht wie ein Eremit leben – geh bitte! Doch es ist schon einfach so: Wer durch das, was er tut, ausgefüllt und zufrieden ist, muss sich nichts kaufen, um zufrieden zu sein. Muss sich nicht belohnen. Die Vollkaskomentalität zerfällt zu Staub.

Nicht von jetzt auf gleich. Nicht heute oder nächstes Jahr. Doch bin ich sicher, dass sich Veränderungen am Horizont abzeichnen. Ein neues Mindset, was die Schaffung von Wert betrifft, ein anderer Zugang zu dem, was man Leistung nennt.

Eigentlich schöne Aussichten.