Freiheit und Autonomie

Seit August fahren Richard und ich mit dem Fahrrad. Also nicht so wie Sportler oder so wie Menschen, die das Fahrrad als wesentlichen Teil ihrer Mobiliät ansehen, aber doch. Es ist ein erster Schritt zu einer Anpassung unseres Mindsets, was Mobilität und Freizeitgestaltung betrifft.

Ich bin zumindest in der ersten Phase einer Änderung oft totalitär: Ich will dann zB ein gutes, stabiles Fahrrad und das will ich mir herrichten, damit mein alter Arsch nicht leidet, wenn ich länger als zehn Minuten am Stück fahre. Ich will regelkonform ausgestattet sein und befasse mich mit Radwegen und dadurch auch gleich mal mit Stadtplanung, Infrastruktur, Community und wie sieht es diesbezüglich in anderen Städten aus - in anderen Ländern?

Was mir speziell im Westen Wiens als Radfahrer auffällt, der ungeübt ist: Die Gegend von Hernals über Ottakring und hoch und runter und rüber nach Baumgarten, Penzing, Hietzing, das ist eine einzige Hochschaubahn. Oder raus Richtung Dornbach, weiter Richtung Höhenstraße und dort ein bisserl in den Wald fahren. Da geht uns alten Herrschaften beizeiten die Luft aus und das wasser kocht in der Ritze.

Wenn Wien also (noch) nicht so weit ist wie andere Städte, dann sollte man nicht nur auf die Politik schauen, auf die Stadtplanung, sondern auch auf die Geographie: Wie flach oder hügelig ist eine Landschaft und wie attraktiv oder unattraktiv ist sie somit für wenig geübte Radfahrer oder ältere Leute, die vielleicht nicht mehr ganz die Kondition haben wie Dreißigjährige? Na grüß Gott, dann fahr mal als ungeübter Radfahrer in Bad Gastein spazieren, na Holla die Waldfee!

Neben der Geographie einer Gegend liegt die Anerkennung neuer Mobilitätsideale nicht nur, aber auch am Mindset der Bürger und der Generation. Wie man schon bei Smartphones beobachten konnte, gibt es viele Menschen, für die diese Geräte nicht nur reine Gebrauchsgegenstände sind, sondern Statussymbole, Ikonen des Elitären, Mascherln für Leute, die gerne beschäftigt wirken, immer etwas Wichtiges zu tun haben und mit der Umwelt leider gerade nicht interagieren wollen oder können.

Ähnlich fiebrig geht es zu, wenn man das Thema Auto aufs Tapet bringt. Das Auto ist nicht nur ein reiner Gebrauchsgegenstand sondern ein Symbol der Freiheit, der Autonomie. Wer ein Auto hat, der kann es sich leisten. Der hat Geschmack und Geld, ist erfolgreich, ist im Besitz von etwas, das andere nicht haben. Oder nicht so toll.
Und so lange das Auto als Ikone des Erfolgs, der Mobilität und Autonomie gilt, so lange wird sich die regionale oder nationale Politik auch nicht durchringen können, echte Maßnahmen zu ergreifen udnein echtes neues Mindset zu unterstützen. Dazu kommt, dass der Besitz und das Betreiben eines Autos Geld in Umlauf bringen und im Umlauf halten. Wartung, Reparatur, Betankung, Parken, Betreiben - kostet alles Geld und es gibt mehr als genug unterschiedlichste Interessensvertreter, die daran wohl verdienen.

Es wird uns in Wien nichts helfen, sehnsüchtig nach Utrecht in den Niederlanden zu schielen, oder nach autofreien Innenstädten wie zB in Ljubljana

In anderen Flächenbezirken Wiens wie zum Beispiel Floridsdorf oder Donaustadt könnte man sehr leicht sehr viele Fahrradwege bereitstellen. Auch in anderen weitläufigen Bezirken wie Leopoldstadt oder Brigittenau. Aber alls, was so Richtung Westen rausgeht, ist ein bisserl unschön für so grumpy old men wie Richad und ich.

Für mich ist eine wesentliche Herausforderung auf dem Weg zu einem verkehrsberuhigten Leben (man muss nicht überall zu jeder Zeit hin, und man muss es schon gar nicht mit dem Auto) die Entmystifikation des Autos und eine klare Sicht auf das, was es ist. ein Gegenstand, der langsam aus der Mode kommt, weil sich zunehmend andere, attraktive Alterativen etablieren.
Ein bisserl mehr in die Grätzl-Infrastruktur investieren, in das 15-Minutes-City-Konzept (tuns eh), bisserl öfter zu Fuß gehen, und erkennen, dass Autonomie und persönliche Freiheit nicht wirklich gegeben sind, wenn man dazu einen Gegenstand braucht, den man idealisiert.

Ich bin davon überzeugt, dass wahre Autonomie und persönliche Freiheit mit dem Grad wachsen, mit dem man sich von Symbolen unabhängig macht.


You'll only receive email when they publish something new.

More from Peter Nathschläger
All posts